Silvester in Berlin: Wenig krachend ins neue Jahr

Böllerverbot und Coronamaßnahmen bescheren Berlin einen viel ruhigeren Jahreswechsel als sonst. Innensenator Geisel bedankt sich.

Polizisten stehen am Silvesterabend neben einem Einsatzfahrzeug auf dem Kottbusser Damm, im Hintergrund ein paar Raketen am Himmel

Bis auf die viele Polizei fast menschenleer: Berliner Straßen am Silvesterabend Foto: Paul Zinken/dpa

Silvesterimpressionen aus Nordneukölln: Dort, wo in normalen Jahren kriegsähnliche Szenen zu beobachten sind, herrscht diesmal ungewohnte Stille. Auf den großen Verkehrsadern ist kaum ein Mensch unterwegs. Dafür ist teils sogar das Knistern von Wunderkerzen zu hören, die auf Balkonen abgebrannt werden. In der Sonnenallee steht ein kleines Grüppchen, die vier haben ihr Jahresendmenü kurz unterbrochen, um vor dem Dessert auf der Straße anzustoßen: „Möglichst viele Gänge essen, um Zeit zu schinden“, beschreiben sie ihre Taktik an diesem seltsamen Abend.

Vor einem Späti in der Hermannstraße schauen gegen Mitternacht ein paar Freunde des Besitzers vorbei. Ein Dutzend Polizist*innen patrouilliert, hier ist eine der Böllerverbotszonen, die es zu kontrollieren gilt. Als sich zwei weitere Freunde zur Späti-Gruppe gesellen, kommt einer der Ordnungshüter: „Maximal zu zweit, die anderen ab nach Hause.“ Die Angesprochenen ärgern sich: „Warum sprechen sie dauernd uns an, aber andere, die hier mit Getränk die Straße langlaufen, nicht?“ Sie erzählen von Polizeikontrollen im Alltag, die sie als Schikane empfinden. Und sie sind erstaunt über das ruhige Silvester. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute sich dran halten“, sagt einer.

Ganz so still ist es in den Seitenstraßen dann aber auch nicht. Dort, wo es weniger übersichtlich ist und das Böllern offiziell nicht untersagt, stehen immer wieder Grüppchen von Ballerwütigen, die entweder einen großen Vorratsschrank voll Pyrotechnik besitzen oder sich in Polen mit Feuerwerk eingedeckt haben. Zwar wird insgesamt viel weniger Material abgebrannt als sonst, die ortsüblichen Abschusstechniken – Rakete quer über die Straße, Kanonenschlag unters Auto – lassen sich aber weiterhin beobachten. Unweit des Richardplatzes steht eine größere Gruppe in einem Hauseingang, ein Kind feuert eine ohrenbetäubende Salve aus einer Schreckschusspistole ab.

Nur 211 Brände

Am Neujahrsmorgen ist die Bilanz des Innensenators Andreas Geisel (SPD) und der Polizei dennoch positiv. Die überwiegende Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner habe sich verantwortungsbewusst verhalten. „Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken“, sagte Geisel. Die Polizei teilte mit, dass es zwar einige Angriffe auf Polizisten gegeben habe, aber kein Beamter schwer verletzt worden sei. Die Feuerwehr, die mit rund 1.500 Kräften im Einsatz war, dokumentierte 862 Einsätze zwischen 19 und 7 Uhr. In der Silvesternacht 2019 hatte sie noch fast doppelt so oft ausrücken müssen. 211 Brände mussten gelöscht werden (im Vorjahr: 617), 5-mal (statt 24-mal) kam es zu Übergriffen auf Einsatzkräfte, 4 davon mit Pyrotechnik.

Deutlich weniger als sonst, aber auch nicht nichts: Das trifft auch auf Berlins Krankenhäuser und Rettungsstellen zu. Allein im Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn mussten Handchirurgen 10 von Sprengkörpern verletzte Menschen notoperieren. Bei zwei der Patienten wurden Teile der Hände amputiert, so eine Sprecherin der Klinik. In den anderen Fällen habe es sich um Brandverletzungen, Fleischwunden oder Knochenbrüche an der Hand gehandelt.

Alkohol verknappt

Völlig neu für die Menschen in der Partystadt Berlin war das Alkoholabgabeverbot, das am Silvestertag um 14 Uhr in Kraft trat. Die Supermärkte hatten verschiedene Strategien, um das ihren KundInnen zu vermitteln. Am Neuköllner Tor machte der Laden direkt um 14 Uhr dicht. Märkte, die länger geöffnet hatten, schirmten die Bier-, Wein- und Schnapsregale teils mit Plastikfolien ab oder verbarrikadierten gleich ganze Gänge mit massiven Holzpaletten. Einige KundInnen schienen trotzdem kalt erwischt: „Ich bin aber doch vor 14 Uhr in den Laden gekommen, jetzt werde jetzt bestraft, weil es hier alles so lange dauert“, versuchte eine Frau im länger geöffneten Markt am Hermannquartier zu argumentieren. „Lass mal, ich weiß schon, wo wir noch was kriegen“, beruhigt ihre Freundin.

Denn natürlich hielten sich nicht alle an die ungewohnte Bestimmung zur Pandemiebekämpfung. „An einer Absperrung in Mitte fuhr unseren Kollegen ein betrunkenes Pärchen auf E-Scootern in die Arme“, twitterte die Polizei kurz vor 23 Uhr. „Beide waren sehr redselig und verrieten, dass sie den Alkohol aus dem Späti um die Ecke hatten. Unsere Kollegen fuhren dort auch gleich hin und machten den Laden dicht.“

Am wenigsten zu tun im Vergleich zu gewöhnlichen Jahren hat wohl die Berliner Stadtreinigung: „Nach unserer Einschätzung gibt es deutlich weniger Silvestermüll als in den Vorjahren“, sagte BSR-Sprecher Sebastian Harnisch der dpa. „Wir verzeichnen kaum flächendeckende Verschmutzungen, sondern eher punktuelle Verunreinigungen.“ Der „Spezialeinsatz Neujahrsreinigung“ könne diesmal ausfallen, nur die „normale Feiertagsbesetzung“ von 260 Beschäftigten und 80 Fahrzeugen sei im Dienst – halb so viele wie sonst nach Silvester. (mit dpa)

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