Sehenswerte Ausstellungen in Norwegen: Häuser an der Nordsee

Zwei norwegische Ausstellungen verbinden Wasser, Natur und menschengemachte Eingriffe in diese. „House of Commons“ in Moss und „The Ocean“ in Bergen.

Die Installation von Ei Arakawa im norwegischen Berge. Auf einer Rinne fließt radioaktives Wasser aus Fukushima

Installation des japanischen Künstlers Ai Arakawa in Bergen: Radioaktives Wasser in einer Rinne Foto: Vera Lunde

Die Pandemie schwebt über allem, wie ein böser Geist. Einerseits ganz konkret, wenn man bei der Einreise nach Norwegen seine Impfnachweise vorlegen und einen bangen Moment vor dem Grenzbeamten ausharren muss, bis man ins Land gelassen wird. Andererseits auch recht vage, aber nicht weniger drängend.

Wie geht es weiter? Auf welche Weise werden die Auswirkungen der Pandemie unser Zusammenleben verändern und in der Zukunft auf die Art und Weise einwirken, wie wir Gemeinschaft erleben und Gemeinsinn entwickeln werden?

Fragen nach der Zukunft der Gemeinschaft stehen auch im Mittelpunkt zweier Ausstellungen in Norwegen. Die haben miteinander gemein, dass die Kuratoren beider Projekte ihre Ansätze zwar lokal herleiten, aber dann weit über ihren gegebenen Tellerrand blicken, auch wenn sich dies nicht immer einfach gestaltet.

Verwerfungen in Moss

In der Kunsthalle der alten Hansestadt Bergen eröffnete vor Kurzem die Ausstellung „The Ocean“, kuratiert vom Direktor der Kunsthalle, Axel Wieder. Und die Théo-Mario Coppola zugeschriebene 11. Ausgabe der Momentum Biennale ist unter dem Titel „House of Commons“ in der Kleinstadt Moss zu sehen, vierzig Bahnminuten von Oslo entfernt. Dort ist die Lage kompliziert: Der Kurator wurde wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung gefeuert, weil er wohl nicht rechtzeitig Texte zum Ausstellungskonzept vorlegen konnte.

„House of Commons“, bis 10. Oktober, Galleri F 15, Moss/Norwegen

„The Ocean“, bis 31. Oktober, Kunsthall, Bergen/Norwegen

Nun stellt sich die Frage, ob er nun als Kurator genannt werden darf oder soll. Darüber gibt es nun handfesten Streit. Eine unschöne Debatte entspann sich aufgrund von Vorwürfen und Gegenvorwürfen.

Die Fallhöhe der Ausstellung wird durch ihren Titel nicht geringer: „House of Commons“ bezieht sich gleichermaßen spielerisch auf das Unterhaus des englischen Parlaments, aber auch auf eine Arbeit der norwegischen Künstlerin Marianne Heske, die 1980 eine norwegische Holzkate aus dem 18. Jahrhundert im Centre Pompidou in Paris installiert hatte und anschließend wieder an ihren Ursprungsort zurückschickte. Vor sechs Jahren installierte sie diese Kate erneut, diesmal vor dem norwegischen Parlament und unter dem Titel „House of Commons“.

In Auftrag gegebene Werke

Aber dürfen die Organisatoren die Ausstellung tatsächlich ohne den Kurator realisieren? Wessen Verfehlungen hatten denn nun zuerst „irreparable Schäden“ ausgelöst? Und welche Verpflichtungen hat die Organisation der Biennale der Öffentlichkeit und den hier „Praktiker*innen“ genannten Künst­le­r*in­nen gegenüber, gerade auch in Auftrag ge­gebene Werke auch zu zeigen? Ist das überhaupt noch eine Ausstellung?

Zehn der 27 eingeladenen Teil­neh­me­r*in­nen forderten umgehend die Wiedereinsetzung des Kurators, sieben bestanden letztlich darauf, dass ihre Arbeiten aus der Ausstellung entfernt werden sollten, als sie von den Vorgängen erfahren hatten. Heikel, die Sache. Nach der Wiedereröffnung der Biennale ging es den Organisatoren in Moss vornehmlich darum, das Vertrauen des verunsicherten Publikums zurückzugewinnen.

Insofern ist es naheliegend, dass das, was man nun dort zu sehen bekommt, lückenhaft erscheint. Gerade die Vermittlung einzelner Werke und bestimmter Entscheidungen ist schwierig, wenn ein Statement des Kurators fehlt. Warum zum Beispiel sind in den zugegeben wunderschönen Rohholzpavillions des mexikanischen Architekturkollektivs S-AR mit den Videos von Daisuke Kosugi und Siri Hermansen, Arbeiten installiert, die jeweils auf den Zweiten Weltkrieg Bezug nehmen?

Paradigmenwechsel gefordert

Was bedeutet das, wenn in der ersten dürftigen Ankündigung ein Paradigmenwechsel gefordert wurde und Änderungen hinsichtlich „aktueller und historischer Herrschaftsformen, die aus Kapitalismus, Kolonialismus, Rassismus, Patriarchalismus und Geschlechternormativität resultieren“?

