Rückkehr in Schulen: Kein Plan B

Am Montag begann in weiteren Bundesländern die Schule. Der Start ins neue Schuljahr ist eine Zitterpartie. Denn ein Plan für den Ernstfall fehlt.

Schüler auf einem Bürgersteig

Erster Schultag nach dem Lockdown in Berlin Foto: Paul Zinken/dpa

Nie dauerten die großen Ferien länger, wohl noch nie wurde ein erster Schultag so heiß herbeigesehnt wie dieser. Montagmorgen an einer Berliner Grundschule: Zum letzten Mal war der Schulhof Anfang März so gut gefüllt. Eltern, Schüler:innen, Lehrer:innen versammeln sich an zugewiesenen Stellplätzen. „Endlich sieht man mal wieder Kinder hier“, sagt ein Vater.

Am Montagmorgen starteten die Schulen in Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein in den regulären Schulbetrieb. Hinter Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen liegen nicht nur sechs Wochen Sommer-, sondern auch über drei Monate „Coronaferien“. Insgesamt fünf Monate Betriebspause also.

Die Freude, dass es endlich wieder halbwegs normal losgeht, ist spürbar auf dem Berliner Schulhof. In der schwülwarmen Luft liegen aber auch Anspannung und Verunsicherung. Was gilt und wie lange werden wir uns hier wohl noch so treffen können? In Mecklenburg-Vorpommern, wo das Schuljahr eine Woche zuvor begann, sind in den ersten Tagen schon wieder zwei Schulen wegen Coronafällen geschlossen worden.

Viele Eltern und Kinder der Berliner Grundschule kommen also trotz Sommerhitze mit verhüllten Gesichtern. Eine Lehrerin, deren Schutzmaske locker um den Hals baumelt, ruft einer Mutter zu: „Maske gilt erst im Schulhaus, Frau Müller.“ Die reißt sich den Stofffetzen herunter: „Gott sei Dank, ich dachte schon, alle wären verrückt geworden.“

Die einen schwören auf die Masken, andere erklären sie zur Fassade. Es herrscht Konfusion

Förderalismus, der verunsichert

Die einen schwören auf die Masken, andere erklären sie zur bloßen Fassade. Es herrscht Konfusion. In dem Rahmenplan, den die Kultusminister:innen der 16 Bundesländer Mitte Juli für den Infektionsschutz an Schulen herausgaben, taucht das Wort „Maske“ gar nicht auf.

Jedes Land macht also seins, und das sieht überall anders aus: Mehrere Bundesländer darunter Berlin und Brandenburg, haben eine Maskenpflicht im Schulhaus angeordnet, andere, etwa Bayern und Nordrhein-Westfalen, gehen noch weiter und wollen älteren Schüler:innen auch im Unterricht das Tragen einer Maske vorschreiben. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien erklärt wiederum, eine solche Pflicht sei weder verhältnismäßig noch medizinisch geboten.

Auch die Lehrerorganisationen sind uneins: Der Lehrerverband hält die Maske im Unterricht für unabdingbar, die Lehrergewerkschaft GEW sie für pädagogisch unsinnig. Und die Eltern? Mit dem Thema lässt sich jeder Elternabend sprengen: Wenn’s ums Maskentragen geht, wird es schnell persönlich.

Es wäre also trotz Bildungsföderalismus, manche sagen auch Bildungswirrwarr, besser gewesen, wenn die Kultusminister:innen einheitliche Regelungen gefunden hätten. Weniger aus medizinischen Gründen, sondern um die Stimmung in den Schulen zu beruhigen.

Kein Plan für eine zweite Welle

Denn die ist angespannt. Die Kakophonie beim Thema Maske ist bezeichnend für die Zitterpartie, in die die Schulen gerade starten. Denn die Diskussion über eine Maskenpflicht kaschiert nur, dass die Schulsysteme nach wie vor nicht gut für eine zweite Coronawelle gerüstet sind. Es gibt keinen ausgefeilten Plan B für einen erneuten Lockdown.

Wohl wurden Tausende Leihlaptops verteilt und Schulclouds aufgerüstet. Doch weder sind alle Schulen nun mit Breitbandanschlüssen versehen noch alle Lehrer:innen versiert im digitalen Unterrichten. Die Sommerferien haben viele Pädagog:innen genutzt, um nach dem ganzen Coronastress endlich mal auszuspannen.

Das sei ihnen gegönnt. Doch das heißt auch: Sobald die Infektionszahlen ansteigen und die ersten Schulen schließen müssen, wird Unterricht wieder im Krisenmodus stattfinden. Es wird darum gehen, alternative Stundenpläne aufzustellen und die Kinder zu erreichen, die zu Hause kein Internet haben. Die Bildungsungleichheit wird steigen, die Wissenslücken werden wieder größer. Irgendwann wird man sich wieder die Frage stellen müssen, welches Pensum des Lehrplans überhaupt zu schaffen ist, welche Leistungen wie benotet werden können und wie Abschlussprüfungen fair gestaltet werden können.

Die Sommerferien hätten alle Verantwortlichen also noch besser nutzen müssen: Nicht nur, um Hygienepläne für den Regelbetrieb an den Schulen zu schreiben, sondern um Lehrpläne für den Notbetrieb zu entwickeln und Lehrer:innen verpflichtend zu schulen. Nun heißt es also: Nach den Sommerferien ist vor den Sommerferien.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben