Roman von Sarah Elena Müller: Eine Abrissliebe
Sarah Elena Müller schreibt sich in ihrem Roman „Unwucht“ tief in eine unglückliche Liebe hinein. Die Sprache, die sie dafür findet, ist die einer Künstlerin
Am Anfang steht ein Versicherungsbetrug. Als Alice mit ihrem alten verbeulten Fiat und einer selbst verursachten Macke eine Versicherungssumme von 3.000 Franken auslöst, kann sie ihr Glück kaum fassen. Hagelschäden sind offenbar schwer nachzuweisen, ein Auto ganz ohne Hagelschäden schwer zu finden und so ist eben fast jedes Auto: ein für Hagelschäden zu entschädigendes.
Die ist ein Text aus der Literataz, die in der wochentaz vom 2. Oktober zur Frankfurter Buchmesse erschienen ist. Die taz wird in Frankfurt wieder live vor Ort sein, mit Lesungen, Diskussionen und natürlich dem taz-Stand. Das ganze Programm finden Sie hier. Alle Rezensionen aus der Literatz erscheinen nach und nach auf online, gesammelt finden Sie sie hier.
In Alices Leben sind die Schäden schwerwiegender, sichtbarer, der Hagel heißt Rio und er hinterlässt tiefe Dellen. Nur Versicherungen, die gibt er vor Alice schon länger nicht mehr ab.
Rio ist methsüchtig. Tagelang bleibt er der gemeinsamen Wohnung fern, Alice sucht nach ihm und findet ihn selten. Ja, in diese Liebe regnet es schon länger und jegliche Versuche, die Löcher zu stopfen, die Decke abzudichten, sind genauso aussichtslos wie darauf zu hoffen, dass das Abrisshaus, in dem Alice und Rio wohnen, vielleicht doch nicht abgerissen wird.
Sarah Elena Müller: „Unwucht“. Limmat Verlag, Zürich 2026, 336 Seiten, 28 Euro
Trotzdem schafft es Alice aus dieser Abrissliebe nicht heraus. Sie hält aus, weil sie ihn liebt und sie liebt ihn, damit sie es aushält. Ein Teufelskreis: „Nie wieder wird mich jemand so gut amüsieren. Nie wieder, hoffe ich, werde ich so laut lachen, damit ich nicht verzweifeln muss.“
Flucht ins Wunderland
Alice und Rio, diese traurigen Helden in Sarah Elena Müllers zweitem Roman „Unwucht“, haben eine ganze Fabelwelt, in die sie sich flüchten. Kurzsichtige Mäuse leben dort, alleinerziehende Papageien. Auch Alice und Rio sind Teil dieser Welt, als Halbkatzen, denen alles nur halb gehört; die Kunst, die Arbeit in der Gastro, die Liebe. Gemeinsam entwickeln sie eine Art Privatsprache, weil sie wollen und weil sie müssen.
Die Bedeutung der Worte ergibt sich durch ihren Gebrauch, ihr Sprachspiel ist zugleich bitterer Ernst. So nennt Alice die Drogendealerin, zu der Rio verschwindet, wenn er behauptet, nur schnell Brot zu holen, eben so: Brot. „Sie Brot zu nennen, war meine Kapitulation“, sagt sie. „Ich habe eingewilligt, hochoffiziell belogen zu werden.“
Auch Sarah Elena Müller findet eine eigene Sprache, mit der sie diese Liebe ins Unreine schreibt. Ihre Bilder sind mitunter schneidend – „er ist zehn Jahre kälter“ –, ihre Komposita – „topfnüchtern“ – deuten auf eine Wahrheit hin, die eher im Klang eines Worts als in seiner Bedeutung zu suchen ist.
Es geht hier um Materialien, so stellt man irgendwann fest, um Stofflichkeit, Stoff, den Rio raucht, und Stoffe, die er an guten Tagen mit seiner Nähmaschine zusammennäht. Darum, wie sich die Welt im Dunkeln anfühlt: „Sie habe zwei Philosophen gleichzeitig gehabt in einem Chalet“, erzählt Alices Freundin Marcia an einer Stelle, „und es sei was rein Intellektuelles, es sei seidig und fein, aber auch lesbisch, obwohl es Männer seien.“
Am Rande bilden sich kleine Nischen
„Unwucht“ ist zugleich ein sehr lustiger Roman. Wie Müller gleich zu Anfang der Geschichte ein Warndreieck der Absurditäten aufstellt, das Hagelzentrum, den Versicherungsberater „Björn Direct“ und den Lebensmittelgroßhandel auf wenigen Seiten ineinander laufen lässt, macht großen Spaß, zu lesen. Überall bilden sich dabei entlang der Geschichte kleine Nischen, kleine Gemeinschaften. Sei es im Kloster, wo Alice irgendwann einen Film dreht, dabei den Nonnen lästig und einer zum Kannibalismus unter Legehennen promovierenden Agrarbiologin lieb wird, oder am Telefon, wenn sie die an eine Toilettenwand geschriebene Nummer anruft, unter der ein „Arschfick“ angeboten wird – die Barrieren zwischen den Menschen sind nur einen Fußbreit hoch. Bezug und Beziehungen können überall entstehen, in Müllers Roman, entstehen auch überall. Irgendwo ist es der Zufall, der darüber bestimmt, wen man kennt und wen man liebt, und vielleicht sieht das nur ein, wer nichts mehr zu verlieren hat. Alice zum Beispiel.
Dabei sind alle Figuren, Alice und Rio eingeschlossen, selbstverständlich so queer wie links. Da ist die Zeckengemeinschaft, die bei der illegalen Entsorgung des alten Fiats hilft, da ist die Sammlung an Liebesliedern, die Alice über die Jahre für die von ihr umschwärmten Frauen komponiert hat.
Die alten Ordnungen haben sich aufgelöst, oder doch, es gibt sie noch, sie verlaufen nur jenseits der Grenzen, die das Wunderland von Alice und den anderen umzäunen. Brechen sie über sie herein, so brauchen sie Gewalt: Wer Sozialleistungen erhält, entscheidet immer noch das Amt, wer nicht obdachlos wird, der Vermieter, wer ins Gefängnis einfährt, das Gericht.
Missbrauch in der Kindheit
Dass es sich vor dieser Außenwelt abzugrenzen gilt, macht Müller auch deutlich. Wie sie auf ein paar Seiten die Sucht, den Schmerz, die ganze generelle Unmöglichkeit zum Klingen bringt, indem sie den erfahrenen Missbrauch in beiden Kindheiten anzitiert und mit einem verzweifelten Sexualakt zwischen den eigentlich nunmehr Erwachsenen spiegelt, ist große Kunst.
Begrenzt wird die Geschichte von Alice und Rio dabei von einer noch größeren ordnenden Instanz. Es ist Alice selbst, die Rio schlussendlich doch verlassen konnte und nun im Nachhinein in einer zweiten Zeitebene dieser Geschichte Herr werden will, indem sie über sie schreibt. Ein Stück ihrer Würde zurückgewinnend, wenn man so will, und Rio will eigentlich nicht. Denn dass er wiederum seine verliert, indem Alice erzählerisch bewusst zuspitzt und eskaliert, dazudichtet und weglässt, ist ebenso Teil der Gleichung. „Was für eine Selbstübertölpelung es doch ist, dieses Erzählen“, weiß Alice. Wann die Versicherung zahlt und wann sie einem kündigt, das ist manchmal aus den Vertragsbedingungen nicht ganz klar herauszulesen.
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