piwik no script img

Schwimm- und Sprung-EM in ParisSpäter Sprung zum Titel

Ein brillanter letzter Sprung beschert Moritz Wesemann den EM-Titel vom 1-Meter-Brett. Dabei hatte er zuvor mit arger Müdigkeit zu kämpfen.

In Paris war es bereits kurz nach elf am Abend, als Moritz Wesemann und die beiden Briten Jack Laugher und Jordan Houlden dann doch mal zur Siegerehrung gebeten wurden. Weil sich die Wassersprunggemeinde bei der EM in der französischen Metropole das Becken mit den Synchronschwimmerinnen und -schwimmern teilt, ist der Zeitplan im Centre Aquatique Olympique gut gefüllt. Und die kontinentale Sprungelite muss ihre Kunststücke nun eben ungewohnt spät in den Pool zaubern.

So stand der gebürtige Aachener Wesemann trotz einer schmerzhaften Schulterverletzung am Samstag zu vorgerückter Stunde also als neuer alter Europameister vom 1-Meter-Brett ganz oben auf dem Podest – und sang bei der deutschen Nationalhymne feste mit. Vielleicht auch, um prophylaktisch mögliche Schlafattacken zu vertreiben. Denn solche hatten ihm während des hochklassigen Wettbewerbs zu schaffen gemacht.

„Ich habe nach der vierten Runde einen Müdigkeitsanfall gekriegt – also gemerkt: Jetzt wird es noch mal haarig“, berichtete Wesemann. Herausfordernde Umstände für die finalen zwei Sprünge, die er dann allerdings exzellent meisterte. Speziell den letzten: Eineinhalbfacher Auerbachsalto mit dreieinhalb Schrauben. Schwierigkeitsgrad 3,6 – der höchste in der gesamten Konkurrenz.

Die Jury war angemessen begeistert vom Mut, von der Sprungkraft und der Eleganz des 24-Jährigen, ihre Wertung katapultierte Wesemann von Platz zwei auf den europäischen Thron. Mit sogar stattlichem Vorsprung auf Jack Laugher aus Harrogate im Norden Englands, der vor dem letzten Sprung geführt hatte.

Die Jury war angemessen begeistert vom Mut und der Eleganz Wesemanns

Synchron zu Silber

Der Reinfall vom Vortag war damit abgehakt. Zum Start in die Titelkämpfe musste sich das DSV-Quartett da mit einem enttäuschenden siebten Platz im Mixed-Team-Wettbewerb abfinden – im wackligen Boot saß neben Wesemann unter anderen Pauline Pfeif. Bereits zwei Stunden vor ihrem Teamkollegen wetzte die Wasserspringerin vom Berliner TSC die Scharte vom Freitag aus, holte Silber in der Synchron-Konkurrenz vom Turm. Seite an Seite mit ihrer Vereinskollegin Elena Wassen – jener Frau, die Moritz Wesemann einst in Aachen überhaupt erst zum Wasserspringen brachte.

Das Rheinland haben beide längst verlassen. Wassen zog schon vor 13 Jahren nach Berlin in ein Sportinternat, Wesemann trainiert seit Ende 2025 bei Chef-Bundestrainer Christoph Bohm in der deutschen Hauptstadt. Zurückgekehrt ist der Wassersportler vom SV Halle aus den USA, wohin er nach den Olympischen Spielen 2024 aufgebrochen war.

Wesemann suchte damals eine neue Herausforderung, wollte mal raus aus Deutschland. Anderthalb Jahre studierte er in Los Angeles, in diesem Jahr schloss er seinen Masterstudiengang in Computer-Wissenschaften ab.

Die Affinität zu Zahlen und Technik lässt der nun dreimalige Europameister dabei auch in sein Leben als Leistungssportler konsequent einfließen. In Paris zum Beispiel kontrollierte er regelmäßig seine Herzfrequenz: Beim missratenen Team-Event war sie mit knapp 170 noch etwas zu hoch, im Vorkampf vom 1-Meter-Brett am Samstagmittag hatte Wesemann den Puls dann schon besser unter Kontrolle. „Im Finale waren es wahrscheinlich nur 140 oder 150“, mutmaßte er nach seinem Gold-Coup schließlich. „Und ich glaube, so ein bisschen gewusst zu haben, wie man das dann reguliert.“

Das habe geholfen, so habe er den Wettkampf genießen und Spaß daran haben können. So erzählte der Mann, den neben Atemübungen auch der gezielte Austausch mit Chat GPT in der Schwimmhalle in Saint-Denis in die richtige Spur schob.

Gut organisiert sein muss der erste Goldspringer des DSV bei dieser EM ohnehin: Weil seine Freundin in Montreal lebt, hat er als Pendelflieger die USA mittlerweile gegen Kanada eingetauscht. Bei der EM in Paris steht für ihn am Mittwoch noch die Konkurrenz vom 3-Meter-Brett auf der Agenda. Samstagnacht drängte im Centre Aquatique Olympique zunächst aber das frisch Erlebte voll ins Bewusstsein. „Ich habe jetzt“, erwähnte Moritz Wesemann nach der Siegerehrung jedenfalls, „noch so viel Adrenalin in mir, dass ich wahrscheinlich erst mal nicht pennen kann.“

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare