: Schlesier uneins
■ Landsmannschaften streiten über deutsch-polnische Verträge
Nürnberg (afp) — Auseinandersetzungen über das deutsch-polnische Vertragswerk haben das 25. Deutschlandtreffen der Schlesier am Wochenende in Nürnberg geprägt. Mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag solle „ein Viertel von Deutschland ausgeschlossen und ausradiert werden“, kritisierte der Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Herbert Hupka (CDU). Die Anerkennung der Oder-Neiße- Linie als Grenze sei ein Diktat, das von den Vertriebenen nicht als Schlußpunkt betrachtet werden könne. Wie schon am Vortag wandte sich Hupka auch am Sonntag erneut mit harscher Kritik gegen den Mitte Juni unterzeichneten deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag. Er bemängelte, darin fehlten den Staat Polen verpflichtende Konkretisierungen. Der stellvertretende Vorsitzende der Landsmannschaft, Hartmut Koschyk (CSU), wertete das Vertragswerk dagegen als „Ansatz zu einer zukunftsorientierten Lösung der schlesischen Frage“.
An dem zweitägigen Treffen nahmen nach Angaben der Veranstalter rund 120.000 Schlesier aus der Bundesrepublik und erstmals auch aus Polen teil. Als der CSU-Bundestagsabgeordnete Koschyk seine Vorstellungen von einer schlesischen Zukunft als „Euroregion“ mit Sekretariat und Regionalrat unter Beteiligung sowohl polnischer als auch deutscher und tchechischer Stellen schilderte, kam es zu teilweise tumultartigen Mißfallensäußerungen mit Rufen wie „Verzicht ist Verrat“, „Pfui“ und „Betrug“. Gegen das Motto des Deutschlandtreffens „Schlesien ist unser Auftrag“ hielten viele Teilnehmer lautstark den Slogan „Schlesien ist unser“. Ein Vertreter der Stadt Nürnberg wurde wiederholt mit „Aufhören“-Rufen am Reden gehindert. Bayerns Wirtschaftsminster Lang mußte sich Buh- Rufe gefallen lassen für seine Aufforderung an die Schlesier, die Verträge mit Polen mit Leben zu erfüllen und so zur Aussöhnung beizutragen.
Die Vertreibung dauere fort, solange die aus der Heimat Vertriebenen nicht vom Recht auf die Heimat wieder Gebrauch machen könnten, sagte Hupka. Daß in den Verträgen weder zum Niederlassungsrecht noch zur Frage des Eigentums und der Wiedergutmachung Stellung bezogen worden sei, sei ein wesentlicher Schwachpunkt.
Einen Führungswechsel an der Spitze des Bundes der Vertriebenen (BdV) empfahl am Rande des Treffens der wegen Meinungsverschiedenenheitem mit BdV-Präsident Herbert Czaya zurückgetretene BdV-Generalsekretär Koschyk. Gegenüber 'afp‘ plädierte Koschyk dafür, die Bundesversammlung des Vertriebenen-Dachverbandes vorzuverlegen und noch in diesem Jahr eine inhaltliche und personelle Erneuerung vorzunehmen. Als mögliche Nachfolger Czayas nannte er den CDU-Bundestagsabgeordneten Bernhard Jagoda sowie den Staatssekretär in der baden-württembergischen Landesregierung, Gustav Wabrow.
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