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Serie über erste Influencer-GenerationLikes für die Leerstelle

Noch vor Tiktok formten Blogs die ersten Internet-Karrieren. Die Serie „Requiem für Selina“ erzählt vom Aufstieg und Fall einer Außenseiterin.

Selina (Elli Rhiannon Müller Osborne) unterzieht sich einer Brustvergrößerung in der Türkei Foto: zdf/dpa

Unter einem Requiem versteht man in der katholischen Kirche ein Gebet für die Verstorbenen. Deren Seele soll, darum flehen die Lebenden, Frieden finden. In der norwegischen Serie „Requiem für Selina“ sucht auch Selina (Elli Rhiannon Müller Osborne) nach diesem Seelenfrieden, allerdings nicht für eine andere Person, sondern für sich selbst. Oder einer jüngeren Version ihrer selbst, die für sie aber auch schon längst gestorben ist.

Die Geschichte von Selina beginnt ganz unmissverständlich im Jahr 2005: Die jüngere Selina hat ihre wasserstoffblonden Haare im Seitenscheitel, trägt hellrosa Lipgloss, dünne Augenbrauen und den weißen Minirock hüfttief, trotz des hohen Schnees. Selina findet in ihrer Kleinstadt keinen Anschluss, wird gemobbt, ausgegrenzt, schon seit der Grundschule.

Zuhause flüchtet sie sich ins Internet. Auf ihrem Blog schreibt sie als „Celina Isabelle“, erzählt dort von einem ganz anderen Leben voller Partys und Hook-ups. Ein Leben, so inszeniert, wie sie es gerne haben würde. Spannend, dass ihr Blog gerade dann Aufmerksamkeit bekommt, als Selina ihre wirklichen Erfahrungen aus der Schule teilt, sich verletzlich macht. Ihre verletzliche Seite sehen wir in der Serie später kaum noch. Ab jetzt gibt es nur noch Celina Isabelle.

„Requiem für Selina“, ab 3. 2., 23.05 Uhr, ZDFneo und Mediathek

Die Serie beschäftigt sich mit der ersten Generation an In­flu­en­ce­r*in­nen. Denen, die noch vor Tiktok, vor Instagram oder Youtube angefangen haben, Blogs zu schreiben. Selinas Figur basiert lose auf der norwegischen Bloggerin Sophie Elise Isachsen, die auch beim Drehbuch der Serie mitgewirkt hat.

Heute scheinen aus der Masse an Crea­to­r*in­nen kaum noch welche so herauszustechen, wie Bianca Heinickes, die Dagi Bees oder eben Celina Isabelles. Es ist eine Zeit ohne ausgefeilte Algorithmen, ohne KI-Posts, eine, in der die Kommerzialisierung der Szene gerade erst beginnt, in Konferenzräumen geschmiedet wird. Ein Blick zurück zeigt: Wie sind wir hier eigentlich gelandet?

Klicks durch Provokation

Selina lernt schnell, dass die meisten Klicks durch Provokation kommen. Mit 18 lässt sie sich zum ersten Mal die Brüste machen. Ihre Nase wird immer dünner, die Lippen immer voller, sie postet freizügige Videos, wird beim Koksen erwischt, sorgt für einen Skandal nach dem nächsten.

Das bewundernswerte Mädchen, das sich gegen Mobbing starkgemacht hat, ist sie nicht mehr, vielmehr wird ihr immer häufiger vorgeworfen, ein schlechtes Vorbild zu sein. Die Serie fragt, wo die Authentizität der In­flu­en­ce­r*in­nen ihre Grenzen hat. Ab wann sie nicht mehr nahbar, sondern schädlich ist.

Es gelingt, den Zeitgeist der 2000er und 2010er einzufangen und die Schnelllebigkeit, die die Blog­ge­r*in­nen­sze­ne ausmacht. Doch der Hauptkonflikt um eine Protagonistin, die sich auf der Suche nach Bestätigung und Ruhm selbst verliert, ist eine vorhersehbare Geschichte, die nicht viel Neues über die Szene erzählt.

Dabei wäre es gerade spannend gewesen, diese Schnelllebigkeit, diese immer drohende Bedeutungslosigkeit weiterzuführen. Sich zu fragen, wo ihre Grenzen sind. Ob es Selinas Blog heute noch in dieser Form geben würde, es ihn überhaupt noch geben kann.

Sophie Elises letzter Upload auf Youtube ist vier Jahre her. Ihr Instagram-Account ist heute privat.

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