Reform der Staatlichen Museen in Berlin: Weiter in der Schwebe

Der Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwart in Berlin, steckt in einem schwierigen Strukturwandel. Auch abseits von Corona.

Fassade eines alten Bahnhofs-Gebäudes, in dem das Museum für Gegenwartskunst in Berlin untergebracht ist.

Der Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwartskunst in Berlin Foto: David von Becker/smb

Seit Mitte Dezember hat der Hamburger Bahnhof, das Berliner Gegenwartsmuseum, coronabedingt seine Türen geschlossen. Im Inneren warten drei Sonderausstellungen auf ihr Publikum. In der Haupthalle hat die Video-Installationskünstlerin Pauline Curnier Jardin, die Gewinnerin des „Preises der Nationalgalerie“ 2019, einen raumgreifenden Aufbau realisiert, der entweder einer übergroßen Geburtstagstorte oder einem Mini-Kolosseum ähnelt.

Schon seit Dezember verharrt die Ausstellung der in Paris lebenden chinesischen Malerin Xinyi Cheng in Wartestellung. Auch die Schau „Self Portrait as Clone of Jeanne D’Arc“ mit Arbeiten der in Berlin lebenden US-Amerikanerin Bunny Rodgers haben aufgrund des zweiten Lockdowns bislang nur wenige Be­su­che­r*in­nen gesehen.


Doch der gefährliche Schwebezustand, in dem sich das Berliner Museum derzeit befindet, geht über coronabedingte Restriktionen weit hinaus. In diesem Herbst steht der endgültige Leihgaben-Abzug der Friedrich Christian Flick Collection bevor. Sie wurde in den vergangenen siebzehn Jahren vorwiegend in den weitläufigen Rieckhallen gezeigt. Diesen droht nun – falls kein Wunder geschieht – der Abriss, weil der private Investor, dem das gesamte Areal inklusive Hauptgebäude gehört, es eben so will.

Nicht nur der Verlust von beträchtlichen Ausstellungs- und Depotflächen wäre die Folge. Auch die begehbare Bruce-Nauman-Skulptur „Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care“ würde zerstört.

 Seit vielen Monaten wird nun hinter den Kulissen um einen Erhalt dieser Hallen verhandelt, ebenso soll das einst von Josef Paul Kleihues zum Museum umgebaute Hauptgebäude möglichst in öffentliches Eigentum überführt werden, um es langfristig als Kunstinstitution zu sichern.

Dringlichkeit unterschätzt

Auf taz-Anfrage zum aktuellen Verhandlungsstand erklärt ein Sprecher der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erneut, dass die Verhandlungen zwischen der Bundesagentur für Immobilienaufgaben (BIMA) und der Eigentümerin des Hamburger Bahnhofs, der österreichische Immobiliengesellschaft CA Immo „auf einem guten Weg“ seien: „Wir erwarten eine Entscheidung bis zum Herbst.“ Zur Zukunft der Rieckhallen liefen „ebenfalls Gespräche, deren Ergebnis offen ist“. Das klingt seltsam entspannt.

Unterschätzt der Bund womöglich die Dringlichkeit der Lage? Ein Scheitern der Verhandlungen wäre nicht nur ein kulturpolitisches Desaster, sondern brächte ein fast unlösbares Logistikproblem für die Museumsleute mit sich. Für Hunderte Kunstwerke müssten de facto über Nacht neue Depots geschaffen werden.

Misslingt die Sicherung der Rieckhallen, würde das eine „Halbierung“ des Museums bedeuten, warnt Gabriele Knapstein, die kommissarische Direktorin des Hamburger Bahnhofs. Ohnehin besteht beim Hauptgebäude Sanierungsbedarf. Ohne die Rieckhallen, mit dem historischen Ausstellungsgebäude als Baustelle droht das beim Publikum sehr beliebte Gegenwartsmuseum von der Berliner Kunstlandkarte auf Jahre zu verschwinden. 


Was die Lage noch zusätzlich kompliziert macht, ist der Reformprozess, in dem sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), die Trägerin des Hamburger Bahnhofs als Teil der Nationalgalerie, aktuell befindet. Angestoßen wurde er einst von Grütters, hat aber mittlerweile seine eigene Dynamik entwickelt. Der bisher konkreteste Reformvorschlag kam im Februar aus den Museen selbst, die für eine Entflechtung von Hierarchien und Stärkung der einzelnen Einrichtungen kämpfen, welche im Unterverbund der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) organisiert sind.

