Schauspielerin Sandra Hüller im Gespräch: „Ich vermisse das Publikum“

Sandra Hüller spielt die Hauptrolle in „Hamlet“ am Bochumer Schauspielhaus. Für sie war die Fernsehaufzeichnung des Stücks eine intime Erfahrung.

Sandra Hüller lächelt und hat mittellange blonde Haare

Ihren größten Erfolg hatte sie bislang mit ihrer Rolle im Film „Toni Erdmann“ von 2016 Foto: D. Heerde/snapshot-photography

taz am wochenende: Frau Hüller, der Bayerische Rundfunk hat Sie kürzlich als Corona-Opfer bezeichnet …

Sandra Hüller: Wie bitte? (lacht)

und meinte damit die ausgefallene Preisverleihung für den Gertrud-Eysoldt-Ring und den Theaterpreis Berlin sowie die dann auch ausgefallene Eröffnung des Theatertreffens mit „Hamlet“ und Ihnen in der Titelrolle. Wie dramatisch ist das für Sie?

Das ist überhaupt nicht dramatisch für mich.

Weil?

1978 in Suhl geboren, gehört zu den begabtesten Theater- und Filmschauspielerinnen des Landes. Ihr größter Filmerfolg war ihre Rolle als Unternehmensberaterin Ines in Maren Ades Kinofilm „Toni Erdmann“.

Seit 2018 gehört sie zum Ensemble des Bochumer Schauspielhauses unter der Intendanz von Johan Simons. In diesem Jahr ist sie sowohl mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring als auch mit dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet worden. Beide Preisverleihungen wurden verschoben. Die Fernsehaufzeichnung von „Hamlet“ mit ihr in der Titelrolle eröffnete das virtuelle Berliner Theatertreffen.

Sandra Hüller lebt mit ihrer Familie in Leipzig.

Na, die Auszeichnungen sind mir ja nicht aberkannt worden. Ähnlich ist das beim Theatertreffen. Das Stück ist ja nicht ausgeladen worden. Und die Einladung bleibt eine schöne Sache.

Stimmt, nur hat das ganze Drumherum nicht stattgefunden, kein rauschender Applaus, keine Premierenfeier.

Absolut, und gerade für die jüngeren Kolleg*innen wäre diese Erfahrung sicher toll gewesen, für die tut mir das auch sehr leid. Aber für mich persönlich war das Traurigste, dass wir uns als Ensemble nicht gesehen haben. Aber ich bin bei solchen Sachen nicht nachtragend, wenn etwas nicht sein soll, dann soll es nicht sein. Ich bin da ganz …

… pragmatisch.

Ja, genau!

Die 3sat-Aufzeichnung von „Hamlet“ wurde kurz nach dem Lockdown aufgenommen. Wie hat es Ihr Spiel beeinflusst, dass kein Publikum im Saal saß?

Es war erstaunlich, welche Intimität sich dadurch eingestellt hat. Wir haben wirklich nur füreinander gespielt. Diese Verbindung, die da aufgebaut wurde, war schon wirklich einzigartig. Es fühlte sich an wie auf einem anderen Planeten: sehr speziell, intim und einsam. Ich dachte immer an den kleinen Prinzen. Es war, als stünde man auf einem einzelnen Planeten.

Diese Stimmung passt perfekt zur Inszenierung von Johan Simons!

Ja, das hat funktioniert. Andererseits funktioniert es ohne Publikum einfach dann doch nicht. Eine liebe Kollegin brachte es auf den Punkt: Das ist wie Backen ohne Mehl. Als Erfahrung interessant, aber auf die Dauer möchte ich das nicht.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Wie haben Sie sich der Figur Hamlet denn genähert?

Ich alleine gar nicht, das hat gemeinsam auf den Proben stattgefunden und ganz pragmatisch über das Textlernen und das Verstehenwollen. Und tatsächlich auch übers viel Alleinsein. Wenn ich in Bochum probe, bin ich ja weg von meiner Familie in Leipzig.

Nimmt Sie so eine Aufführung wie „Hamlet“ sehr mit?

Es gibt Abende, die lassen mich wirklich verzweifelt zurück, da bin ich leer, allein und traurig. Bei Hamlet ist es seltsamerweise gar nicht so, weil es in gewisser Weise eine Versöhnung gibt, und sei es nur mit Laertes. Deswegen bin ich nach diesem Abend total friedlich und klar. Das ist sehr schön. Deswegen spiele ich's auch so gerne.

Ist die Versöhnung mit Laertes Ihr Lieblingsmoment an dem Abend?

Das hört sich jetzt richtig doof an, aber: Ich liebe jeden einzelnen Moment dieses Abends.

Der Geist von Hamlets Vater tritt in Ihrer Version ja nicht auf, sondern Hamlet hat den Vater verinnerlicht. Das erinnert an Ihre erste große Filmrolle in „Requiem“, wo es um eine angebliche Teufelsaustreibung geht.

Ich habe geahnt, dass diese Brücke geschlagen wird! Nach 14 Jahren kann man auch mal was wiederholen, ich habe ja auch nur begrenzte Mittel zur Verfügung (lacht). Ich finde es in diesem Fall okay, in dieselbe Schublade zu greifen.

