Die Wahrheit: Schwenkfutter mit Talent
Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (238): Zahme Tiere im Film können ihren Spaß haben, aber auch Probleme.
Je weniger Tiere es gibt, desto beliebter sind Tierfilme. „Was zu verschwinden droht, wird Bild“, so Walter Benjamin. Dafür gründen sich immer mehr Agenturen zur Vermittlung von Tieren für Film und Fernsehen. Den Anfang machte hier die ehemalige Borsig-Chefsekretärin Rosemarie Fieting 1987 mit einer Künstleragentur für Look-Alikes und Tiere.
Bei der steigenden Zahl ihrer Tieraufträge hat Frau Fieting mit vielen „schwierigen“ Besitzern zu tun, die oft besondere Bedingungen stellen. Bei einer Katze, die für 200 Euro in einem FU-Lehrfilm mitspielen sollte, waren das zum Beispiel „keine Scheinwerfer, keine Zugluft, keine Straßenszenen, keine lauten Geräusche“.
Manche Leute vermarkten ihre „Filmtiere“ selbst. Das in Hoppegarten lebende Ehepaar Ralf und Manuela Grabo zum Beispiel. In ihrer Scheune und in Volieren im Garten halten sie vier Krähen, drei Greifvögel, einen Kolkraben und zwei Pferde. In zwei Terrarien im Haus leben fünf Riesenschlangen. Ralf war früher Jockey, Manuela hat als gelernte Tischlerin früher nie etwas mit Tieren zu tun gehabt. Sie fand jedoch Schlangen „schon immer schön, mein Liebling aber ist der Uhu“. Dieser sowie die anderen Greifvögel wurden zu DDR-Zeiten aus Nachzuchten erworben.
Über den Heimtierpark Thale fanden die Grabos 1995 ihren Kolkraben „Kolja“, der seinen Namen sowie „Hollo“ sagt, außerdem kann er bellen und gackern. Eine ihrer Nebelkrähen spielte in einem Film mit, der im Knast Rummelsburg gedreht wurde, sowie in einem Fantasiefilm – auf einem See in Sachsen, wo sie auf dem Rand eines im Wasser schwimmenden großen Schuhs entlangzugehen hatte: „Die tat das, als hätte sie nie etwas anderes gelernt.“
Eine Zumutung!
Auch die Zumutung, mit einem fremden Hund zusammen einen überfahrenen Hasen an der Landstraße zu verspeisen, absolvierte sie mit Bravour: „In die Kamera fliegen musste sie dann auch noch, und dann hatte die Filmproduktion noch nicht mal genug Geld dafür.“ Die leidige Honorarfrage.
Eine andere Krähe spielte – für ein Trinkgeld – in einem Kinderfilm mit: auf einem schwankenden Oderkahn. „Auch das hat gut geklappt, mit der Zeit werden wir ja sowieso alle, wie soll ich sagen: professioneller.“ Grabos Bussard trat in einem Stück von Johann Kresnik auf: Er saß auf dem Arm einer schwangeren Schauspielerin. Obwohl der Vogel kaum Probleme mit dieser Rolle hatte, durfte er dann nicht mit auf ein Gastspiel der Volksbühne nach Belgrad: „Die Behörden wollten es nicht genehmigen. Serbien gehöre nicht zur EU.“
Eine der Schlangen der Grabos wirkte zuletzt in einer TV-Dokumentation über verbotenen Tierhandel mit, wo sie auf einem Zollhof eine beschlagnahmte Python zu mimen hatte, die noch ganz benommen war von der Schmuggeltour: Es klappte auf Anhieb.
