Schulen in Peru: Kampf gegen die Flucht

Equipment fehlt, das Netz ist unzureichend und Leh­rkräfte fehlen. Hunderttausende SchülerInnen haben deshalb Perus Schulen verlassen.

Schüler*innen sitzen auf einem Hügel und halten ihre Handys in die Höhe

Suche nach Internet: Schü­le­r*in­nen am Stadtrand von Lima steigen auf die umliegenden Hügel Foto: Martin Mejia/ap

HAMBURG taz | Die Schule „Fe y Alegría 21“ im Stadtteil San Jerónimo von Cusco ist geschlossen. Bis zum 1. Juli wird in der peruanischen Stadt kein Präsenzunterricht stattfinden. „Das ist für die Region Cusco so festgelegt und es macht Sinn“, sagt Rektorin Eleonora Morales Azurín. „Die In-frastruktur an dieser Schule lässt wie an vielen anderen keine Alternativen zu.“ Für den Semipräsenz-Unterricht seien die Klassenräume der Grund- und weiterführenden Schule mit mehr als 1.200 Schü­le­r*in­nen zu klein.

Seit Monaten finden die Unterrichtsstunden der Fe y Alegría 21 im Arbeiterviertel am Rande der alten Inkastadt komplett virtuell statt. Ähnlich wie die Nachbarländer Bolivien oder Ecuador gehört Peru zu den Ländern, deren Schulen besonders lange geschlossen waren oder es immer noch sind, so wie in Cusco.

Mit Sorge konstatiert das auch eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Weltweit seien eineinhalb Milliarden Kinder zumindest zeitweise von Schulschließungen betroffen gewesen, in Lateinamerika und der Karibik aber oft deutlich länger als in Europa. Mangels digitaler Technik und Unterstützung durch Eltern konnten dort fehlende Stunden zudem schlechter ausgeglichen werden.

Schlechter Ruf für Staatliche 7,8 Millionen Schü­le­r*in­nen gibt es offiziellen Zahlen zufolge in Peru. Das Gros davon geht an öffentliche Schulen. Rund zwei Millionen besuchen private Bildungseinrichtungen, die vor allem im Großraum Lima beliebt sind. Der nicht sonderlich gute Ruf des öffentlichen Bildungssystems ist dafür der zentrale Grund.

Keine Kohle Das Bildungssystem ist latent unterfinanziert. Derzeit belaufen sich die Bildungsausgaben auf 3,72 Prozent des Bruttosozialprodukts – rund ein Prozent weniger als die OECD-Staaten im Durchschnitt zahlen. Bei Pisatests rangiert Peru am Ende des Rankings, wobei sich seine Werte – Stand 2019 – verbesserten. (taz)

Langfristig könne das die Bildungsungleichheiten verstärken, warnte die Organisation in der Anfang diesen Aprils erschienenen Publikation. Dabei wurde auch auf Daten der UNICEF zurückgegriffen. Deren Regionaldirektor für Lateinamerika und die Karibik, Jean Gough, geht davon aus, dass rund sechzig Prozent der Abc-Schützen aus der Region ein komplettes Schuljahr verlieren werden.

Schule ohne Präsenzunterricht als Herausorderung

Das versucht Eleonora Morales Azurín an ihrer Schule, deren Name übersetzt „Glaube und Freude“ bedeutet, seit Beginn der Pandemie mit einem überaus engagierten Kollegium zu verhindern. „Wir halten den Kontakt mit allen Schüler*innen, haben Whatsapp-Listen für alle Klassen angelegt, Unterrichtsmaterialien digital und analog vorbereitet, die wir zur Not auch bei den Schü­le­r*in­nen zu Hause vorbeibringen,“ erklärt die Rektorin.

Alle Schü­le­r*in­nen mitzunehmen, zu motivieren, auch ohne den gewohnten Präsenzunterricht dran zu bleiben, ist in Peru eine enorme Herausforderung. Kinder und Jugendliche haben kaum Erfahrung mit Onlineunterricht, selbst Lernprogramme im Fernsehen oder Radio sind alles andere als die Regel.

