piwik no script img

SanssouciVorschlag

■ Japanische Piepstönchen: Pizzicato Five im Loft – catchy!

Wir befinden uns far away von den hemmungslosen Spaßachtzigern. Mitten in den Neunzigern, mitten im Wendejahrzehnt mit seiner „Repolitisierung“ und seinen irgendwie virtuellen Generationskriegen, und trotzdem: Alles ist noch lockerer, noch leichter, noch flauschiger, noch sämiger geworden, zumindest in der Popmusik. Easy Going, Easy Listening, Easy Mania oder schlicht Unterhaltungsmusik heißt der Zaubersound zur Zeit; Burt Bacharach, Herb Alpert, Bert Kämpfert und Les Humphries Singers gelten plötzlich als Heroen und große Einfluß- Flauscher von gestern; Pizzicato Five, Compustible Edison oder The Gentle People nennen sich die jungen, geschichtsbewußten lazy Nachahmer von heute. Und die machen nun eine Musik, die aus allem besteht, was Spaß macht, ohne jedes Element von Traurigkeit, Melancholie oder Nachdenklichkeit, die unterhalten will und auch noch eine Tugend daraus macht, daß sie mit der Zeit langweilt. Aus Leere wird Kontemplation, wozu eine gepflegte Baratmosphäre jedweden Jahrzehnts gehört; die Ästhetik der Fünfziger und frühen Sechziger: Cocktailoliven, Salzstangen und Martinis, Männer in legeren Freizeitanzügen, Frauen, die aussehen wie Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“; der Disco-Schmuck der Siebziger: Hammondorgeln, Leuchtkugeln und Olivia Newton-John, auch ein bißchen bemühtes Laissez-faire der Achtziger: New Wave und der ganze Kram mit weißem, blauem und grünem Bols – und beispielsweise Pizzicato Five, straight aus den Neunzigern, die daraus den großen Mix rühren.

Angeblich hat dieses Trio aus dem fernen Osten (Japan!) schon über ein Dutzend Schallplatten aufgenommen, via Matador fürfen sie jetzt den Rest der Welt mit ihrem Konsumfetischismus „made in U.S.A.“ beglücken. Womit sie schmuddelige Grunger wohl endgültig zu eleganten Swingern und todunglückliche, leidgeprüfte Eddie-Veddar-Fans zu fröhlichen Sonnenscheinchen machen. Lustig hören sie sich an, diese japanischen Pieps- und Maschinentönchen. Gesungen wird „Twiggy twiggy / twiggy vs. James Bond“, und von hairstyle, clothes, shoes bis zu Coco Chanel, brandneu versteht sich, finden Pizzicato Five alles supercatchy. Klasse und catchy finden wir das natürlich auch; manchmal langweilt's, aber das ist ja included, und nicht umsonst hat wohl mittlerweile jeder einen dieser sündhaft teuren und geilen Le-Hammond-Inferno-Flyer von irgendwelchen Kneipentheken gerettet, um damit sein düsteres Zimmerchen aufzupeppen. Gerrit Bartels

Heute ab 20.30 Uhr, Loft, Nollendorfplatz, Schöneberg

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen