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Repression in Iran„Die größte Tragödie ist unsere absolute Hilflosigkeit“

Das iranische Regime verbietet Medien, frei über den Krieg zu informieren. Doch viele Menschen berichten: von Stille, Not und massiver Repression.

Plötzlich obdachlos: Das Haus wurde während der amerikanisch-israelischen Luftangriffe am 9. 3. 2026 zerstört Foto: Vahid Salemi/ap/dpa

Die „verehrten Vertreter“ der ausländischen Medien in Iran erhielten am Samstag einen Brief vom Ministerium für islamische Führung. Der erste Satz gehört einem Verweis auf einer langen Richtlinie, dann folgten klare Verbotsanordnungen.

Bilder, seien sie aufgezeichnet oder live, bzw. detaillierte Informationen über angegriffene Orte dürften nicht verbreitet werden, auch Meldungen über das Abfangen iranischer Raketen durch den Feind sind ebenso verboten wie Nachrichten, die „Besorgnis auslösen oder die öffentliche Meinung beeinträchtigen könnten“. Es sei außerdem verboten, „Statistiken oder Informationen über Opferzahlen oder über feindliche Militärangriffe zu veröffentlichen, die nicht von „zuständiger Behörde“ stammen, so das Schreiben des Ministeriums.

Wie viele Empfänger dieser Brief hatte, wissen wir nicht, offizielle Zahlen der ausländischen Journalisten gibt es nicht. Doch er beschreibt genau, was wir nicht sehen, lesen und hören dürfen. Wenn der Korrespondent vor Ort praktisch zum Schweigen verurteilt ist, werden zwangsläufig Telegrammkanäle und Instagram Accounts bzw. sporadische Telefongespräche in oder aus dem Iran zu Fundgruben.

Puzzeln eines Gesamtbildes

Aus wenigen glaubwürdigen Meldungen, die auf verschiedenen Wegen und oft kurz und vorsichtig nach außen dringen, lässt sich ein Bild zusammensetzen. Doch am vergangenen Dienstag lieferte der Koordinierungsrat der Gewerkschaften ein ziemlich vollständiges Bild der Millionenstadt Teheran unter dem Titel: „Bericht aus der Hauptstadt: Es herrscht Kasernenstimmung“.

Diese stets wache Stadt sei in gespenstischer Stille versunken, die Straßen seien leer, die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. Hier drehe sich weder das Rad des Lebens noch das Rad der Wirtschaft; die einzige Sorge sei das Überleben bis zum nächsten Morgen, so die erste Passage des Berichts, dessen Authentizität von der BBC geprüft wurde.

„Es sind Tage, in denen ängstliche, traurige Menschen mehr als alles anderes nach einem Gefühl von Sicherheit und Schutz trachten.“ Doch diese unsichere Stadt sei seltsam gesichert. „Gepanzerte Fahrzeuge der Repression, Läufe der schweren Maschinengewehre auf den Plätzen und Kreuzungen, demonstrieren eine omnipotente Macht, es fragt sich nur, wem gegenüber.“

Die bewaffneten, maskierten Männer verbreiteten Schatten der Angst auf den wenigen müden und besorgten Passanten. „Es ist, als müssten wir uns eher vor den Straßen unserer eigenen Stadt fürchten als vor einem Himmel, in dem die Kampfjets der Feinde ziemlich frei herumfliegen. In dieser angespannten Atomsphäre ist Überleben alles.“

Über die Alltagsversorgung liest man in dem Bericht: „Innerhalb von nur zehn Tagen haben sich die Preise für die einfachsten Lebensmittel wie Eier und Kartoffeln verdoppelt, mancherorts verdreifacht. Zu dieser täglichen Belastung kommen noch die langen Schlangen an Tankstellen und Bäckereien hinzu.“

Jeder Demonstrant gilt als „Feindessoldat“

Die Repressionskräfte wähnten sich auf den Straßen offenbar sicherer als in ihren Stützpunkten, die Truppen seien von Kasernen in die Straße verlegt, sie marschieren Tag und Nacht im öffentlichen Raum, als seien sie in ihren Garnisonen.“ Und in den Abendstundenden bis weit in die Nacht hallen ihre drohenden Schreie und Parolen so demonstrativ durch unsere Gassen und Wohnviertel, als wollten sie uns daran erinnern, sie seien da, allen aus dem Himmel fallenden Bomben zum Trotz.“ Mit diesem Satz beendet der Koordinationsrat sein Bericht.

Am nächsten Tag geht eine Reporterin der Webseite Schargh durch die Stadt und beschreibt ihre Beobachtungen. Der große Basar, das Handelszentrum unserer Stadt, sei seit Tagen teilweise geschlossen, manche Bereiche sogar komplett. Einige Händler hätten aus Angst vor Anschlägen, wegen Energiemangel oder fehlender Kunden einfach alles eingestellt. Und am Ende schreibt sie:

„Die größte Tragödie ist unsere absolute Hilflosigkeit; kein Alarm ertönt, der uns Zuflucht ermöglicht, kein Schutzraum ist für eine Mutter da, um ihr Kind darin zu verstecken. Die Bürger Teherans, verlassen und schutzlos, sitzen allein da und erwarten ihr Schicksal.“

Demonstrierende sind „Feindessoldaten“

Als ob alle diese Ängste nicht ausreichten, trat am vergangenen Abend Mohammad Reza Radan, der oberste Kommandant der Polizeikräfte des Landes, im Fernsehen auf und sprach sehr deutlich: „Unsere Jungs sind bereit, das Feuer auf jeden zu eröffnen, der für Protest auf die Straße kommt, wenn jemand auf Geheiß des Feindes auf die Straße geht, werden wir ihn nicht als Demonstranten betrachten, sondern als das, was er ist: Feindessoldat. Er ist ein Feind und wir behandeln ihn auch als Feind. Alle unsere Kinder sind schussbereit.“

Zugleich gab er bekannt, man habe 81 Personen wegen der „Veröffentlichung von verstörenden Inhalten im Internet verhaftet, ein Strafverfahren gegen sie ist eingeleitet.“ Einen Ort der Festnahmen nannte er nicht, dafür den Grund ihrer Inhaftierung: Sie hätten Inhalte an ausländische Medien gesendet.

Diese Drohungen, behaupten manche, seien keine Machtdemonstration, sondern Zeichen eines letzten Überlebenskampfes. Am Mittwochabend berichtete die Nachrichtenagentur Fars, die den Revolutionsgarden gehört, zehn Basidschs seien an einem Kontrollpunkt bei einem Drohnenangriff getötet worden.

Der Druck ist beispiellos. Die unerbittlichen Militärschläge der USA und Israels zielen nicht nur aufs militärische Rückgrat des Regimes; auch wirtschaftliche Einrichtungen werden angegriffen. Sie seien berechtigte Ziele, sagte Israels Ministerpräsident Netanjahu. Stunden zuvor war das Datenzentrum einer großen Bank im Norden Teherans bombardiert worden, die den Garden gehört. Iran befindet sich längst in einer schweren Liquiditätskrise. Schon seit Anfang des Jahres hatten die Banken nicht genug Banknoten, Kunden dürften täglich nur umgerechnet circa 18 Dollar abheben.

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