Serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro: Straßensperren gegen den Metropolit

In Montenegro haben Hunderte Demonstranten versucht, die Amtseinführung von Bischof Joanikije zu verhindern. Sie fühlen sich von Serbien bedroht.

Bischof Joanikije umringt schwer bewaffneten Polizisten und Sicherheitspersonal

Musste mit dem Hubschrauber eingeschleust werden: Bischof Joanikije am Tag der Zeremonie Foto: Stevo Vasiljevic/reuters

SARAJEVO taz | Trotz zum Teil heftiger Proteste mit Straßenblockaden ist es der serbisch-orthodoxen Kirche in Montenegro doch noch gelungen, Bischof Joanikije zu ihrem Oberhaupt zu küren. Hunderte Demonstranten haben am Sonntag versucht, dies zu verhindern, und warfen mit Steinen und Flaschen. Die Polizei setzte Tränengas ein, mehrere Beteiligte wurden verletzt.

Eigentlich war die Amtseinführung schon am Sonntag um acht Uhr geplant gewesen, doch die wütenden Demonstranten blockierten die Zufahrtswege zum Kloster der alten montenegrinischen Königsstadt Cetinje, wo die Zeremonie stattfinden sollte. Der Metropolit und damit das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche in Serbien, Porfirije, musste mit anderen Priestern mit einem Hubschrauber eingeflogen werden.

Für die Demonstranten war schon die Auswahl des Ortes der Zeremonie eine Zumutung. Denn die bis 1918 als Königsstadt angesehene Stadt Cetinje wird von der Mehrheitsgesellschaft als die eigentliche Hauptstadt ihres Landes empfunden, als Symbol der montenegrinischen Unabhängigkeit von Serbien. Montenegro war 2006 von Serbien unabhängig geworden.

Ausgerechnet im Kloster dieser Stadt den serbischen Metropoliten einzuführen ist für viele Montenegriner eine Provokation ersten Ranges. Denn der Vorgang symbolisiert für sie den Vorrang Serbiens vor Montenegro und den Zugriff Serbiens auf Montenegro.

Als nach dem Ersten Weltkrieg das Königreich Jugoslawien entstand, setzte Serbien den bis dahin herrschenden König ab und verwaltete das Land. Die serbisch-orthodoxe Kirche zerschlug die montenegrinische Kirche und eignete sich alle Klöster und Liegenschaften an. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Sieg der Partisanen gegen den Faschismus wurde Montenegro als gleichberechtigte Republik wieder aus der Taufe gehoben.

Weg zur Unabhängigkeit

Mit dem Auseinanderfallen Jugoslawiens versuchte der damalige serbische Staatschef Slobodan Milošević, Montenegro weiterhin an sich zu binden, doch schon während des Krieges in Kroatien und Bosnien-Herzegowina taten sich Spannungen auf, denn in Montenegro wuchs die Opposition gegen die serbischen Aggressionskriege in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und später im Kosovo. Der von Milošević eingesetzte Präsident Milo Ðukanović versuchte zum Missfallen seines Mentors, sich schon Mitte der 1990er Jahre Schritt für Schritt von Serbien abzulösen, 2006 schließlich gelang es ihm, Montenegro zum Entsetzen der serbischen Nationalisten und der etwa 30 Prozent der Montenegriner, die sich als Serben fühlen, in die Unabhängigkeit zu führen.

Ðukanović erkannte die neu erstandene montenegrinisch-orthodoxe Kirche als autokephal an, also als unabhängige Nationalkirche. Und diese Kirche ging daran, das 1918 von der serbisch-orthodoxen Kirche vereinnahmte Kirchengut mitsamt der Klöster und riesigen Ländereien zurückzufordern.

Das rief aber den erbitterten Widerstand der serbischen Orthodoxen hervor. Die pro-serbischen Kräfte geißelten im Gegenzug die Korruption des Regimes Ðukanović und konnten bei der Parlamentswahl im September 2020 so auch serbienkritische Montenegriner auf ihre Seite ziehen. Es gelang, eine Koalition aus pro-serbischen Nationalisten, in erster Linie nach außen hin westlich ausgerichteten Liberalen und sogar einer Albanerpartei zu schmieden.

Der Einfluss der serbisch-orthodoxen Kirche ist seither in Montenegro deutlich gewachsen. Aber auch der Widerstand gegen sie hat sich, wie die Blockaden vom Sonntag zeigen, wieder formiert.

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