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Ritter Lean im Knast„Ich geh in Knast!“ – Scherz!

Lilly Schröder

Kommentar von

Lilly Schröder

Rapper Ritter Lean kündigte großspurig an, wegen Fahrens ohne Ticket freiwillig in Haft zu gehen. Einen Tag später zog er zurück: „Knast ist kein Joke.“

Ritter Lean: Bühne steht ihm besser als Knast Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

A lle kennen diesen Kindheitsmoment: als man als kleiner Stöpsel mit gepacktem Rucksack von zu Hause abgehauen ist und den Eltern gesagt hat: „Ich hau ab!“ Und wie man sich dann schon kurz vor der Haustür schmerzlich eingestehen musste: Uff, ganz schön kalt hier, und ein bisschen Hunger habe ich auch und … scheiß drauf, ich dreh um. Diesen Aha-Moment, den die meisten von uns mit fünf hatten, hatte der Berliner Rapper und Schauspieler Ritter Lean jetzt auch – mit 29.

Seine Mama habe angerufen und gesagt, dass sie sich krass Sorgen mache

Ende letzter Woche kündigte Ritter Lean, bürgerlich Adrian Julius Tillmann, in seinem „Knast-Statement“ auf Instagram an, er gehe ins Gefängnis – aus Protest: „Ja, stimmt, Leute, ich geh in Knast!“, sagt er in dem Video, die Arme verschränkt, selbstbewusster Blick. Doch der Ausflug Richtung JVA endete weniger revolutionär als angekündigt. Einen Tag später ruderte er kleinlaut zurück: Seine Mama habe angerufen und gesagt, dass sie sich „krass Sorgen“ mache,, und „als ich gestern vor der JVA stand, ist um ehrlich zu sein, auch nochmal echt gut Angst dazugekommen“. Seine Erkenntnis: „Knast ist kein Joke.“ Also zahlte er.

Ritter Lean war wiederholt ohne gültiges Ticket mit der S-Bahn gefahren und hatte das Bußgeld nicht gezahlt. Laut Paragraf 265a StGB ist das eine Straftat, die mit Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft wird. Wer sich nicht leisten kann, die Geldstrafe zu zahlen, muss die Ersatzfreiheitsstrafe antreten. Jährlich sind das 9.000 Menschen.

Ritter Lean will im Knast Digital Detox machen

Vor seinem Rückzieher erklärte Ritter Lean: Er wolle darauf aufmerksam machen, wie „dumm“ und „hängen geblieben“ das Gesetz sei. Die Aktion klang jedoch weniger nach Protest als nach durchkuratiertem PR-Experiment: „Ich sehe es als Selbstversuch, um mal zu checken, ob ich es 6 Tage schaffe, nicht am Handy zu sein und wieder ein Buch zu lesen“, sagte er. Außerdem wolle er aus dem Knast „live gehen“.

Das Leid anderer für die eigene Inszenierung zu missbrauchen, ist geschmacklos. Seine Vorstellung vom Knast realitätsfern. Der Schauspieler scheint etwas zu tief in Serien wie „4 Blocks“ und seine eigenen Soko-Rollen eingetaucht zu sein, um ernsthaft zu glauben, die JVA eigne sich für Digital Detox. Es ist zwar gut, auf die Absurdität des Gesetzes und auf die Kampagne Freiheitsfonds aufmerksam zu machen, die sich für eine Abschaffung des Straftatbestands einsetzt und Menschen freikauft. Aber dafür braucht es keinen Rapper mit überhöhtem Ego, der versucht, seine nicht vorhandene Street Credibility unter Beweis zu stellen – und den Aktivismus beendet, als ihm einfällt, dass ein Eintrag im Führungszeugnis von Adrian Julius Tillmann, Absolvent der Filmuniversität Babelsberg, seiner Karriere schaden könnte.

Ritter Lean wäre besser beraten,weiter mit seinem Freund Ski Aggu über ihre fetten Egos und vercrackten Seelen in der Hauptstadt zu rappen, als sich als bürgerlichen Knastrapper zu inszenieren. Und falls er noch einen Ort für den Digital Detox sucht: Probier’s mal im Park.

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Lilly Schröder
Redakteurin für Feminismus & Gesellschaft im Berlin-Ressort Schreibt über intersektionalen Feminismus, Popkultur und gesellschaftliche Themen in Berlin. Studium der Soziologie und Politik.
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1 Kommentar

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  • Ich kannte ihn bislang nicht - jetzt schon - und das war ja wohl der Sinn der Übung - Aufmerksamkeit!