„Virtueller Unterricht über Handy, Tablet oder Computer ist für uns etwas vollkommen Neues“, so Rektorin Morales Azurín. „Aprendo en Casa“ heißt das digitale Format, das vom Bildungsministerium in Lima im letzten Jahr aufgelegt wurde und mit erheblichen Startproblemen zu kämpfen hatte, so Carlos Herz.

Der 62-jährige Entwicklungsexperte hat lange internationale Organisationen bei Projekten in Peru beraten und ist seit ein paar Jahren Direktor des kirchlichen Bildungszentrums Bartolomé de las Casas in Cusco. Er warnt, dass die Bildungsschere zwischen Stadt und Land weiter auseinander zu gehen droht.

Wirtschaftliche Talfahrt

Dafür seien der rudimentäre Internet-Zugang, die Armut in der Andenregion und die ökonomische Krise verantwortlich, sagt Herz. „Schon bei Regen ist die Netzverbindung zwischen Lima und Cusco instabil“, schildert er seine Erfahrungen aus der virtuellen Kommunikation zwischen seinem Wohnsitz Lima und seinem Arbeitsplatz in Cusco.

Noch gravierender sei der Effekt der Corona-bedingten wirtschaftlichen Talfahrt. Der Andenstaat ist stark von der Pandemie gebeutelt und verzeichnet seit deren Beginn mehr als 1,7 Millionen Corona-Infektionen. Zeitweise gehörte Peru zu den Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsquote weltweit. Um 11,1 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut dem peruanischen Nationalen Statistikinstitut (INEI) 2020 geschrumpft.

Besonders betroffen sind diejenigen, die kein formales Arbeitsverhältnis haben, so der Entwicklungsexperte. „Tagelöhner, Straßenverkäufer, Handwerker, die mit ihrer Werkzeugtasche am frühen Morgen im Zentrum von Cusco auf Arbeitgeber warten.“ Zwischen 70 und 75 Prozent aller Beschäftigen in Peru arbeiten informell, leben de facto von dem, was sie am Tag verdienen.

Ihre Kinder sind davon gleich mehrfach betroffen. Auf rund 300.000 werde die Zahl der Eltern geschätzt, die den Schulbesuch ihrer Kinder an einer vermeintlich besseren Privatschule nicht mehr finanzieren können, so Herz. „Die Kinder und Jugendlichen müssen an eine öffentliche Schule wechseln.“

Für Funksignal auf nächsten Berg

Noch gravierender ist, dass viele Kinder mit ihren Eltern in deren Herkunftsregionen übersiedeln mussten. Aus Lima, aus Arequipa, aber auch aus Cusco, so Rektorin Morales Azurín. Etliche Familien aus San Jerónimo hätten das Viertel verlassen. „Die Väter schuften in ihren Herkunftsgemeinden in der Landwirtschaft und manchmal im Bergbau, oft müssen die halbwüchsigen Jungs mit anpacken, um durch die Krise zu kommen“, so die Rektorin.

Bis nach Puno am Titicacasee sind Schü­le­r*in­nen der Fe y Alegría 21 mit ihren Eltern gezogen, weil es dort Arbeit oder Verwandte gibt. „Kollegen, die davon erzählen, dass ihre Schüler eine halbe Stunde lang bis zum nächsten Berg marschieren, um das Funksignal einzufangen und die Aufgaben runterzuladen, gibt es viele“, sagt Morales Azurín.

Wenn überhaupt Geräte zum Download der Aufgaben zur Verfügung stehen. Denn Smartphones, Tablets oder Laptops haben längst nicht alle im Armutsgürtel um Lima und in Dörfern wie Antas nahe Cusco oder Puno am Titicacasee – Hürden, an denen Kinder und Jugendliche durchaus scheitern, wenn es an engagierten Päd­ago­g*in­nen oder der Unterstützung durch die Eltern fehlt, so Salomón Lerner.

„Die Pandemie hat uns technologisch ins 21. Jahrhundert katapultiert – der virtuelle Unterricht ist eine komplett neue Dimension. Dafür braucht es nicht nur Tablets, sondern auch Anleitung“, mahnt der ehemalige Rektor der Päpstlichen katholischen Universität Perus.

