Schwangerschaftsabbruch in Bremen: Abtreibung nach alter Schule

Bei Schwangerschafts­abbrüchen wird in Bremen vor allem auf Absaugungen gesetzt. Den medikamentösen Abbruch gibt es hier unterdurchschnittlich selten.

Ein leeres Behandlungsbett in einem Krankenhaus

Abtreibungen werden oft unter Narkose durchgeführt. Beim medikamentösen Abbruch ist das nicht nötig Foto: Vithas Vigo/pixabay

BREMEN taz | Keine OP, keine Narkose: Der Schwangerschaftsabbruch über Medikamente gilt vielen als schonendere Variante einer Abtreibung. In Bremen ist sie aber kaum verbreitet: Nur knapp 17 Prozent der Abtreibungen werden im kleinsten Bundesland durch Medikamente eingeleitet; das steht in einer aktuellen Antwort des Senats auf eine Anfrage der SPD.

Der Trend geht dabei in Richtung Medikament, auch in Bremen. Noch 2015 hatten hier nur sechs Prozent der Schwangerschaftsabbrüche medikamentös stattgefunden, der Anteil hat sich also fast verdreifacht. Aber noch immer hinkt Bremen hinterher: Deutschlandweit ist die Quote von 22 Prozent im Jahr 2015 auf jetzt 32 Prozent gestiegen.

Der medikamentöse Abbruch wird in den meisten Fällen mit dem Wirkstoff Mifepriston vorgenommen. Das künstliche Hormon wirkt dabei dem Schwangerschaftshormon Progesteron entgegen und sorgt dafür, dass der Embryo aus der Gebärmutterschleimhaut herausgelöst wird.

In einem zweiten Schritt müssen die Schwangeren dann ein bis zwei Tage später ein weiteres Medikament einnehmen: Prosta­glandin weicht den Muttermund auf und löst Wehen aus; meist innerhalb von drei Stunden wird der Embryo dann unter Blutungen ausgestoßen. Fast immer reicht das aus. Nur in zwei bis fünf Prozent der Fälle muss im Anschluss die Prozedur noch einmal wiederholt oder noch eine Ausschabung oder Absaugung vorgenommen werden.

Ärz­t*in­nen fehlt teils das Wissen

Warum in Bremen so wenige Abbrüche über Medikamente eingeleitet werden, ist unklar. „Die Zahlen sind auch aus Sicht der SGFV (Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz) auffällig“, heißt es in der Antwort auf die große Anfrage der SPD. Das Ressort würde den Anteil gern steigern und hat schon 2020 einen Austausch mit Pro Familia begonnen, „mit dem Ziel, den medikamentösen Abbruch bekannter zu machen und Ärz­t:in­nen gezielt zu diesem Thema zu informieren“.

Dass mangelndes Wissen verantwortlich sein kann für die geringe Quote, hält auch die Vorsitzende des Berufsverbands der Frauenärzte in Bremen, Kerstin Schwarzer, durchaus für möglich. „Das Vorgehen bei einem Schwangerschaftsabbruch wird nicht automatisch im Rahmen der Facharztausbildung gelehrt“, schreibt sie. Der operative Eingriff gleiche aber anderen Eingriffen, die Ärz­t*in­nen in der Ausbildung lernen. „Das Vorgehen beim medikamentösen Abbruch muss sich dagegen jede/r selber komplett neu erarbeiten.“

In Berlin ist der Abbruch mit Medikamenten verbreitet

Wie es anders gehen könnte, zeigt ein Blick nach Berlin. Der Stadtstaat ist Spitzenreiter bei medikamentösen Abbrüchen: Knapp 48 Prozent laufen dort auf diese Art ab. Gründe dafür gibt es mehrere. Neben der besseren Aufklärung nennt eine Beraterin des Familienplanungszentrums Balance in Berlin einen weiteren wichtigen Punkt: In Berlin sind die Ärz­t*­in­nen dazu übergegangen, ihren Pa­ti­en­t*in­nen einen Teil der Verantwortung zu Hause zuzutrauen.

Als Nachteil der „Abtreibungs­pille“ Mifepriston gilt etwa der Techniker Krankenkasse noch, dass sie insgesamt vier Arztbesuche erfordert. In Berlin aber wird der zweite Wirkstoff, das Prostaglandin, den Schwangeren nach der Voruntersuchung direkt mitgegeben. Sie nehmen den Wirkstoff selbstständig nach 36 bis 48 Stunden ein. Vorgeschrieben ist dann nur noch ein zweiter Arzttermin zur Nachuntersuchung.

Möglich wäre das eventuell auch in Bremen. Bisher aber, so Schwarzer, zögerten viele Ärzt*­in­nen noch – immerhin hätten die deutschen und die internationalen Fachgesellschaften unterschiedliche Empfehlungen zur Anwendung der Medikamente zu Hause abgegeben.

„Es ist nicht automatisch gesagt, dass in allen Fällen ein medikamentöser Abbruch besser für die Frau ist“, betont Schwarzer. Dass mehr Ärz­t*in­nen in der Lage sind, Schwangeren das Angebot zu machen, das will aber auch sie. Fortbildungen des Berufsverbands sollen dabei helfen. Bis alle ausgebildet sind, kann es noch etwas dauern: Die letzte Fortbildung gab es im Mai 2020, im November soll ein weiterer Workshop stattfinden.

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