Schriftsteller beim Bundespräsidenten

Schlossherr ohne Narren

Nur noch Groko-Gespräche? Ach was: Bundespräsident Steinmeier empfängt die Schriftsteller Salman Rushdie, Eva Menasse und Daniel Kehlmann.

Steinmeier, eine Moderatorin, drei Schriftsteller und Publikum

Eine große Koalition des Geistes spricht mit Bundespräsident Steinmeier Foto: dpa

Die Verunsicherung, die die Politik seit der Bundestagswahl in Deutschland erfasst hat, ist deutlich spürbar. Die große Politik fühlt sich vom kleinen Wähler missverstanden. Am deutlichsten ist dies bei der SPD zu beobachten. Deren Führung reagiert geradezu beleidigt auf den Liebesentzug der Massen.

In der Selbstwahrnehmung hat man alles getan, um für ein gerechtes und solidarisches Deutschland in Europa einzustehen. Und dann das: Minus, minus, minus – und nur noch 20 Prozent der Stimmen. Doch liegt vielleicht in genau dieser um sich selbst kreisenden Haltung ein Teil des Problems, auf dem die wachsende Entfremdung zwischen Regierungen und Regierten gründet.

Einiges davon scheint auch Frank-Walter Steinmeier zu spüren und umzutreiben. In einer Zeit, da sich FDP und SPD darin gefallen, Gründe gegen das Regieren in Koalitionen und in Kompromissen zu finden, lud der Bundespräsident Schriftsteller ins Schloss Bellevue. „Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten“ hieß die Veranstaltung mit Daniel Kehlmann, Salman Rushdie und Eva Menasse am Donnerstagnachmittag.

Und, so die schöne Symbolik: Im Anschluss empfing er an gleicher Stelle die Spitzen von CDU, CSU und SPD. Als oberster Repräsentant der Republik redete er mit ihnen über ihre Pflicht, zur Bildung einer Regierung beizutragen.

Rushdie hat die Lacher auf seiner Seite

Als das Bundespräsidialamt die Schriftstellerrunde plante, wird Steinmeier kaum geahnt haben, wie unruhig die Zeiten für ihn jetzt wirklich werden würden. Und wie wichtig sein Amt würde, das für Steinmeier tatsächlich wie maßgeschneidert zu sein scheint. Wie Frankreichs Emmanuel Macron beherrscht auch er kulturelle wie politische Sprechweisen, ohne dabei abgehoben zu wirken.

Es klingt nicht aufgesetzt, wie der Präsident die Runde einleitet – „weder Schlossherr noch Hofnarr“ –, um auf dem Podium „als Bürger mit politischer Erfahrung“ selber Platz zu nehmen. Mit den alten Gewissheiten sei es vorbei, so Steinmeier – eine Anspielung auf Brexit, Trump und AfD. Er erhoffe sich, durch das kulturelle Feld Veränderungen wahrzunehmen, die dort mitunter schneller artikuliert würden als in der Politik.

Steinmeier spricht von einer drohenden Spaltung in unüberbrückbare Lager

In der ersten Reihe verfolgen frühere Außen- und Innenminister die Diskussion, Multiplikatoren des Kulturbetriebs und der Medien sind zugegen. Sie können später auch Fragen stellen. Im lockeren Gespräch mit Steinmeier hat Rushdie schnell die Lacher auf seiner Seite, als er (der immer noch von islamistischen Fanatikern mit dem Tode bedroht wird) den Unterschied zwischen Deutschland und den USA damit erklärt, wie wenig vorstellbar im Vergleich zu hier eine Begegnung mit ihm und Trump im Weißen Haus sei.

Keinen „Brösel“ Erkenntnis gefunden

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Mit Steinmeier und Rushdie sind sich auch Menasse und Kehlmann einig, dass die Politik der Literatur oder Kunst keine unmittelbaren Vorgaben zu machen habe. Vielmehr trügen diese im Spiel mit Fiktion und Fakten zur Selbsterkenntnis bei, zur Stärkung von Widersprüchen. Dissens zwischen Menasse und Kehlmann gibt es, als Letzterer die Bedeutung des Schriftstellers als Intellektueller und Gesellschaftskritiker an „der Größe“ seines literarischen Werks festmachen will. Menasse kontert: Um ein guter Essayist zu sein, brauchst du kein „großes“ literarisches Werk, und überhaupt …

Was allerdings die aktuellen Fragen zur Demokratie angeht, schwelgt man dank einer eher binnenzentrierten Moderation von Luzia Braun (ZDF) doch sehr im eigenen Saft. Braun sucht keine Widersprüche zu den Aussagen auf dem Podium. Sie gefällt sich in Selbstgewissheiten wie eitlen Witzen über Trumps Frisur. So kann man unter seinesgleichen punkten. Wird aber auch keinen „Brösel“ (Menasse) Erkenntnis finden, geschweige denn die Distanz zu denen überwinden, die die Dinge anders ­sehen.

Rushdie redet von der Fragmentierung der Gesellschaft in den USA, auch Steinmeier spricht von dieser in Europa und Deutschland drohenden Spaltung in unüberbrückbare Lager. Doch dem Schlossherrn fehlen an diesem Nachmittag die wissenden Narren, jene, die ihm mutig von jenen Niederungen der Gesellschaft erzählten, um Selbstverständnis und Handeln am Hofe herauszufordern. Bevor er sich drei Stunden später zu den Gesprächen um die Verhinderung einer Staatskrise begab.

Andreas Fanizadeh

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