Nur wenige Tablets angekommen

An beidem hapert es, so Carlos Herz. Von den 1,1 Millionen bestellten Tablets habe das Bildungsministerium nur wenige erhalten – Lieferschwierigkeiten. Wirklich vorbereitet auf das neue Medium sind längst nicht alle Päd­ago­g*in­nen in Peru.

Das hat Folgen. Reihenweise drehen die Jugendlichen der Schule den Rücken. Während die Bildungsgewerkschaft Sutep von bis zu einer Million „Schul-Deserteuren“ ausgeht, kalkuliert das Bildungsministerium in Lima mit 300.000. Auch in Cusco schwebt das Gespenst der Abwanderung über den Bildungseinrichtungen.

In der Fe y Alegría 21 liefen die Vorbereitungen für das Schuljahr 2021 bereits Mitte Februar, einen Monat vor dem virtuellen Unterrichtsbeginn, an. „Da haben wir alle Schü­le­r*innen angerufen, auch mit den Eltern gesprochen und Unterricht und Unterrichtsformate digital und analog so weit wie möglich vorbereitet“, so Morales Azurín. Niemand sollte durch das pandemiebedingt großmaschige bildungspolitische Raster rutschen.

Mit einem engagierten Kollegium durchaus möglich, sagt die Rektorin, und der Stolz in ihrer Stimme ist kaum zu überhören. „Als wir am 15. März ins neue Schuljahr gestartet sind, waren wirklich alle dabei: Kein Schüler und keine Schülerin hat aufgegeben“. Über WhatsApp und GoogleMeet läuft die Kommunikation. In den drei bis vier Prozent der Familien, wo weder ein Smartphone noch ein Tablet zur Verfügung steht, wird improvisiert.

Päd­ago­g*in­nen protestierten

Das ist bemerkenswert in der Region Cusco, die vor allem von Landwirtschaft, Bergbau und Tourismus lebt und wo die Infrastruktur oft nur rudimentär vorhanden ist. Immerhin hat das Bildungsministerium es geschafft, dafür zu sorgen, dass „Aprendo en Casa“ nicht nur im Internet läuft, sondern auch im Fernsehen und Radio ausgestrahlt wird. Das sorge für eine viel breitere Abdeckung, loben Fachleute.

Gleichzeitig weist Entwicklungsexperte Herz auf strukturelle Defizite hin: „Corona zeigt uns unsere chronischen Defizite auf: die mangelhafte Infrastruktur auf der einen, das schlecht qualifizierte, mies bezahlte und viel zu knappe pädagogische Personal auf der anderen Seite“.

Das ging Mitte Februar auf die Barrikaden, als die Pläne des Bildungsministeriums publik wurden. „Da plädierten die Experten in Lima für den Präsenzunterricht in kleinen Klassen, ohne allerdings die bildungspolitischen Realitäten in Regionen wie Cusco, Puno oder im Amazonas-Regenwald von Madre de Dios in Betracht zu ziehen“, kritisiert Morales Azurín. Sie hat Erfahrung in anderen Landesteilen und teilt die Kritik der Bildungsgewerkschaft Sutep. Als „unverantwortlich“, hatte dessen Generalsekretär Lucio Castro die Pläne gegeißelt. Viele der Schulen auf dem Land hätten weder Wasser- noch Abwasser-Anschluss, die Klassenräume seien meist klein, oft ein Lehrer für mehrere Klassen verantwortlich.

Präsenzunterricht bei halbierter Klassenstärke sei in den meisten abgelegenen Regionen vollkommen unrealistisch, denn nicht nur dort, sondern landesweit fehle es an Lehrer*innen. Eine Einschätzung, die Bil­dungs­ex­per­t*in­nen wie Salomón Lerner teilen. Schon lange sitze Peru bei den Pisatests in der Region auf einer der letzten Bänke. Lerner fordert mehr Investitionen in Bildung und mindestens übergangsweise mehr Lehrer*innen, um die verlorene Schulzeit zumindest teilweise aufzuholen.

Läuft alles nach Plan, werden sich die Schultüren der Fe y Alegría 21 Anfang Juli wieder öffnen. Dann ist die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts in Cusco anvisiert. Bis dahin sollen, so Rektorin Morales Azurín, alle Lehrer und Schüler geimpft sein. Das ist zumindest offizielles Ziel.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de