Diese Initiative griff die Kulturstaatsministerin auf, als sie sich Mitte März in einer Pressemitteilung „deutlich mehr Autonomie, insbesondere in Personal- und Budgetfragen“ für die einzelnen Häuser der Nationalgalerie wünschte. Jetzt gelte es, „konkrete Modelle dafür zu entwickeln“, teilte Grütters mit. Der Vorschlag der Mu­se­ums­di­rek­to­r*in­nen wird nun, so war es neulich in der Süddeutschen Zeitung zu lesen, von der auf öffentliche Verwaltungen und Infrastrukturprojekte spezialisierten staatlichen Beratungsfirma PD („Partnerschaft Deutschland“) geprüft. 



Kleine Schritte

Seit dem Abgang von Udo Kittelmann als Direktor der Nationalgalerie Ende Oktober – er hatte eine Art Intendanzfunktion für die Alte und Neue Nationalgalerie sowie den Hamburger Bahnhof inne –, blieb die Stelle unbesetzt. Stattdessen fungieren die bisherigen drei Ab­tei­lungs­lei­te­r*in­nen nun als kommissarische Direktor*innen. Trotz größerer Verantwortlichkeiten können sich Ralph Gleis (Alte Nationalgalerie), Joachim Jäger (Neue Nationalgalerie) und Gabriele Knapstein aber nicht so richtig autonom fühlen. Denn die Di­rek­to­r*in­nen­stel­len werden wohl demnächst ausgeschrieben.

Nach Mitteilung der SPK ist es „noch nicht endgültig absehbar, wann die organisatorischen Voraussetzungen für die Neubestellungen der Direktorinnen und Direktoren geschaffen sind“. Man rechne mit einer Klärung „bis spätestens Ende des zweiten Quartals“. Grütters’ Amt hingegen erklärt, der Start der Ausschreibungen sei – Stand Anfang April – „für dieses Frühjahr geplant“.

Es sind dies kleine Reformschritte in einem ungleich größeren Prozess, bei dessen Auftakt im Sommer letzten Jahres in der öffentlichen Diskussion schnell von einer „Zerschlagung“ der Preußenstiftung die Rede war. Die Staatlichen Museen und besonders die Häuser der Nationalgalerie standen dabei von Anfang an im Zentrum. An ihnen wurden auch schon in der Vergangenheit die Defizite am deutlichsten sichtbar, die das im Juni 2020 veröffentlichte Gutachten des Wissenschaftsrats (WR) benannte.

Das Gutachten dient als Gesprächsgrundlage und Orientierungshilfe in dieser Diskussion. Chronische personelle und finanzielle Mangelwirtschaft schlägt auf die Qualität der Ausstellungs- und Vermittlungsprogramme der Museen sichtbar durch, während die ebenfalls kritisierten überdimensionierten Verwaltungs- und Leitungs-Strukturen („Governance“) der Stiftung unsichtbar im Hintergrund bremsen. Diese „Dysfunktionalität“ hatte Kittelmann seinerzeit als einen Hauptgrund für seinen freiwilligen Abgang angeführt.

Bei einem Pressetermin Ende März war das kommissarische Di­rek­to­r*in­nen­trio Gleis, Jäger und Knapstein trotz der aktuell verschärften Bedingungen bei der Vorstellung des Jahresprogramms der Nationalgalerien um Optimismus bemüht. Immerhin: die Wiedereröffnung nach langjähriger Sanierung von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie im August bietet Anlass zur Vorfreude. Gedämpft wird die Feierlaune jedoch durch den enormen Reformdruck, der auf der SPK und ihren Einrichtungen lastet.

Denn die Zeit drängt – nicht nur, was die Sicherstellung des laufenden Betriebs der Museen, die Rettung der Rieckhallen und des Hamburger Bahnhofs betrifft. Die erfolgreiche Reform der SPK insgesamt steht in diesem Sommer auf dem Spiel. Am 26. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Wie sich dann die kulturpolitischen Gewichte verteilen, ist völlig offen. Niemand kann wissen, mit welcher Vehemenz die notwendigen Reformen der von Bund und Ländern gemeinschaftlich getragenen Preußenstiftung dann zukünftig vorangetrieben werden.

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