Schrebergärten in Hamburg

Laubenpieper auf dem Rückzug

In Hamburg sollen Schrebergärten dem Neubau zweier Schulen und Wohnungen weichen. Kritiker fürchten um die grünen Flächen der Stadt.

Ein Strauch blüht rosa neben einer Laube

Soll dem Bau von Schulen Platz machen: Schrebergarten in Altona Foto: Ann-Kathrin Just

HAMBURG taz | Noch ist die Gegend vor der Autobahn ein kleines Idyll. Erste Blumen fangen an zu blühen in den sonst noch recht winterlich kalten Gärten des Heimatgartenbundes Altona. Eine über 100 Jahre alte Ulme ragt über die Parzellen, Nieselregen legt sich über das Grün.

Bald könnte diese Oase verschwinden: Weil in Altona Schulen fehlen, sollen die Grünflächen der Kleingartenanlage II neuen Schulen weichen, einer Grundschule und einem Gymnasium. Die Kleingärten sollen dafür nach nebenan auf den Autobahndeckel ziehen, der gerade über die A7 gebaut wird.

Ob der bis dahin fertig ist, ist aber noch sehr die Frage. „Da passt doch etwas nicht ganz zusammen“, sagt Monika Uhlmann von der Bürgerinitiative „Apfelbaum braucht Wurzelraum“, die für den Erhalt der Grünflächen in Altona kämpft. Die Stadt könne doch nicht jetzt erst gemerkt haben, dass dringend Schulen gebraucht werden.

Monika Uhlmann ist Rentnerin und hat auch einen Garten auf dem Gelände. Zusammen mit ihrer Mitstreiterin Beate Hufnagel, der Vorsitzenden des Heimatgartenbundes, führt sie zu einer Parzelle mit Apfelbäumen, die zu den ältesten der Kleingartenanlage gehört. Die Pächterfamilie gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins.

Hamburg wächst

Ihre Vorfahren haben dort noch alles selbst gebaut: den Geräteschuppen, den Zaun, die Laube. „Natürlich fehlen in diesem Stadtteil Schulen“, sagt Beate Hufnagel, die von Beruf Apothekerin ist. Nur seien Flächen, die einmal bebaut sind, eben bebaut, Grün komme da nicht mehr hin.

Einer von denen, die sich auf Seiten der Stadt mit den Kleingärten beschäftigen, ist Dirk Kienscherf, in Personalunion Chef der SPD-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft und deren stadtentwicklungspolitischer Sprecher. Kienscherf sitzt in einem Sessel mit Blick zum Fenster im dritten Stock des Hamburger Rathauses und sieht über die Stadt. Hamburg werde immer größer, sagt er, jährlich zögen 20.000 Menschen in die Hansestadt. „Das ist die Größe einer Kleinstadt.“

Seit Jahren baut Hamburg darum Wohnungen wie wild. „Wir haben eine Wohnungsknappheit, die sich in den nächsten Jahren noch vergrößern wird“, sagt Kienscherf. Aber natürlich sei es auch relevant, Grünflächen im städtischen Raum zu erhalten. „Ich kann auch verstehen, dass Menschen möglichst wohnungsnah einen Schrebergarten wollen. Das ist für mich ein berechtigter Einwand.“ Etwas vage formuliert Kienscherf noch, dass die Politik gegensteuern müsse.

Im sogenannten „10.000er-Vertrag“ aus dem Jahre 1967, in dem damals 10.000 neue Kleingärten geschaffen wurden, hat sich die Stadt Hamburg verpflichtet, Ersatzland zur Verfügung zu stellen, wenn die Gärten bebaut werden sollten. Die Regelung ist immer noch gültig. „Hamburg ist da beispielhaft“, sagte Dirk Sielmann, Vorsitzender des Landesbundes der Gartenfreunde. Berlin stehe ohne eine solche Vertragsgrundlage da.

In Hamburg ist der Landesbund der Gartenfreunde ein mächtiger Player: Er tritt als Hauptpächter der Grünflächen auf, die er an die 311 angeschlossenen Kleingartenvereine weiterverpachtet. Sielmanns Büro liegt im Stadtteil Ohlsdorf. Dahinter liegen Schaugärten seines Verbandes, in denen man gern Fotos machen darf. Ordentlich und aufgeräumt sieht es dort aus. Ein Mitarbeiter betreut sie und zeigt sie Leuten, die noch keinen Schrebergarten haben, aber sich dafür interessieren.

Rebellen im Kleingarten

Sielmann ist SPD-Mitglied, Kritiker unter den Kleingärtnern werfen ihm vor, die Wohnungsbau-Politik des Senats zu unterstützen. „Das ist Quatsch“, wehrt Sielmann den Vorwurf ab. Er betreibe eine Form der Lobbyarbeit, aber das durchaus im Sinne des Landesgartenbundes. Seine SPD-Mitgliedschaft helfe ihm, die Arbeit so gut wie möglich zu machen und Kompromisse zu finden.

Einer der lautesten Kritiker von Sielmann und dessen Gartenfreunden ist Benny Rimmler, Vorsitzender des Vereins „Schreberrebellen“, in dem sich der Widerstand gegen die offizielle Hamburger Schrebergarten-Politik konzentriert. „Mehr Menschen brauchen mehr Grün und nicht umgekehrt“, sagt Rimmler. Grund und Boden der Kleingartenanlagen sei im städtischen Besitz. Wenn die Flächen nun als Baugrund an private Unternehmen verkauft würden, sei das eine Privatisierungskampagne.

Ein Ort, an dem es schon zu spät ist, liegt in Barmbek an der Saarlandstraße. Wo einst Kleingärten waren, rücken jetzt schicke Wohnblöcke vor bis direkt an den Kanal. Nur noch vereinzelt stehen hier Bäume, ansonsten werden die farblichen Highlights von den vielen parkenden Autos gesetzt.

Rimmler versteht nicht, warum so viele Vereine die Politik der Landesgartenfreunde und der Stadt hinnehmen. Dadurch, dass die Landesgartenfreunde Flächen von der Stadt Hamburg pachten und als Zwischenpächter für die angeschlossenen Gartenvereine agieren, sind sie in einer Doppelrolle. Das sei falsch. „So wurden in den letzten Jahren immer mehr Vereine für Bauvorhaben der Stadt geräumt, ohne dass darüber ein Diskurs geführt worden ist oder wird.“

Unterstützung bekommt Rimmler von der Linkspartei. Es habe weder ein wirklicher Austausch noch eine Einbeziehung der PächterInnen stattgefunden, sagt Stephan Jersch, der umweltpolitischer Sprecher in der Bürgerschaft. Der Landesbund habe sich zwar an die Vorstände der einzelnen Vereine gewandt, eine wirkliche Mitgliederbeteiligung sehe aber anders aus. „Ein demokratischer Prozess ist das nicht“, findet Jersch.

Gärten werden verkleinert

„Alles in allem führen wir mit den Vereinen einen konstruktiven Austausch“, sagt dagegen der Landesbund-Vorsitzende Sielmann. „In meinen Augen wird hier von Gegensätzen gesprochen, die es nicht gibt.“ Auch ihm sei wichtig, die Kleingärten zu erhalten. Das müsste schon aufgrund der Artenvielfalt geschehen: Bis zu 2.000 verschiedene Arten fänden sich in einem Kleingarten, in Parks seien es nur bis zu 150.

Auch SPD-Mann Dirk Kienscherf bewertet die Zusammenarbeit zwischen den Kleingärten und der Politik als gut. In Wilhelmsburg zum Beispiel habe man mit den KleingärtnerInnen eine Lösung gefunden: Die Schrebergärten werden jetzt verkleinert, aber es werde die gleiche Anzahl neuer Parzellen angelegt. Nach einigen Protesten habe die Stadt sogar angeboten, dass MieterInnen eine neue Parzelle für fünf Jahre kostenfrei pachten können.

Tatsächlich steht es so auch im 10.000er-Vertrag zwischen der Stadt und den Kleingärtnern, der alle fünf Jahre neu verhandelt wird: dass im Falle der Kündigung je geräumter Parzelle eine im Durchschnitt 300 Quadratmeter große Ersatzparzelle durch die Stadt hergerichtet werden muss. Viele Parzellen in Hamburgs Kleingärten sind allerdings eher 1.000 Quadratmeter groß.

Genau darin besteht in den Augen der Schreberrebellen das Problem. „Bestehende Gärten werden geteilt und die Anzahl der Parzellen nur ungefähr erhalten, während die Gesamtfläche stetig verkleinert wird“, kritisiert Benjamin Rimmler. Der Stadt wirft er vor, Kleingärtner systematisch unter Druck zu setzen, um ihre Flächen für den Wohnungsbau frei zu bekommen. „Mir fehlt“, sagt Rimmler, „die Debatte, wie wir alle in Hamburg leben wollen.“

Mehr über Schrebergärten in Zeiten des Klimawandels lesen Sie in der Wochenendausgabe der taz nord oder am E-Kiosk.

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