Renaissance der Rezension: Verstehen wollen, verstanden werden

Warum wird über Literaturrezensionen immer nur dann geredet, wenn sie mal wieder irgendwo abgeschafft werden? Sie sind zeitgemäßer denn je.

Ein Stapel Bücher in einer Zimmerecke

Ein Bücherstapel: so viele mögliche Subtexte! Foto: Jörg Greuel/getty

Die Rezension ist, entgegen manchem Vorurteil, eine sehr freie journalistische Form, die sich in Richtung Buchtipp bescheiden, in Richtung Essay erweitern und alle möglichen Zwischenstufen annehmen kann.

Man kann in einer Rezension „ich“ sagen, man kann es sein lassen, das Ichsagen kann peinlich werden oder auch nicht. Man kann sein Expertenwissen heraushängen lassen oder einfließen lassen. Man kann hart urteilen oder Unsicherheiten formulieren.

Es gibt für eine Rezension wenig Regeln. Titel und Au­to­r*in des besprochenen Werkes sollten vorkommen, ein (wenigstens implizites) Urteil auch, am besten mit Begründung, die Rezension sollte gut lesbar sein. Doch das ist es schon. Es kommt nur darauf an, ob es im Einzelfall, im Kontext der Rezension und im Verhältnis zu dem besprochenen Werk funktioniert.

Die Rezension ist außerdem ein herausforderndes Genre. Das liegt daran, dass man sie mit offenem Visier schreibt, sie ist (wenigstens vom Anspruch her, den man in der Praxis oft unterspringt) immer auch mit einem Bekenntnis verbunden, es geht darum, verbindlich zu beschreiben, was man wirklich – wirklich! – von dem rezensierten Buch hält. Irrtümer, Fehleinschätzungen, intellektuelle Unredlichkeiten oder Fehler fallen unmittelbar auf den Rezensenten zurück. Und der Literaturbetrieb hat für solche Fälle ein langes Gedächtnis.

Gleichzeitig kann man nirgendwo so gut wie in einer Rezension die Marketingmaschinerie des Buchmarkts durchbrechen. Man kann mit ihr demonstrieren, wie ernst man den Gegenstand nimmt

Die Tonlage ist entscheidend

Herausfordernd sind Rezen­sio­nen auch formal. Denn es geht in ihnen nicht nur um Inhaltsangabe und Bewertung. Es geht auch um den Aufbau, den Zeitpunkt der Veröffentlichung, das Verhältnis des*­der Re­zen­sen­t*in zum*­zur Autor*in, die Mischung von Referat des Gegenstandes und freien Gedanken, den argumentativen Hintergrund und die Tonlage, vor allem auch um die Tonlage. Das alles kann bedeutungstragend sein, und das gilt es, immer wieder anders auf den jeweiligen Gegenstand bezogen, immer wieder neu zu bedenken.

Beim Aufbau ist es zum Beispiel gleich entscheidend, ob die Rezension direkt ins Buch einsteigt oder erst mal ein paar thematische Absätze vorschaltet. Werden thematische Ausführungen vorgeschaltet, kann das bedeuten, dass das besprochene Werk etwas Allgemeines trifft, eine aktuelle Debatte, einen Zeitgeist. Es kann aber auch heißen, dass das Buch thematisch ja interessant sein mag, es aber literarisch doch nur so weit trägt, das Thema zu illus­trieren. Gerade ein thematisches Lob kann für einen Roman, der doch künstlerisch überzeugen soll, geradezu vernichtend sein.

Und dann die Tonlage. Wird ein Lobgesang angestimmt? Wird er auch durchgehalten, oder verkommt er zur Masche? Ist hinter einem ernsten, sachlichen Ton das Angefasstsein durch direkte Betroffenheit spürbar? Wird das Buch routiniert wegbesprochen? Oder bahnt sich ein neuer, vielleicht coolerer, vielleicht aber auch wieder spielerischer Blick auf Romane an? So viele mögliche Subtexte.

Kampf um Sichtbarkeit

Insofern gäbe es über Rezensionen viel zu bereden, gerade in der gegenwärtigen Si­tua­tion, in der der deutschsprachige Literaturbetrieb offener und diverser wird – nicht nur in seinen Autor*innen, sondern auch in seinen Literaturbegriffen.

Wie reagiert man auf die vielen Herkunftsbeschreibungen und Autofiktionen mit literarischen Kriterien? Wie aktiv soll man sich daran beteiligen, den Kanon zu erweitern? Soll man sich hineinwerfen in den Kampf vieler junger Au­to­r*in­nen um Sichtbarkeit oder sich gerade schiedsrichterartig herausziehen? Das alles sind Fragen.

Es ist jedenfalls dem Schillern dieses Genres gegenüber nicht angemessen, aber für den Kulturbetrieb vielleicht auch bezeichnend, dass über Rezensionen im Allgemeinen nur dann gesprochen wird, wenn sie mal wieder irgendwo abgeschafft werden sollen wie jetzt in den Radioprogrammen des WDR. Und es ist geradezu ärgerlich, wenn dann dieses Sprechen zudem in ein altbackenes gedankliches Schema gepresst wird.

