Saisonstart am Burgtheater Wien: Bonsoir Tristesse

Die Theater in Österreich haben für die Öffnung gekämpft, sie sind zumindest halb voll. Mit Calderón ruckelt sich das Burgtheater wieder in den Alltag.

Auf der Bühne tritt ein junger Mann nach einem anderen, der schon am Boden liegt, im Hintergrund schauen andere zu

Szene aus „Das Leben ein Traum“, Sigismund wird rabiat Foto: Andreas Pohlmann

Wien sei eine „Theaterstadt“, sagt man. Sagt die Fremdenverkehrswerbung. Sagen jene Gruppen der Gesellschaft, die in der Lage sind, sich und ihre kulturellen Bedürfnisse in der Stadt zu artikulieren. Da wurde die längste Theaterzwangspause seit der Wiederbegründung der Republik nach dem Zweiten Weltkrieg zur causa prima der nationalen Politik, nicht nur in der Hauptstadt. Die Salzburger Festspiele zwängten sich durch ein rigides Sanitätsregime und auch die Wiener Großinstitutionen warfen ihre prognostizierten Mehrkosten der Epidemie in die politische Waagschale.

Der seit einem Jahr amtierende Burgtheaterdirektor Martin Kušej hielt sich in der Debatte vornehm zurück. Den Aufstand der Theaterpatriarchen gegen zu viel Schließung und zu viel Abstand führte Kušejs Kollege und Konkurrent Herbert Föttinger vom Theater in der Josefstadt an.

Das Resultat kann sich sehen lassen. Die Abstandsregeln sind weit liberaler als bislang in vielen deutschen Bundesländern: personalisierte Karten zwar, Maskenpflicht bis zum Sitzplatz, links und rechts einer in einem Haushalt lebenden Einheit ein Platz frei, aber keine Leerreihen dazwischen. Wie eh und je spürt man den Atem von MitabonnentInnen im Nacken.

Gänse statt Pfauen

Die „Hütte“ ist zumindest halb voll. Institutionalisierte Interessen haben sich zuverlässig durchgesetzt, während viele selbstständige KünstlerInnen mit der regelmäßigen Verzögerung ihrer Epidemie-Almosen zu kämpfen hatten. Die apokalyptische Erwartung trügt, die Krise macht alles andere als alle gleich.

Das Ordnungspersonal, dem Folge zu leisten die Anstaltsleitung per Durchsage eindringlich empfiehlt, hat sich gefühlt verdreifacht und achtet auf den reihenweisen Abgang des geschätzten Publikums im Gänsemarsch. Das Pfauengehabe im Publikum in und um eine Wiener Premiere ist dahin, die Sache könnte irgendwo stattfinden.

Wie aber kann das Theater, das sich über Monate zumeist nur mit der Flaschenpost verzweifelter Videostreams zu Wort gemeldet hat, auf die Zumutung neuer Normalitäten reagieren? Als traditionelle Versammlungspraxis steht es vor einer unerwarteten sozialen Konstellation, bekannte andere werden durch das Virus potenziell zu unerkannten Feinden. Gibt es darauf auch in der ästhetischen Praxis eine Antwort? Oder bleibt das Theater gefangen in der Logik der Sys­tem­erhaltung: Wir haben ein Hygiene­konzept und können mit Einschränkungen weitermachen wie bisher?

Hie und da läuft ein Tröpfchen Theaterblut über ihre feine weiße Haut. Schön ist’s nur, wenn’s auch wehtut

Martin Kušej verlegt sich in seiner Saisoneröffnung an der Burg mit Pedro Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum“ auf ein barockes Spiel von Sein und Schein. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, aber wofür? Für Calderón ist es der verborgene göttliche Plan einer absolutistischen Gesellschaftshierarchie, für Kušej die Vorlage für ein heftiges Dopaminfeuer à la David Lynch, das mit Projektionen, blacks und akustisch unterlegten harten Schnitten seine Sehnsucht nach dem Film verrät.

Ins Horrorgenre hinüberspielen

Auf den ersten Blick scheint die Geschichte vom Prinzen Sigismund im fernen Polen (Franz Pätzold) ganz gut zu aktuellen Verschwörungsmythen zu passen. Vom bösen König Basilius (Norman Hacker) wird er eines schlechten Omens wegen nackt auf einer horrorfilmmäßigen Sezierpritsche gefangen gehalten. Nach einem Morphiumschlaf darf er probehalber als König agieren. Eine Mischung aus Kaspar Hauser und Donald Trump kostet die vorgebliche Immunität im Amt aus.

Einem Diener dreht er den Hals um und greift Hofdamen ans Dekolleté, woraufhin er nach einer weiteren Einschläferung erst einmal wieder im vertrauten Gothic-Knast landet. Es ist ein wenig wie in „Matrix“, aber anders als dort ist das Verhältnis von schnöder Realität (rote Pille) und süßem Traum (blaue Pille) etwas komplizierter.

Weniger kompliziert gerät die Sache dann in der Durchführung. Was auf einer schnöden Briketthalde beginnt, fächert sich auf zum schicken Designerstück in der Saisonfarbe Anthrazit an Bauten und Textilen (Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler). Der Hof ein Chargenspiel. Kokett ficht Prinzessin Estrella (Andrea Wenzl) mit ihrem christian-grey-verklemmten Galan Astolf (Johannes Zirner) und hie und da läuft ein Tröpfchen Theaterblut über ihre feine weiße Haut. Schön ist’s nur, wenn’s auch wehtut. Stellt sich Zeitgenossenschaft schon deswegen ein, weil man den Soft-SM-Schund der jüngeren Populärkultur mit wissendem Zeigefinger zitiert?

Die Anverwandlung ans Gewöhnliche am Ort potenziell ungewöhnlicher Erfahrungen langweilt zusehends. Vielleicht liegt es am langen Lockdown, dass man plötzlich die Grenzen im Theater der Interpretation entdeckt.

Warum braucht es eigentlich immer eine psychologische oder situative Konstellation, die Texte einhegt, ihnen ihre Unwägbarkeiten und ihre Abgründe nimmt, nur um sie im Horizont von Alltagserfahrungen anschlussfähig zu machen? Wäre es nicht spannender, ­einen Text einfach durch den Körper gehen zu lassen und seine erwünschten wie unerwünschten Wirkungen zu untersuchen, die er auf Dar­stellende und Betrachtende ausübt? So bleibt nur ein robustes Theater der Verwaltung, das die Lust an seinen innewohnenden Anfechtungen perfekt kontrolliert. Bonsoir tristesse.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben