piwik no script img

Russische Soldaten in EstlandDas Baltikum ist kein Ort für russische Deserteure

Estland will keine Russen im Land, die im Ukrainekrieg gekämpft haben. Nicht einmal dann, wenn sie dem Militär mutig den Rücken gekehrt haben.

Der estnische Aupenminister Margus Tsahkna will keine russischen Kämpfer mehr in seinem Land Foto: Virginia Mayo/ap

Die taz präsentiert unter taz.de/unserfenster jeden Mittwoch eine wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen kritischen Medien. Mit diesem Projekt stärkt die taz Panter Stiftung unabhängigen Journalismus und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen.

Am 11. Februar 2026 öffnet Novaya Gazeta Europe mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.

„Estland hat gegen die ersten 261 russischen Kämpfer, die am Angriffskrieg gegen die Ukraine teilgenommen haben, Einreiseverbote verhängt – und das ist erst der Anfang“. Das schrieb der estnische Außenminister Margus Tsahkna am 12. Januar 2026 auf X.Seine Begründung lautete: „Hunderttausende Kämpfer aus dem Aggressorstaat waren an diesem brutalen Krieg beteiligt, haben Gräueltaten begangen und Gewalt verbreitet. Sie haben keinen Platz in Estland und im Schengen-Raum. Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, dass die Tür für ehemalige russische Kämpfer geschlossen bleibt, und wir fordern andere Länder auf, dasselbe zu tun“.

Auf die Frage, ob das Verbot auch für Deserteure der russischen Armee gelte, bestätigte das estnische Innenministerium, dass dies tatsächlich der Fall sei, wie Novaya Gazeta Europe berichtet. Estnische Beamte erklären, dass sie jeden, der in der russischen Armee gekämpft hat, als potenzielles Sicherheitsrisiko betrachten: Die Teilnehmer am Krieg in der Ukraine seien oft traumatisiert, häufig vorbestraft, stünden Europa und europäischen Werten feindlich gegenüber und könnten für eine Anwerbung durch den russischen Geheimdienst anfällig sein.

Es überrascht wohl kaum, dass das russische Verteidigungsministerium keine Statistiken über Desertionen veröffentlicht. Unabhängige Ermittler und Menschenrechtsgruppen stützen sich auf indirekte Daten.

Im Mai 2025 veröffentlichte die russische Investigativplattform Istories eine Recherche: Seit Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine bis Ende 2024 wurden rund 49.000 Fälle von Desertion oder unerlaubtem Fernbleiben von militärischen Einheiten registriert. Diese Schätzungen stimmen weitgehend mit den Zahlen des ukrainischen OSINT-Projekts Frontelligence Insight überein.

„Wenn wir Menschen beraten, sagen wir immer: Die baltischen Staaten sind keine Orte, an denen ein russischer Deserteur realistischerweise damit rechnen kann, Asyl zu erhalten“, sagt Ivan Chuvilyaev von Get Lost, einem Projekt, das Wehrpflichtigen und Soldaten hilft, den Einsatz zu vermeiden oder von der Front zu desertieren, gegenüber Novaya Gazeta Europe.

Ähnlich äußerte sich auch InTransit, eine Organisation, die Russen unterstützt, die vor politischer Verfolgung im eigenen Land fliehen: „In der EU gibt es eigentlich nur zwei oder drei Länder, die mehr oder weniger vernünftig mit russischen Deserteuren umgehen: Frankreich, Deutschland und in gewissem Maße auch Spanien“, erklärte die Organisation gegenüber Novaya Gazeta Europe.

Nach Angaben Chuvilyaevs bleiben rund 60 Prozent der Menschen, denen die Initiative Get Lost hilft, in Russland und tauchen dort unter – auch wenn dies in der Regel keine langfristige Lösung ist. „Man kann sich eine Weile verstecken, aber früher oder später wird man gefunden – von der Verkehrspolizei angehalten, von Verwandten unter Druck gesetzt oder es passiert etwas anderes.“Die übrigen 40 Prozent weichen vor allem nach Armenien oder Kasachstan aus – zwei Staaten, in die russische Staatsbürger mit ihrem Inlandspass einreisen können. Das gilt als entscheidender Vorteil, da viele Russinnen und Russen keinen für Auslandsreisen gültigen Reisepass besitzen.

Kasachstan ist allerdings besonders unsicher – die Behörden liefern Menschen auf Antrag Russlands aus. Armenien ist hingegen sicherer.

Laut InTransit kommt es immer häufiger vor, dass Russen ohne Auslandspass in einem Transitland festsitzen. „Die überwiegende Mehrheit befindet sich in Armenien. Es gibt eine große Zahl von Deserteuren und anderen Russen, die ohne Auslandspass ausgereist sind. Menschenrechtsgruppen schätzen die Zahl der Deserteure auf mehrere Hundert bis 1.000 – aber das sind nur diejenigen, die mit NGOs in Kontakt gekommen sind. Viele tun dies nicht, sodass die tatsächliche Zahl bereits in die Tausende gehen könnte.“

Mit Ihrer Spende an die taz Panter Stiftung helfen Sie, kritischen Journalismus zu stärken und auch unter schwierigen Bedingungen zu ermöglichen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare