Reformbestrebungen in der Kirche: Auch Katholiken haben eine APO

Auf der Synodalversammlung kämpften feministische Katholikinnen, Transmenschen und Missbrauchsopfer um Inklusion und Entschädigung.

Mann wedelt mit Weihrauch vor Publikum

Kardinal Reinhard Marx im Frankfurter Dom Foto: Andreas Arnold/dpa

FRANKFURT/MAIN taz | „Seit zehn Jahren ein Verschleppen, Hinhalten, Vertrösten. Es reicht jetzt!“ Matthias Katsch – eigentlich ein nüchtern wirkender Anzugträger mit Brille – kann seinen Ärger nicht verbergen. „Wenn die Kirche uns nicht entschädigen will, werden sich politische Parteien auf unsere Seite und gegen die Kirche stellen“, droht der Aktivist.

Zusammen mit Vertreter*innen der Frauenbewegung „Maria 2.0“, der „AG Homosexuelle und Kirche“ und der „Kirchenvolksbewegung“ tritt Katsch an diesem Nachmittag im Frauenbegegnungszentrum in der Frankfurter Altstadt auf. Diese Gruppen bilden eine Art außerparlamentarische Opposition zur frisch eingesetzten „Synodalversammlung“. Die Versammlung ist ein Gremium, das den deutschen Katholizismus demokratisieren soll und das am Donnerstag in Frankfurt erstmals zusammentrat.

Matthias Katsch trägt das weiße Andreaskreuz der Initiative „Kein Raum für Missbrauch“ am Revers. Als Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin wurde der 57-Jährige selbst Opfer sexualisierter Gewalt, heute kämpft er im Verein „Eckiger Tisch“ um finanzielle Entschädigungen. „Die Synodalen dürfen nicht anfangen, Innerkirchliches zu diskutieren, während die Opfer außen vor bleiben“, mahnt Katsch. Vor genau zehn Jahren wurde der strukturelle Missbrauch an dem Jesuitengymnasium öffentlich – Hunderte weitere Enthüllungen, auch bischöflicher Vertuschung, folgten seitdem bundesweit.

Hierarchie begünstigt Missbrauch

Die Oberhirten unter ihrem Vorsitzenden Reinhard Kardinal Marx sahen sich schließlich genötigt, gemeinsam mit der Laienvertretung, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, den „Synodalen Weg“ einzuschlagen, mehr Demokratie zu wagen. Denn, so legt eine von der Bischofskonferenz (DBK) beauftragte wissenschaftliche Untersuchung, die sogenannte MHG-Studie, von 2018 nahe: Sexualisierte Gewalt wird vom exklusiven und hierarchischen System dieser Kirche begünstigt, von männerbündischen Macht- und Schweigekartellen.

„Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, „Priesterliche Existenz heute“, „Liebe in Sexualität und Partnerschaft“ heißen nun die Synodalforen des neuen 230-köpfigen Gremiums, das in einem zweijährigen Prozess dauerhafte Strukturveränderungen herbeiführen und die Glaubwürdigkeit der Kirche verbessern soll. Neben Klerikern und anderen kirchlichen Mitarbeiter*innen setzt es sich auch aus prominenten Katholik*innen wie der Dichterin Nora Gomringer, Wissenschaftler*innen, Ordensleuten und 15 Vertreter*innen der Katholik*innen unter 30 Jahren zusammen. Anfang September sollen in einer zweiten Versammlung Ergebnisse präsentiert werden.

Ein richtiges Parlament ist die Synodalversammlung freilich nicht, denn sie besteht aus benannten und nicht vom Kirchenvolk – 23 Millionen Katholik*innen leben in Deutschland – gewählten Delegierten. Und: die DBK behielt sich in der Satzung vor, dass kein Beschluss ohne eine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe gefasst werden kann. Das vierte Forum, „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“, wurde erst nach Protesten hinzugefügt.