Worum es nicht geht

Als ob es wirklich darum ginge, mit Rezensionen eine elitäre Form von Bildungsbürgerlichkeit zu verteidigen. Oder als ob, wenn wie beim WDR die ­Rezension von anderen journalistischen Formen ersetzt werden soll, wirklich die endgültige Verflachung drohte. Gegen ein Mix an journalistischen Formen ist ja gar nichts zu sagen. Porträts, Gespräche und Interviews haben ihre spezifischen Stärken. Doch die haben Rezensionen eben auch. Und auch sie sollten fürs Publikum, wie heißt das so schön, „snackable“ sein.

Wie kommt es eigentlich, dass Rezensionen einen so schlechten Ruf haben, dass sie bei Blatt- oder Senderreformen immer als Erstes auf der Abschussliste stehen? Zu vermuten ist, dass alte Bilder weiterwirken und Rezensionen immer noch entweder mit staubtrockenen Text­exegesen oder aber autoritär vorgetragenen Geschmacksurteilen assoziiert werden. Diese Bilder – zwischen dem eigenen Deutschlehrer und Reich-Ranicki – sind tief verankert und stark, auch wenn sie die Gegenwart nicht mehr treffen.

Man muss es einmal so platt sagen: Rezensionen funktionieren im aktuellen Literaturbetrieb nicht mehr über einen Verkündigungsgestus und auch nicht mehr als Gutachten da­rüber, welche Au­to­r*in­nen in den Literaturbetrieb eingelassen werden sollen und welche nicht.

Sehnsucht nach Über-Ich-Figuren

Manche bedauern das. Die Sehnsucht nach Über-Ich-Figuren flackert immer wieder auf. Aber sie sind nicht mehr da – und das ist gut so. Wenn man sich einmal klarmacht, wie wenig Geld mit Rezensionen in unserer Medienlandschaft zu verdienen ist, muss man geradezu darüber staunen, wie kompetent und gegenstandsorientiert die deutsche Rezensionskultur, wo man sie gedeihen lässt, oft noch ist.

Für die Abwertung des Rezensionsgenres ausschlaggebend sind vielleicht auch schlicht organisationslogische Gründe. Wer in den Magazinredaktionen und öffentlich-rechtlichen Sendern als dynamischer Erneuerer auftreten will, für den zahlt es sich aufmerksamkeitsökonomisch eher aus, neue Formate zu etablieren, als – warum kommt eigentlich niemand auf so eine Idee, wenn man offenbar ­unzufrieden ist? – die bestehenden Formate, etwa die gesen­deten Rezensionen, zu verbessern.

Wobei gesendete Rezensio­nen auch die offenbar beim WDR angestrebten Radiogespräche mit Kritikern entlasten könnten. Die Gespräche brauchen, im Mix mit Rezensionen gesendet, keine verkappten und nur mit unterschiedlichen Rollen aufgesagten Besprechungen zu sein. Sie könnten wirkliche Gespräche sein. Das wäre doch besser.

Verächter der Rezension

Aber man sollte sich gar nicht in die defensive Lage manövrieren lassen, Rezensionen zu verteidigen, sondern lieber auch einmal fragen, was für einen Kulturbegriff die Verächter der Rezension haben. Es gibt da offenbar die Vorstellung, dass die Kultur eine bestehende Ressource ist, die sich häppchenweise verpacken, vorstellen, „vermitteln“ lässt. Doch das ist allzu sauber gedacht. Die Seite der Rezeption ist nämlich Teil des Kulturbetriebs, es gibt vielfältige Pingpongbeziehungen. Die Art und Weise, wie man Kultur wahrnimmt, hat Auswirkungen auf die Produktion von Kultur.

Die Rezension ist die Form, die auf diese Situation am besten reagieren kann, weil sie, zumindest von der Idee her, mit der Möglichkeit von Nichtverstehen rechnet und weil in sie Reflexionsschlaufen eingebaut sind. Wie immer man es fasst, ob in der klassischen Wendung „Begreifen, was einen ergreift“ oder in einer zeitgemäßeren Formulierung wie „Verstehen, was man gut findet (und was nicht)“, eine Rezension ist immer auch ein Nachdenken über die eigenen Urteile und Setzungen – und selbst wenn sie das nicht ist, weil sie nur harsch ihre Wertungen herausschreit, ist sie es doch. Weil die Setzungen formuliert und damit hinterfragbar werden.

Der Wille, zu verstehen, hermeneutische Arbeit und sich selbst (und damit die gegenwärtige Zeit, die Lebenswelt, alle anderen Bücher, die man gelesen hat) in Beziehung dazu setzen, das ist das, was eine Rezension vom Buchtipp unterscheidet. Und zugleich ist Verstandenwerden, das Gegenstück also, die harte Währung, um die es im Literaturbetrieb vielen Ak­teu­r*in­nen geht. Verstandenwerden kann beglückend sein. Anerkennung, Sichtbarkeit, das hängt da alles dran. Es kann auch ernüchternd sein, wenn einem Grenzen aufgezeigt werden.

Glutkern des Rezensierens

In dieser gedoppelten Figur von Verstehenwollen und Verstandenwerden liegt der Glutkern des Rezensierens, und ich glaube, dass der WDR und die anderen Rezensionsverächter sich darin irren, dass es kein Publikum mehr dafür gibt. Im Gegenteil. Beweisen kann ich es zwar nicht, aber ich nehme in dem sich wandelnden Literaturbetrieb sogar eher eine Renaissance des Bedürfnisses nach offenen, keinen Machtgesten folgenden Rezensionen wahr.

Das Vorhaben des WDR ist unzeitgemäß.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben