Präsidentschaftswahl in Peru: Dorflehrer gegen Diktatorentochter

Bei der Stichwahl um das Amt des Staatsoberhauptes polarisieren in Peru beide Kandidaten. Die Bevökerung hat Sorge vor einem Systemwechsel.

Pedro Castillo und Keiko Fujimori

Sehr beliebt sind beide nicht: Pedro Castillo und Keiko Fujimori Foto: Sebastian Castaneda/reuters

LIMA taz | „Wir sind in Trauer“, blinkt die Leuchtreklame mit einer Trauerschleife über dem Hauptplatz von Miraflores, einem gut situierten Stadtteil der peruanischen Hauptstadt Lima. Doch es handelt sich um keine Gedenkanzeige für die Opfer der Coronapandemie und ihrer Hinterbliebenen.

Schnell wechselt die Leuchtanzeige: „Noch 8 Tage, um unsere Zukunft zu wählen“ – „Der Terrorismus exisitiert. Reiß dir die Binde von den Augen“ – „Sei nicht lau. Entscheide deine Stimme“ – „Ja zu Investi­tionen, Arbeit, Fortschritt, Demokratie“. Keine Unterschrift, kein Parteiname. Doch jeder in Miraflores versteht die dahinter liegende Angstbotschaft: Wähle Keiko Fujimori und auf keinen Fall Pedro Castillo.

Diesen Sonntag wählen die Peruaner ihren neuen Präsidenten. Die Polarisierung sei stärker als sonst, sagt der Politikwissenschaftler Fernando Tuesta. „Vor allem deshalb, weil zur Polarisierung die Fragmentierung und eine tiefe wirtschaftliche und sanitäre Krise hinzukommt“.

Die beiden Kontrahenten Pedro Castillo und Keiko Fujimori haben zusammengerechnet bei der ersten Wahlrunde nicht einmal ein Drittel der Wählerstimmen bekommen. Pedro Castillo (51), ein bis dato weithin unbekannter Dorfschullehrer und Lehrergewerkschafter aus dem nordperuanischen Cajamarca, bekam überraschend 19,1 Prozent und landete auf dem ersten Platz, weit vor Keiko Fujimori mit 13,4 Prozent.

Die ist trotz ihrer erst 45 Jahre eine altgediente Politikerin, seit sie mit gerade mal 19 Jahren die Rolle der First Lady an der Seite ihres Vaters Alberto Fujimori angetreten hatte. 2011 und 2016 hatte sie die Präsidentschaft knapp verpasst. Dieses Mal könnte sie es schaffen. Nur um 1 bis 2 Prozentpunkte liegt Pedro Castillo bei den letzten Umfragen in der Wählergunst vor Fujimori.

Angst vor dem Systemwechsel

Keiko Fujimori steht für die neoliberale und autoritäre Politik ihres Vaters Alberto Fujimori, Präsident Perus von 1990 bis 2000 und 2009 rechtskräftig wegen Menschenrechtsvergehen zu 25 Jahren Haft verurteilt. Keiko Fujimori selber hat als bisherige Oppositionsführerin vor allem ihren Rachegelüsten nachgegeben: In den letzten fünf Jahren hatte Peru vier Präsidenten. Sie hat sechs Monate in Untersuchungshaft verbracht und über ihr schwebt ein Verfahren wegen Geldwäsche und der Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Wahrlich keine Wunschkandidatin, was auch ihr Wahlergebnis zeigt. Und doch sehen breite Teile vor allem der Mittel- und Oberschicht in Keiko Fujimori jetzt bei der Stichwahl die Rettung vor einem Untergang Perus. Fast alle großen Printmedien und kommerziellen Fernsehsender unterstützen sie. Denn Pedro Castillo, der „Profe“ (Lehrer) mit dem Bleistift als Parteisymbol, spricht von einem Systemwechsel: Verstaatlichung der Bergbauindustrie, zehn Prozent des Staatshaushalts für Bildung und Gesundheit, null Toleranz gegen Korruption. „Keine Armen mehr in einem reichen Land“ lautet sein Wahlkampfslogan.

Doch in keiner Wahlkampfdebatte konnte er deutlich machen, wie er diese Änderungen konkret angehen will. Bis heute hat er sich auch nicht von seinem politischen Ziehvater, Vladimir Cerrón, klar distanziert – einem in Kuba ausgebildeter Arzt, Regionalpräsident der Region Junin und dort wegen Korruption abgesetzt und verurteilt. Zu Genderfragen und LGBTI-Rechten äußert sich Castillo äußerst konservativ.

Doch für große Teile der ländlichen Bevölkerung verkörpert Pedro Castillo die Hoffnung auf einen Neuanfang. Während in den reichen Stadtteilen Limas Angst und Hysterie angesichts einer möglichen Machtübernahme Castillos herrschen, wird im ländlichen Süden der „Lehrer“ von Menschenmassen begeistert empfangen.

Düstere Aussichten nach der Abstimmung

Mit ihm kann sich die bis heute ausgeschlossene indigene und mestizische Mehrheitsbevölkerung identifizieren. „Er ist einer von uns, er hat es mit seiner eigenen Arbeit geschafft, er hat gelitten wie wir“, sagt Aquiles Almonte. Er ist ebenfalls Grundschullehrer, aus der Andenstadt Juliaca und seit März im lokalen Unterstützerkomitee für Pedro Castillo.

Dass so viele Menschen zur Veranstaltung mit Pedro Castillo gekommen sind – „aus eigenem Antrieb, von weit weg, und ohne dass wir ihnen etwas versprochen haben“ –, hat ihn selber überrascht. „Pedro Castillo“, so Almonte, „ist kein Kommunist, kein Terrorist. Wir kennen ihn. Er kommt aus einer einfachen Familie, die nie Ärger hatte. Wir vertrauen, dass er transparent sein wird.“

Wer auch immer gewinnen mag, wird sich großen Erwartungen stellen müssen. Erwartungen, die mit einer leeren Staatskasse schwer zu erfüllen sein werden. Zudem hat keiner der Kandidaten eine Mehrheit im Parlament. Die Stimmung in den sozialen Netzwerken ist schon so aufgeheizt, dass noch eine weitere Gefahr besteht: dass der Verlierer die Wahl nicht anerkennt. Die Aussichten sind düster. „Ich sehe kein Szenario, dass es uns nach den Wahlen besser gehen wird als jetzt“, sagt Fernando Tuesta.

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