Die Berliner Volksbühne war bekannt dafür, dass sie in ihren Stücken oft und gern Tiere einsetzte: Hunde, Pferde und ganze Ziegenherden. Die meisten Tiere engagierte Intendant Frank Castorf von Bernd Wilhelm. „Schon immer“ hatte dieser privat Tiere gehalten – die überdies gern irgendwelche „Dummheiten“ machten. Mit den Jahren entstand daraus eine ebenso eigenwillige wie freundliche Dressurmethode, die sich auszahlte, insofern Herr Wilhelm mit seinen Tieren nicht nur von der Volksbühne „gebucht“ wurde: „Die Tiere arbeiten für ihren Lebensunterhalt.“
Missy missbraucht
Die meisten seiner Tiere landeten nach einer „Leidensgeschichte“ bei ihm, und sie müssen nicht auftreten, wenn sie nicht wollen. Die Perserkatze „Missy“ zum Beispiel „wurde schlecht behandelt“: Jetzt liegt sie die meiste Zeit hinterm Ofen in einem Pappkarton. Benno, der kurzbeinige Hund, gehörte einer Fixerin. „Fuchsy“ wurde angefahren am Straßenrand gefunden. Der Kapuzineraffe „Kingkong“ „arbeitet zwar nicht gern, ist dafür aber nie böse“.
Alle Tiere, auch die Waschbären, der Nasenbär, die Zwergschweine und die Hühner verstehen sich untereinander: „Das müssen sie auch, sonst geht das gar nicht.“
Herr Wilhelm lehnt Aufträge, bei denen sie „schwierige Sachen“ machen sollen, ab. Einmal buchte die Volksbühne seinen Hengst, damit der auf der Bühne mit herabhängendem Gemächt und von den Schauspielerinnen bewundert, auf und ab gehe. Einen Plastikpenis fand der Chefdramaturg zu unrealistisch, deswegen schlug er eine „leichte Narkose“ vor, dabei hängt das Gemächt unwillkürlich herunter.
Wilhelm fand diese Forderung unannehmbar. Sein Esel Max hatte ein wochenlanges Engagement am Gorki-Theater – und wurde dort von den Schauspielerinnen verwöhnt. Wilhelms Ziege tritt regelmäßig bei „Porgy und Bess“ auf, wenn das US-Musical in Berlin gastiert. Sein Hahn Theo spielte in einem Videoclip der Lassie Singers mit: Er musste auf einer Haltestange in der U-Bahn sitzen, dabei schiss er der Sängerin auf den Kopf.
Auf dem Land, bei Oranienburg, lebt die Hundetrainerin Sabine Berg, in einem kleinen Reihenhaus mit einem winzigen Garten. Sie hat neun Hunde. Trotzdem sieht dort innen wie außen alles blitzblank aus, selbst auf den Plüschsesseln findet sich kein einziges Hundehaar. „In so einer Wohngemeinschaft, wie wir sie hier haben, muss jeder Rücksicht auf den anderen nehmen und sich halbwegs anständig betragen“, erklärte sie.
Naturtalent
Ihre letzte Neuanschaffung war ein großer grauer Mischlingshund, den sie sich in einem polnischen Tierasyl beschaffte und aufpäppelte. Gleich bei seiner ersten kleinen Filmrolle erwies er sich als ein „wahres Naturtalent“: Er musste in einem TV-Krimi neben einem Mann über einen Acker gehen, dieser wurde dann erschossen und der Hund sollte die ganze Zeit traurig neben der Leiche ausharren, die er ab und zu beschnüffelte und anstupste, so als könne er es nicht fassen. „Das hat der so gut gemacht, das ich glaube, aus dem wird noch mal was.“
Das muss nicht unbedingt positiv sein, wie wir aus vielen Hollywood-Tierkarrieren wissen. 2013 veröffentlichte der englische Autor James Leever die Biografie eines Affen „Ich Cheeta“: Der Schimpanse wurde 1932 geboren. Wie Kafkas Affe war er im Show-Geschäft erfolgreich – unter anderem spielte er in fast allen „Tarzan“-Filmen mit.
In einem Altersheim für ausgediente Filmtiere erzählte er nun aus seinem Leben, das aus vielen tollen Hollywood-Vergnügungen bestand. Nachdem er jedoch einmal eine solche Party geschildert hat, die er zusammen mit seinem geliebten Johnny Weissmuller besucht hatte, fügte er hinzu: „Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass dies ein typischer Tag in meinem Leben war. Es würde eher der Wahrheit entsprechen, wenn ich sagte, dass ich mindestens 65 Prozent des Jahres 1935 masturbierend in einem Käfig verbrachte.“
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