Aber kann man es bei Hamlet in Analogie zum Film als Vateraustreibung begreifen?

Das kann man so sehen, aber es geht mir um etwas anderes, abgesehen davon, dass wir lange nicht wussten, wie wir das machen sollen. In unserer Fassung steht, dass der Vater durch Hamlet spricht, was mich natürlich das Fürchten gelehrt hat. Wie soll das denn gehen? Wie soll ich das denn machen? Die wunderbare Gina Haller als Ophelia und ich haben diese Szene bei den Leseproben eigentlich immer eher flapsig genommen, weil wir nicht wussten, wie das gehen soll. Das Problem ist, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein älterer Kollege als Geist auf die Bühne kommt und zu mir sagt: „Hör mal zu, Hamlet, da gibt’s ein Problem und du musst das lösen.“ Da wüsste ich gar nicht, wie diese Dringlichkeit entstehen soll. Es wäre auf jeden Fall viel schwieriger gewesen.

Mit dem Regisseur Johan Simons verbindet Sie eine lange Arbeitsbeziehung, hat das etwas mit der Freiheit zu tun, die er seinen Spielern lässt?

Ja, das hat mit dieser Freiheit zu tun und mit diesem Vertrauen, dass sich die Dinge aus den Spieler*innen heraus entwickeln, ohne dass er etwas daraufpfropft. Auch diese eingehende Untersuchung der Texte, bis sie dann tatsächlich gespielt werden, ist ein großer Luxus für mich.

Ist es das, was Sie derzeit am meisten am Theater vermissen?

Die Aufregung vor Vorstellungen vermisse ich jedenfalls nicht! Aber ich vermisse natürlich die Schönheit, die in diesen Zusammenkünften liegt. Wenn es hieße, das gäbe es nie wieder, würde ich das schlecht verkraften. Es geht im Moment nur mit der Aussicht, dass wir uns irgendwann wieder sehen können. Ich meine nicht nur die Kolleg*innen, sondern auch das Publikum. Die Vorstellung, wie wir dann zum ersten Mal wieder in einem Raum sind, überwältigt mich geradezu.

Sie haben kürzlich gesagt, der Lockdown sei eigentlich ganz schön, was daran finden Sie schön?

Es ist nicht für alle schön, das ist mir durchaus bewusst, aber ich genieße die Zeit zu Hause sehr, weil ich die so selten habe.

Fühlen Sie sich in Ihren Freiheitsrechten eingeschränkt?

Natürlich bin ich im Konflikt, wie alle anderen auch. Ich halte die Maßnahmen zwar alle für richtig, aber es ist die Frage, wie lange sie noch richtig sind und ob man schnell genug reagieren kann, wenn sie nicht mehr richtig sind. Auf der anderen Seite weiß ich gar nicht, wie lange ich meine Mutter nicht mehr umarmt habe, und da stellt sich schon die Frage, ob ich mir das sagen lasse oder auf wen ich hören soll. Ich finde es schwer, klarzukriegen, wo da die eigenen Grenzen liegen.

Für Frank Castorf ist die Grenze beim Händewaschen überschritten, das lässt er sich von Angela Merkel nicht vorschreiben.

Das möchte ich nicht kommentieren.

Jammern gehört zum Schlimmsten“, haben Sie einmal gesagt.

Aber es gibt einen Unterschied, ob man jammert oder Dinge klar benennt. Wenn ich an freischaffende Kolleg*innen denke, die null abgesichert sind, weil sie nicht angestellt sind und nicht als Selbstständige gelten, obwohl sie als Gäste an den Theatern arbeiten und normalerweise dort versichert sind. Da herrscht akute Not, und das hat überhaupt nichts mit Jammern zu tun. Da geht es um die nackte Existenz.

Johan Simons plädiert dafür, die Theater so schnell wie möglich wieder zu öffnen.

Ich glaube, man muss gucken, wie die Zuschauer*innen sicher rein und raus kommen und mit Abstand sitzen können.

Es geht natürlich auch um die Leute auf der Bühne.

Ja, wahrscheinlich muss man auch das Spiel überprüfen. Wie kann man Dinge vermitteln, ohne sie tatsächlich zu tun? Was würde das bei „Hamlet“ bedeuten, wenn man nur sagt, was man machen würde? Das kann man ausprobieren. Aber in erster Linie geht es darum, wie man sicherstellt, dass die Leute sicher schauen können.

Macht Ihnen das Virus Angst?

Mir persönlich nicht. Natürlich möchte ich niemanden verlieren, aber in Bezug auf mich denke ich immer, wenn es so ist, dann ist es so. Wenn das der Plan gewesen ist, dann war’s das halt.

Sie haben schon unzählige Auszeichnungen bekommen, was bedeuten Ihnen diese neuen Ehrungen?

In diesem Jahr ist es etwas Besonders, weil ich 20-jähriges Berufsjubiläum habe. Aber ich werde diese Preise natürlich nicht mit ins Grab nehmen, ich sterbe ohne all das. Insofern sind diese Auszeichnungen total schön und machen mir ein gutes Gefühl, aber wenn es sie nicht gäbe, dann gäbe es etwas anderes.

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