Schauspielhaus Düsseldorf gerettet

Mit einem Bein dringeblieben

Wieder im Stammhaus am Gustaf-Gründgens-Platz: Das Düsseldorfer Schauspielhaus ist nach langer Sanierungsphase zurückgekehrt.

Ein Gebäude. Es ist das Düsseldorfer Schauspielhaus

Das Düsseldorfer Schauspielhaus, ohne Baustelle, Idealzustand Foto: Sebastian Hoppe

Als vor bald 50 Jahren der ikonische Bau des Schauspielhauses (von dem Architekten Bernhard Pfau) am Düsseldorfer Gustaff-Gründgens-Platz mit Georg Büchners „Dantons Tod“ eröffnet wurde, war der Bau höchst umstritten. Die Eröffnungs­premiere wurde damals begleitet von heftigen studentischen Protesten. „Bürger in das Schauspielhaus – schmeißt die fetten Bonzen raus“, skandierten die Demonstranten.

Nun stand Büchners Drama in der Jubiläumsspielzeit am 20. September wieder auf einem prominenten Premierenplatz, denn diesmal ist es nach langer und konfliktreicher Sanierungspause, in der zwischenzeitlich das Haus selbst zur Disposition stand, sozusagen eine zweite Eröffnung.

Regisseur Armin Petras hat das Werk des jungen Büchner angedickt mit Textbausteinen von Heiner Müller bis Marquis de Sade, sodass der Abend sich auf dreieinhalb Stunden summiert, die nach furiosem Beginn zunehmend zäh vergehen. Die Bühne dominiert ein riesiges Fallbeil, das zahlreiche Personal entert die Spielfläche rutschend über die blutverschmierte Rampe. Gespielt wird mit hohem Tempo, vorzugsweise schreiend, man findet sich schwer zurecht im Riesen-Cast, aus dem klar herausgemeißelt nur der Titelheld (brillant: Wolfgang Michalek) und der hier weibliche Robespierre (schneidend scharf: Lieke Hoppe) hervortreten. Ein lauter, aber seltsam fahriger Abend.

Dennoch ein Triumph der Kunst

Auch zwei Tage später überzeugt Simon Solbergs Dramatisierung von Helene Hegemanns Roman „Bungalow“ nicht wirklich, obwohl Solbergs Regie den Stoff geschickt montiert und sinnfällige, poetische Bilder findet und die Darsteller – insbesondere Lea Ruckpaul in als Hauptfigur Charlie durchweg imponieren. Die Schwäche liegt im Stoff selbst, denn Hegemanns Roman will sich nicht entscheiden zwischen Coming-of-Age-Geschichte, dystopischer Vision und knallharter Sozialreportage. Künstlerisch ist also noch Luft nach oben in Düsseldorf.

Der Wiedereinzug in das Stammhaus ist hart erkämpft, noch riecht es nach Farbe im Foyer

Dennoch darf der Wiedereinzug in das Stammhaus als Triumph der Kunst gegen lähmende Widerstände gefeiert werden. Und er ist hart erkämpft, widrige Umstände erschweren noch die Arbeit. Denn das Haus ist noch immer eine Baustelle: Am Haupteingang schlängelt sich eine Baustellen-Straße vorbei. Von der berühmten weißen Fassade des Hauses ist noch wenig zu sehen, die futuristisch wirkende Architektur-Ikone sieht aus wie ein Rohbau. Drinnen riecht es nach Farbe, die Garderoben sind noch nicht fertig, die Beleuchtung im Foyer ist provisorisch. Mehr als drei Jahre lang war der Spielbetrieb ausgelagert.

Doch Intendant Wilfried Schulz ist mit seinem Kernteam bereits vor einem Jahr zurück­gezogen an den Gründgens-Platz. Aus Prinzip: „Wir haben immer gesagt, wir bleiben besser mit einem Bein drin, auch wenn es Nerven kostet, denn das ist die einzige Chance, zeitnah wieder in dieses Haus zurückzukehren und durch unsere Gegenwart einen gewissen Druck zu produzieren.“

Beharren und verhandeln

Wilfried Schulz hat sich einen Ruf als zäher Beharrer erarbeitet. Als er seinen Vertrag unterschrieb, ging er noch davon aus, am Gründgens-Platz arbeiten zu können. Es war nur nebenher von einer Baustelle die Rede, die eines Tages vor seiner Nase entstehen könnte. Aber kaum hatte Schulz unterschrieben, gab es plötzlich einen Investor für den durch Abriss einer Hochstraße freigewordenen Platz vor dem Schauspielhaus, und dann kam auch noch heraus, dass die alte Tiefgarage unter dem Gründgens-Platz durch eine neue ersetzt würde, Wand an Wand mit den Fundamenten des Schauspielhauses. Der Auszug wurde unumgänglich.

Damals hätte Schulz hinwerfen können. Aber er blieb. Ihn habe die Aufgabe gereizt, das Schiff wieder flottzukriegen, sagt er listig. In seiner ersten Spielzeit spielte er in einem Zirkuszelt und etablierte die Ausweichspielstätte Central mitten im sozialen Brennpunkt am Hauptbahnhof als Hauptspielort. Am Gründgens-Platz wurde unterdessen der Sanierungsbedarf sondiert. Denn Schulz war clever genug, Bedingungen zu stellen: „Wir haben uns auf einen Deal geeinigt, dass die Zeit, in der wir ausziehen mussten, dazu genutzt wird, das Haus zu sanieren und modernisieren. Vieles war ja überfällig.“

Schnell wurde klar, dass die Sanierung viele Millionen verschlingen würde. Die steigenden Schätzungen brachten den hyperaktiven und Event-seligen Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel auf die Schnapsidee, Haus und Grundstück in Filetlage einfach an einen weiteren Investor zu veräußern und ein Kongresszentrum zu errichten.

Engagement der Bürgerschaft

Da aber brach ein Sturm der Entrüstung los. Und arbeitete letztlich Schulz’ Strategie zu. „Ich bin inzwischen froh, dass wir durch die vielen Diskussionen sowohl die Politik als auch die Bürgerschaft der Stadt haben gewinnen können, die nun ein Riesenengagement entwickelt haben.“

Insgesamt rund 60 Millionen Euro werden in die Modernisierung und Sanierung geflossen sein, wenn denn im Sommer 2020 alle Maßnahmen abgeschlossen sind. Dann wird „mehr Pfau zu sehen sein als vorher“ meint Schulz, der auch die Bürgeranbindung verstärken und die vielfältigen Düsseldorfer Communities einbinden will. Ab Januar soll das Foyer als Open Space täglich von 12 bis 18 Uhr zur Verfügung stehen als Ort für die Stadtgesellschaft.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de