Schmerzempfinden bei Fischen: Unerforschte Gefühle

Den Stress von Fischen kann man messen. Ob sie ihn auch als Schmerz empfinden, diskutieren die Forscher bis heute. Ausschließen kann man es nicht.

Toter Fisch im Wasser

Litt sie wirklich nicht? Tote Brasse im ostfriesischen Greetsiel Foto: picture alliance/dpa

HAMBURG taz | Letztlich ist es Glaubenssache. Und wie bei der Religion bleibt die Wissenschaft bis heute den Beweis schuldig. Schafft es nicht, einen Konflikt zu lösen, in dem es so viele Lobbyisten und Fraktionen gibt: Angler, Fischer, Aquakultur-Betreiber, private Fischzüchter, Tierschützer sind uneins darüber, ob ein Fisch Schmerz spürt oder nicht.

Besonders absurd erscheint dem Laien die – wissenschaftsintern zentrale, ja heikle – Frage, ob der Fisch ein „bewusstes“ oder „unbewusstes“ Schmerzempfinden habe. Das klingt, als ob ein „unbewusster“ Schmerz geringer sei, sodass praktische und strukturelle Gewalt – etwa durch brutale Fischerei-Praktiken und Schadstoff-Einleitung in Gewässer – weiterhin gerechtfertigt sei.

Vielleicht leugnen auch deshalb so viele das Leid von Fischen, weil es eine Spezies ist, der gegenüber sich der Mensch vorbehaltlos überlegen fühlen kann: Fische scheinen weder Mimik noch Laute zu haben (was wissenschaftlich widerlegt ist, sie kommunizieren durchaus unter Wasser).

Außerdem leben sie in einem uns fremden Element. Wir sehen sie selten und nehmen sie meist nur als Nahrungsmittel wahr, wenn sie rar oder ungenießbar sind, also nicht mehr „funktionieren“. Ihr Gehirn, ihr Gefühlsleben ist kaum erforscht: In bizarrer Paradoxie scheint der Mensch die Tiere, die in der Evolution am Anfang standen, als Letzte zu erforschen.

Wenn es um Gattungen einer ganz anderen Sphäre geht, um „Fremde“: Dann halten sich Interesse und Empathie in engen Grenzen

In anthropozentrischem Denken befangen, findet er Tiere schützenswert, die entweder intelligent oder niedlich-unterlegen sind. Wenn es um Gattungen einer ganz anderen Sphäre geht, um „Fremde“: Dann halten sich Interesse und Empathie in engen Grenzen. Eine interessante Form der Diskriminierung jener Tiere, die der Volksmund gern als Wesen mit „Drei-Sekunden-Gedächtnis“ abtut.

Dabei nimmt selbst das deutsche Tierschutzgesetz Fische in Schutz. Ist der Gesetzgeber also fortschrittlicher als die Wissenschaft? Nicht unbedingt, formuliert das Gesetz doch recht schwammig, dass jedwedes Tier „nur aus gutem Grund zu töten“ und Schmerz „möglichst zu vermeiden“ sei.

Wie den aber messen? Knackpunkt des Streits ist das Fehlen des Neocortex bei Fischen – jenes Hirn-Areals, das bei Säugetieren für Schmerz-Wahrnehmung zuständig ist, also für die Bewertung des Schmerzes als „unangenehm“. ForscherInnen wie die Britin Lynn Sneddon haben herausgefunden, dass Fische Nozizeptoren haben, die schädliche Reize ans Gehirn weiterleiten. Und Verhaltensstudien ergaben, dass Fische, denen man Schmerz zufügte, jenen Bereich des Aquariums aufsuchten, der – obwohl unangenehm grell beleuchtet – Schmerzmittel enthielt. Auch beobachtete man, dass Fische, denen man Essigsäure ins Maul gespritzt hatte, eine Zeitlang nicht fressen wollten.

Ob das aber bloß ein Reflex ist – wie unser Wegziehen der Hand von der heißen Herdplatte – oder eine Entscheidung aufgrund einer „Unangenehm“-Empfindung? Einige Forscher sagen: Dieses Vermeidungsverhalten genügt nicht als Beweis.

Andere WissenschaftlerInnen finden das sehr wohl und vermuten, dass andere Hirnregionen Funktionen des Neocortex ersetzen. „Es gibt Hinweise darauf, dass sich Hirnregionen bei Fischen zu differenzierten Strukturen entwickelt haben, die sensorische Information verarbeiten und Funktionen aufweisen, die bei Säugetieren im Zusammenhang mit Schmerzwahrnehmung stehen“, sagt Fischereiwissenschaftlerin Lina Weirup, die derzeit an der Uni Hamburg über Fischwohl promoviert.

Auch in Bezug auf Sinneswahrnehmung und kognitive Fähigkeiten scheint der – auch Vögeln fehlende – Neocortex entbehrlich: „Fische, wie auch Vögel, können sehen oder auch kognitive und intelligente Fähigkeiten ausüben, die bei Säugern unter Nutzung des Neocortex stattfinden“, sagt sie. „Wenn also diese Eigenschaften von anderen Hirn-Arealen übernommen werden können, warum nicht auch die Schmerz-Empfindung?“

Natürlich könne man Fische nicht fragen. Aber auch die Gefühle des Menschen kenne man nur deshalb, weil er davon erzähle. In der Tat haben Neurowissenschaftler auch beim Menschen den Sitz des Bewusstseins bis heute nicht gefunden. Man vermutet, dass sich hierfür verschiedene Areale vernetzen.

Sichtbare Anspannung

Warum sollte das bei Tieren anders sein? Und warum nicht das Naheliegende aus den Verhaltensstudien folgern und an Sauerstoffmangel erstickende Fische als leidend betrachten? Ihre Anspannung könne man deutlich sehen, sagt die Wissenschaftlerin und Veterinärmediznerin Henrike Seibel, die an der Uni Kiel Fischkrankheiten erforscht. „Gestresste Fische schwimmen und atmen hektisch, zeigen mehr Kiemenbewegungen, kippen zur Seite oder auf den Rücken“, sagt sie.

Da könnte man schon vermuten, dass sie sich quälen – und sich freuen, wenn sie wieder in sauberes Wasser gesetzt werden, wie Jonathan Balcombe im Buch „Was Fische wissen“ meint. Peter Wohlleben, Autor des Buchs „Das geheime Leben der Bäume“ stellt im Zeit-Artikel „Das Glück des Hechts“ gar die Frage, ob Fische auch Angst oder Liebe empfinden können.

Die Schwierigkeit solch populärwissenschaftlicher Texte sei, dass sie menschliche Gefühle auf Tiere übertrügen, sagt Doktorandin Lina Weirup. „Als Wissenschaftlerin argumentiere ich vorsichtiger und sage: Vielleicht haben Fische dem Menschen ähnliche Grund-Empfindungen. Das reicht, um sie zu schützen.“

Denn auch wenn man nicht beweisen könne, dass Fische Schmerz spürten: „Es gibt viele Anhaltspunkte, und ausschließen können wir es nicht. Es läuft also zwangsläufig auf eine ethische Debatte zum Umgang des Menschen mit dem Tier hinaus.“

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