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Schulleiter Al-MashhadaniDer erfundene U-Bahn-Angriff

Videoaufnahmen bestätigen taz-Recherche: Schulleiter Al-Mashhadani hat Mordversuch erfunden. Gegen ihn wird wegen falscher Verdächtigung ermittelt.

Hudhaifa Al-Mashhadani: im Podiumsgespräch im Roten Rathaus über Femizide Foto: Annette Riedl/dpa

Aus Berlin

Yossi Bartal

Vor einer Woche enthüllte die taz, dass gegen den Leiter der deutsch-arabischen Ibn-Khaldoon-Schule in Neukölln, Hudhaifa Al-Mashhadani, Ermittlungen wegen falscher Verdächtigung laufen. Am 14. November 2025 hatte der irakischstämmige Pädagoge behauptet, vor einer einfahrenden U-Bahn von einem fremden Mann mit einem palästinensischen Tuch gestoßen worden zu sein. Mehreren Quellen zufolge entsprach diese Schilderung nicht der Wahrheit. Zudem seien zahlreiche Details seiner Biografie, einschließlich seines in offiziellen Dokumenten verwendeten Doktortitels, nicht belegbar.

Am Montag veröffentlichte der Tagesspiegel Bilder von einer BVG-Überwachungskamera, die den angeblichen Mordversuch zeigen sollen. Die Aufnahmen, von der Polizei bereits kurz nach dem Vorfall ausgewertet, belegen eindeutig: Einen tätlichen Angriff auf den Schulleiter hat es nie gegeben. Zu sehen ist lediglich, wie ein Mann ihn flüchtig durch die Tür der stehenden U-Bahn berührt, mit zwei Fingern auf seine eigenen Augen deutet und dann erneut auf Al-Mashhadani zeigt – eine Geste, die „Ich beobachte dich“ bedeuten kann.

Der Vorfall hatte medial und politisch hohe Wellen geschlagen – dennoch hielt die Polizei die Belege für Al-Mashhadanis Falschdarstellung eines Mordversuchs fast vier Monate lang unter Verschluss. Wie die Aufnahmen an das Journalistenteam des Tagesspiegels gelangten, dem auch der einst Erdoğan-nahe, heute israelfreundliche freie Autor Martin Lejeune angehört, ließ das Blatt offen. Zudem berichtete die Zeitung unter Berufung auf Analysen des Nahostwissenschaftlers Tom Khaled Würdemann, auf Arabisch veröffentlichte Texte unter dem Namen Al-Mashhadani aus den letzten Jahren seien von antischiitischen und antisemitischen Tönen durchzogen.

Laut Informationen der taz scheint Al-Mashhadani nun auch die Details eines weiteren Angriffs nicht korrekt wiedergegeben zu haben. Anfang 2025 behauptete der Schulleiter gegenüber dem Tagesspiegel und der Jungle World, ein Steinwurf auf die Schule habe drei Kinder durch umherfliegende Glasscherben verletzt. Die Polizei wollte eine solche Körperverletzung auf Anfrage jedoch nicht bestätigen.

Al-Mashhadani für Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen

Bislang wollten sich Al-Mashhadanis Unterstützer in der Berliner Politik – darunter Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) – nicht direkt zu den Vorwürfen äußern. Erst kürzlich wurde dem vermeintlichen Extremismusexperten das „Band für Mut und Verständigung“ der Hauptstadtregion sowie die Ehrennadel von Neukölln verliehen. Ob eine vom Land Berlin vorgeschlagene Kandidatur Al-Mashhadanis für das Bundesverdienstkreuz nun zurückgezogen wird, konnte der Senat bis Redaktionsschluss nicht sagen.

Der Bezirksbürgermeisterkandidat der Linken in Neukölln, Ahmed Abed, forderte indessen, die vor Kurzem an Al-Mashhadani verliehene Neuköllner Ehrennadel wieder aberkennen zu lassen. „Die Verleihung der höchsten Neuköllner Auszeichnung an einen Hochstapler, der sich akademische Titel erdreistet, mit antisemitischen Äußerungen auffällt und offensichtlich eine Straftat vortäuscht, schadet dem Preis und dem Ansehen Neuköllns“, so Abed.

Auch die Grünen in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung erklärten gegenüber der taz, sie hätten Akteneinsicht im Verleihungsverfahren gefordert und bemühten sich um Aufklärung.

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