Der Lebensbaum im wunderschön gestickten Wandteppich des philippinischen Künstlers Cian Davrit ist eine perfekt plakative Illustration dieses Ansatzes: Wurzelstränge, mit „Kapitalismus“ und „Bürokratie“ bezeichnet, bringen Äste mit den Begriffen „Militarisierung“ oder „Hunger“ hervor. Eine weitere Textilarbeit ist der explizit als antifaschistisches Statement zu verstehende Wandteppich „Etiopia“, 1935 von Hannah Ryggen gewebt, als Protest gegen die damalige italienische Invasion Äthiopiens unter dem faschistischen Duce Benito Mussolini im selben Jahr.

Es wäre nicht ohne Ironie, wenn ausgerechnet eine Ausstellung, die sich mit Pathos das Thema Zusammengehörigkeit einerseits und horizontale Strukturen andererseits auf die Fahnen geschrieben hat, nun genau an der Umsetzung dieser Werte scheitern würde. Noch dazu in der Idylle der unter Naturschutz stehenden Landschaft der norwegischen Insel Jeløya, wo sie in einem im klassizistischen Stil gebauten Gutshaus untergebracht ist.

Flora und Fauna

Es beherbergt nicht nur die Galleri F15, wo der größte Teil der Ausstellung zu sehen ist, sondern in einem Wirtschaftsgebäude neben einer kleinen Ausstellung zu lokaler Flora und Fauna auch eine von Studierenden erarbeitete Präsentation zur Geschichte der Landschaftsgestaltung rund um den Hof.

So lässt sich nachvollziehen, dass eine vor Kurzem gesetzte Eiche an genau der Stelle steht, wo bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs über Jahrhunderte eine Eiche stand, die nach 1940 von den deutschen Besatzern gefällt wurde, weil sie den Flakschützen der Wehrmacht die Sicht in den Fjord versperrte. Details wie dieses helfen den idyllischen Eindruck historisch einzuordnen und stellen mehr als nur eine Fußnote dar.

Ein besonders spannendes Projekt von Studierenden liegt in den Räumen der Kunsthall Bergen aus. Eine gut hundertseitige Zeitung der Bergen School of Architecture (BAS) untersucht das „lange und oszillierende Vermächtnis der Beziehungen zum Meer“ der Provinz Vestland. Das Oszillieren entsteht durch den Kontrast zwischen den Beschreibungen der Nordsee als einem auf extreme Weise (Fischfang, Ölförderung, Tourismus, Verkehr) industriell erschlossenem Gewässer einerseits.

Blaue Ökonomie

Andererseits vor dem Hintergrund der „blauen Ökonomie“, die eine Ausbeutung der Ozeane unter den Bedingungen der Nachhaltigkeit erst am Anfang sieht: Die Förderung von raren Mineralien aus Manganknollen am Meeresgrund der Tiefsee, Algen als Nahrungsquelle, neue Energiequellen.

Über Jahrhunderte hat sich die Stadt Bergen über ihre Beziehung zur Nordsee definiert, und so bildet diese Zeitung, die mit ihrem umfangreichen Informations- und Bildmaterial sowohl den Abwrackprozess von Bohrplattformen wie Aspekte der Lachszucht beinhaltet, den analytischen Hintergrund zur Ausstellung. Sie erstreckt sich nicht nur auf die Kunsthalle, sondern dehnt sich auch an fünf Punkten in das Stadtgebiet von Bergen aus.

So etwa bei der Performance von Ei Arakawa, der dafür radioaktiv verstrahltes Wasser aus Fukushima sammelte und es in einer beinahe karnevalesken Parade von Studierenden der Kunst und der Architektur durch ein System von Rinnen nur fast bis ins Meer leiten ließ. Nur Zentimeter bevor das strahlende japanische ins vermeintlich weniger kontaminierte norwegische Wasser gelaufen wäre, wurde es von den Studierenden wieder aufgefangen und zurückgetragen. Das alles unter den Augen des Künstlers, zugeschaltet per Video auf einem mobilen Gerät in den Händen des Kunsthallen Direktors, Axel Wieder.

Ausgangspunkt dieses Parallelwasserkreislaufs war eine Backsteinskulptur des Dänen Per Kirkeby, die hier fröhlich zweckentfremdet wurde. Wenigstens wird sie mal nicht als öffentliches Pissoir benutzt, meinte eine schmunzelnde Passantin. Noch ein Wasserkreislauf! Letztlich auch ein Hinweis auf Humor, der etwas Distanz schafft. Denn auch in Bergen lief nicht alles rund: Die Installation zahlreicher neuer, extra für „The Ocean“ konzipierter Arbeiten hat Wieder und das Team der Kunsthalle an ihre Grenzen gebracht.

So etwas sei ihm noch nie passiert, erklärt der Direktor: „Da stehst du da, mit dem Künstler am Handy, und diskutierst: Soll das so oder so?“ Letztlich wurde die Eröffnung um eine Woche verschoben, und nun ist die Schau endlich zu sehen. Sie zeigt, was wir seit der Pandemie am eigenen Leibe erfahren haben: Die hohe See trennt uns nicht, sie verbindet uns.

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