„Frauenweihe jetzt!“ steht auf einem der Plakate bei der vorabendlichen Kundgebung vor dem Eingang des Frankfurter Kaiserdoms, in dem in wenigen Minuten der Eröffnungsgottesdienst zur Synodalversammlung stattfinden soll. Auf einem anderen: „Um Füße zu waschen und Brot zu brechen, braucht man Hände, nicht Geschlechtsteile. Schluss mit dem Peniswahn“.

Maria 2.0 für Gleichberechtigung

Etwa 200 feministische Katholik*innen unter anderem von Maria 2.0 bilden hier für Geschlechtergerechtigkeit betend und singend eine Gasse, die alle Delegierten passieren müssen. Aus Kassel, aus Paderborn und anderen Gegenden sind Gruppen angereist. Ins Gremium selbst möchte Maria 2.0 nicht integriert werden. „Wir wollen nicht zu einem großen Pudding der Harmonie eingedampft werden“, begründet die Frankfurter Rechtsanwältin Monika Humpert diese Entscheidung.

Jedoch, schon im Gottesdienst fallen klare Worte. „Ich unterstütze mit meiner Arbeit ein System, das so viele Menschen zu Opfern hat werden lassen“, sagt eine Gemeindereferentin. Sie wolle aber in einer befreiten Kirche Freiheit verkündigen. Auch die Ordensschwester Philippa Rath bekennt im Dom: „Ich schäme mich zuweilen für meine Kirche.“ Seit 1.500 Jahren würden Frauen in Ordensgemeinschaften ihre Leitungskompetenz beweisen, es sei Zeit, dies in der ganzen Kirche zu ermöglichen, so Rath. Stefan Heße, der Bischof von Hamburg, fordert in Frankfurt sogar die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.

Kritik von rechts

Doch längst nicht alle Syno­dal*innen sind so selbstkritisch und reformbereit, auch von rechts wird die Legitimität der Synodalversammlung infrage gestellt. Die Schlussfolgerungen der MHG-Studie seien nicht wissenschaftlich gedeckt, so etwa der Bischof Rudolf Voderholzer am Freitagmorgen. Erst nach Vergleichsstudien könne man Entscheidungen treffen. Erzbischof Rainer Maria Woelki wiederum betont, dass Maßnahmen zur Missbrauchsprävention schon umgesetzt seien. Kirchenparlamentarismus, Demokratisierung, Diversität – für diese Delegierten ein protestantischer Irrweg.

Für Janosch Roggel ist die Synodalversammlung noch längst nicht demokratisch und inklusiv genug: „Aber wenn wir schon mal hier sind, wollen wir auch was draus machen.“ Der Lehramtsstudent ist einer der Delegierten unter 30. „Eigentlich bin ich schon zu alt, um ein Jugendvertreter zu sein. Selbst zwischen mir und den Jugendlichen in meiner Heimatgemeinde in Arnsberg ist der Abstand schon zu groß.“

Die kirchliche Sprache mache die Verhandlungen wenig zugänglich, so Roggel. „Außerdem sind wir nicht angestellt bei der Kirche. Wir werden im Gegensatz zu anderen Delegierten nicht für unsere Gremienarbeit bezahlt und freigestellt“, erklärt der 24-Jährige in einer Kaffeepause. Dennoch habe die U-30-Gruppe stundenlang telefoniert, um über Änderungsanträge Einfluss auf die Geschäftsordnung der Synodalversammlung zu nehmen.

Standing Ovations

Am Samstagmittag, gegen Ende der Verhandlungen, nimmt Janosch Roggel jedoch mit einem persönlichen Statement mehr Einfluss auf den Synodalen Weg, als er es mit einem Änderungsantrag je könnte. Nachdem die Medizinethikerin Christiane Woopen zum Punkt Sexualmoral deutlich macht, dass auch die Kirche nicht länger von einer Geschlechterbinarität ausgehen dürfe, tritt Roggel ans Mikrofon und muss als trans* Person und als Opfer sexualisierter Gewalt durch einen Priester formulieren: „Meine ganze Existenz wird von der Kirche infrage gestellt.“

Die Standing Ovations, die er für diesen mutigen Schritt von der Synodalversammlung erhält, können Hoffnung machen, dass sich das in Zukunft ändern wird.

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