piwik no script img

■ SchnittplatzTurmhohe Fraktur

„Seit dem 15. Juni spricht die CDU vielen der 11 Millionen Bild- Leser mit der täglichen Wahrheit aus dem Herzen.“ Die Wahrheit aus den Herzen der Bild-Leser soll natürlich in die Köpfe. Gestern waren die klugen Köpfe dran, die immer hinter einer bestimmten Zeitung stecken. Zehn Anzeigen aus Deutschlands größter Boulevardzeitung zierten gestern eine dreiviertel Seite FAZ. Die Leser dürften überrascht gewesen sein. Statt altdeutscher Frakturschrift plötzlich turmhohe Schlagzeilen. Statt Feuilleton-Überschriften wie „Einsteigmaschinen für Himmelsflaneure“ jetzt Lyrik aus dem Adenauer-Haus: „Grüner Wahnsinn. Wir verhindern das.“ oder „Mein Aufschwung. Mein Euro. Meine Einheit. Meine Güte, Schröder“. Diese Anzeige aus Anzeigen ist eine Neuheit in der Werbebrache, eine richtige Innovation gar. Wow!

Unklar ist leider, wer die 43.500 Mark teure Anzeige schaltete. Im Inserat selbst heißt es nur wolkig: „Diese (Wahrheiten) wollen wir den Lesern der angesehenen Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht vorenthalten.“ Wer ist „wir“? Welcher kluge Kopf steckt hinter dem genialen FAZ-Coup? Will Hans-Hermann Tiedje, des Kanzlers Medienberater und Texter der gekauften Schlagzeilen, den FAZ- lesenden Zahnarzt mit denselben Mitteln wie den Bild-Bauarbeiter erreichen? Oder handelt es sich gar um ein heimliches FAZ-Eigenprodukt? Exakt eine halbe Seite bekommt sonst auch Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann, die seit dem 24. Juli wöchentlich dramatisch steigenden Werte für Kohl herbeirechnet. Ausgerechnet gestern mußte leider sogar N.-N.s Allensbach-Institut eingestehen: „Die Aufholjagd der CDU hat sich verlangsamt.“ Statt frisierter Zahlen von Noelle- Neumann jetzt scharfe Slogans von Bild? Oder ist der Gescholtene selbst der Schöpfer? Zur Niedersachsenwahl hatte ein Fan des Kandidaten uns per Anzeige den Slogan „Der nächste Kanzler muß ein Niedersachse werden“ geschenkt. Läuft jetzt eine noch perfidere Masche? Will Schröder dem feinsinnigen, hochgeistigen FAZ- Bildungsbürger vor Augen führen, wie grob der Holzhammer der Union mittlerweile ist?Robin Alexander

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen