Seelisches Wohlbefinden heute: Ein normaler Tag in der Pandemie

Erleben Sie unseren neuen Kolumnisten bei der Verrichtung seines Alltags zwischen Daimler-Aktien, Tönnies-Hackfleisch und Müslirosinen.

Eine Kassierin an der Kasse hinter aufwändigen Schutzwänden aus Plexiglas in der Corona Krise

Auch in der Krise muss man sich noch zwischen 70 Deos entscheiden Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Guten Morgen! Der Wecker klingelt, ein neuer Tag beginnt (und eine neue Kolumne). Welcher ist heute? Ein ganz normaler Tag in der Pandemie. Frühlingszeit ist Dividendenzeit, ruft der Wirtschaftsredakteur aus dem Radio. 1,4 Milliarden Euro schüttet Daimler an seine AktionärInnen aus. Die Hälfte kommt als Kurzarbeitergeld vom Staat. Zum Abschluss der Nachrichten noch ein Blick auf die Zahlen: Die Infektionen steigen, aber der DAX steigt höher. Und damit zum Wetter.

In der ersten Welle glaubten viele noch, dass sich nun alles ändern würde: Solidarität statt Konkurrenz. Ein Jahr später kämpft jeder für sich allein. In der Whatsapp-Gruppe streiten meine Freunde, ob man nach Mallorca fliegen darf oder dann ein Schwein ist. In der Kitagruppe streiten Alleinerziehende mit Eltern, die nicht „systemrelevant“ sind, aber trotzdem Kinder haben. Es ist wie vor Corona, nur ein bisschen anstrengender.

Aber es ist ja Mittwoch oder irgendein anderer Tag, und beim Frühstück interessiert sich kein Haushaltsmitglied für meine Parolen, sondern nur dafür, wer mehr Rosinen im Müsli hat. Also schnell zur Kita, dann in den Supermarkt, preppen für den Lockdown.

Das Tönnies-Hack in der Kühltruhe ist billig wie eh und je, ob da auch ein rumänischer Finger drin ist, kann man durch die Folie nicht erkennen. Ich hetze weiter durch die Gänge. Jetzt muss ich zwischen 80 Sorten Deo entscheiden. Kann ich 79 tauschen gegen einen Impfstoff? Zur Kasse: Macht 86,73 Euro für Dieter Schwarz, den reichsten Deutschen.

Viele kennen Ketamin nur als Partydroge oder Betäubungsmittel für Pferde. Doch der Wirkstoff wird auch bei Depressionen eingesetzt. Klappt das? Eine Recherche – in der taz am wochenende vom 10./11. April 2021. Außerdem: Wie man Langeweile als Antrieb nutzen kann. Und: Der ehemalige Sternekoch Peter Frühsammer leitet jetzt eine Krankenhauskantine. Ein Gespräch über Urlaub auf dem Teller und Mutti-Gerichte. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Jetzt aber schnell ins Homeoffice, Kolumne schrei­ben. Homeoffice heißt in meinem Fall: ein Küchentisch in meinem Schlafzimmer, auf dem eine Holzkiste steht (hab Rücken, muss im Stehen arbeiten). Aber immerhin ein Job ohne das Risiko, krank zu werden. Zur Ablenkung erst mal ein bisschen hier klicken, ein bisschen da, Spiegel, Zeit, Twitter, alles interessant.

Die Systemfrage ist nach hinten ins Feuilleton gewandert, Moralismus und Neiddebatten wieder nach vorne. Wenn zwischen den Artikeln über das C-Wort noch Platz ist, interessieren sich Medien diese Woche ausschließlich für die K-Frage. Und damit ist nicht Klasse gemeint, sondern wie der Mann heißen soll, der uns in Zukunft sagt, dass sich möglichst wenig ändern darf.

Jede Äußerung der beiden Kandidaten wird seziert. Aber wenn ich eine Sendung sehen möchte, in der Markus was Gemeines über Armin sagt, schaue ich doch lieber Germany’s Next Topmodel, da wird wenigstens mal geheult.

Wie wäre es zur Abwechslung mit etwas Substanz (denn darum soll es gehen in dieser Kolumne: Materielles, Cash, den Kern der Sache)? Heute, an diesem ganz normalen Mittwoch in der Pandemie, ist Weltgesundheitstag. Die Bundesregierung bittet die BürgerInnen, auf ihr „seelisches Wohlbefinden“ zu achten. Ist bestimmt lieb gemeint.

Weltgesundheitstag, das ist der Geburtstag der WHO, jener Organisation, die von Deutschland (und anderen) beim Versuch boykottiert wird, Patente für Corona-Impfstoffe zu teilen. So bleibt die Rettung der Menschheit im Privateigentum von ein paar Menschen, die auf Kosten der Öffentlichkeit forschen durften. Enteignet Springer? Wie wäre es mit „Enteignet Biontech“?

Es wird dunkel. Die Sonne geht unter, der 38. Abschiebeflug nach Afghanistan steigt in den Berliner Himmel. Laptop zu, morgen ist auch noch ein Tag. Welcher nochmal? Wir stehen mit dem Virus auf und gehen mit ihm ins Bett. Und können uns nach einem Jahr Pandemie eher ein ewiges Leben mit der Mutante vorstellen als eine Gesellschaft, in der so ein Tag nicht die Normalität ist. Good Night. And good luck.

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Geboren 1988 in Hamburg. Studium in Berlin, Jerusalem und Ramallah, Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Seit 2015 Redakteur der taz.am wochenende, dort zuständig für Reportage und Titelgeschichten. In der taz schreibt er außerdem die Kolumne „Materie“.

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

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