piwik no script img

Schnee in der StadtMöhrenkuchen mit Topping

Über den Schnee in Berlin, den man nicht essen sollte, selbst dann nicht, wenn er wie Zuckerguss aussieht.

E s hat über Nacht geschneit, und als ich morgens den Vorhang zurückziehe, befürchte ich sofort, dass die S-Bahn nicht fahren wird. Aber sie fährt, ich bekomme sogar einen Platz und sehe aus dem Fenster auf die dünne Schneeschicht, die gleich alles schön und besonders macht. Ein bisschen wie das Topping auf einem Möhrenkuchen.

Zwei Jungs mit viel zu großen Schulranzen und Mützen setzen sich mit beeindruckenden Schneebällen gegenüber. Beide lächeln und halten ihre Kugeln mit roten Händen. Nachdem sie die Größen verglichen haben, folgt der Feinschliff. Beide reiben mit den Fingern immer wieder über das Eis. „Aua“, sagt der mit der grünen Pudelmütze. „Meine Hände sind so kalt.“

Der mit der blauen Mütze legt die Kugel in seine Armbeuge und hält sie mit dem Kinn fest. „So geht’s auch.“ Die grüne Pudelmütze will es ihm nachtun, dabei rutscht die Kugel aber aus seinem Arm und fällt herunter. Er bückt sich, die Kugel ist aber unter einen Sitz etwas weiter weg gerollt. Er guckt zu seinem Freund rüber, der grad am Eis lutscht und saugt.

Szene

Kleine Geschichten aus dem Alltag, zufällig belauschte Gespräche, Begegnungen, die im Kopf bleiben. Lustiges, Skurriles, Ärgerliches, Trauriges und nachdenklich Stimmendes, Glossen übers Flanieren und die Mythen aus der großen Stadt, aufgeschrieben von den Autor:innen der taz Kulturredaktion. ➝ zur Kolumne

Sagt die grüne Pudelmütze: „Meine Mutter hat gesagt, dass man Schnee nicht in den Mund nehmen soll. Vor allem nicht, wenn er bunt ist.“

Der andere hält inne mit vom Schnee glänzenden Lippen: „Wieso bunt?“

„Na“, erklärt der andere fachmännisch, „gelb, wenn da einer reingepinkelt hat. Oder braun, wenn …“

„Iiih!“, unterbricht der Erste total laut.

„Und grün, wenn einer Schleimi hat fallen lassen“, überlegt der mit der blauen Mütze. Sie kichern.

Beide gucken auf die Schneekugel, bis die Pudelmütze plötzlich „Wir müssen raus!“ ruft und die Kugel zu Boden fällt und zerschellt. Die Jungs rennen aus der Bahn. Auf meiner restlichen Fahrt sehe ich dem Schnee drinnen und draußen beim Schmelzen zu. Etwas später ist die Stadt dann wieder bloß wie Möhrenkuchen ohne Topping.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Isobel Markus

Isobel Markus Autorin

Isobel Markus ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt für die Berliner Szenen und weitere Rubriken der taz. Ihre Kurzgeschichten wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht und ins Arabische übersetzt. Bisher erschienen von ihr: Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2021), Der Satz (2022) und Neues aus der Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2023), alle im Quintus Verlag. Dating-Roman ist ihr zweiter Roman und erschien im Juni 2024 bei mikrotext. In der Lettrétage veranstaltet sie die senatsgeförderte Veranstaltungsreihe Berliner Salonage. Sie bietet dort Künstler*innen verschiedener Genres eine thematische Bühne und regt zum Austausch mit dem Publikum an. https://isobelmarkus.de/salons https://www.quintus-verlag.de/Stadt-der-ausgefallenen-Leuchtbuchstaben/978-3-96982-010-0 https://mikrotext.de/book/isobel-markus-dating-roman/
Mehr zum Thema

0 Kommentare