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Rechtsextremismus in NiedersachsenNeonazis wollen nicht, dass man über sie spricht

In Springe tauchten bei einem Vortrag über Rechtsextremismus am Mittwoch Neonazis auf. Schon vorher hatten sie versucht, die Veranstaltung zu verhindern.

Wollten die Veranstaltung stören, aber wurden nicht reingelassen: Mutmaßliche Rechtsextreme in Springe Foto: David Speier

Aus Springe

David Speier

Am Mittwochabend haben mehrere Neonazis versucht, sich Zugang zu einem Vortrag der Journalistin Andrea Röpke in Springe (Region Hannover) zu verschaffen. Mit dabei waren mehrere Personen, gegen die die Zentralstelle Terrorismusbekämpfung wegen der Bildung einer rechtsradikalen, bewaffneten Gruppe ermittelt.

Der Vortrag in der örtlichen Grundschule fand an diesem Abend unter dem Titel „Was kann die Zivilgesellschaft gegen Rechtsextremismus tun?“ statt. Die Fachjournalistin Andrea Röpke berichtete über die rechtsextreme Szene in der Region und ein Mitarbeiter der Mobilen Beratung Rechtsextremismus sprach über die Herausforderungen des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rechtsextremismus. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Sozialverband, der Gewerkschaft Verdi, den Grünen und den Linken.

Am 16. September 2025 hatten das Landeskriminalamt Niedersachsen und die Generalstaatsanwaltschaft Celle Objekte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg durchsucht. Den insgesamt acht Beschuldigten wird vorgeworfen, eine rechtsradikale, bewaffnete Gruppe mit dem Namen „Nordbund“ gegründet zu haben. Der Schwerpunkt der Durchsuchungen lag damals im Ortsteil Altenhagen I der Stadt Springe.

Hier wohnt unter anderem Johannes K., der als einer der Strippenzieher der im Jahr 2000 verbotenen Neonazi-Vereinigung „Blood & Honour“ gilt. International vertreibt die Organisation bis heute Rechtsrockmusik, Merchandise-Artikel und veranstaltet Neonazi-Konzerte. 2008 wurde K. wegen der Fortführung von „Blood & Honour“ zu einer Geldstrafe verurteilt.

„Nordbund“-Beschuldigte wollten Vortrag verhindern

Bei der Durchsuchung im September fanden die Er­mitt­le­r*in­nen scharfe Kurz- und Langwaffen, Munition unterschiedlichen Kalibers sowie Bargeld und „mögliche Sprengmittel“. Zu den Beschuldigten zählen auch zwei aktive und zwei ehemalige Soldaten sowie ein Bundespolizist. An­ti­fa­schis­t*in­nen hatten in einer Broschüre die Verbindungen und Strukturen des „Nordbundes“ veröffentlicht und die Ermittlungen damit ins Rollen gebracht.

Der Vorfall hat gezeigt, in was für einer gesellschaftlichen Situation wir uns inzwischen befinden und welche Gefahr von der extremen Rechten auch für Engagierte vor Ort ausgeht.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus

Am Mittwochabend in Springe versammelte sich die Gruppe um die in dem Verfahren beschuldigten Johannes K. und Alexander S. auf einem nahegelegenen Parkplatz und lief in Kleingruppen zum Schulgebäude. Die Ver­an­stal­te­r*in­nen machten am Eingang von ihrem Hausrecht Gebrauch und schlossen die Gruppe von der Veranstaltung aus. Johannes K. hielt sich bewusst im Hintergrund und postierte sich außerhalb des Schulhofgeländes.

Die Mobile Beratung erklärte im Nachgang, die „betont männlich und bedrohlich auftretende Personengruppe“ habe versucht, sich Zugang zur Veranstaltung zu verschaffen, Fotos von Teilnehmenden zu machen und eine Anwesenheitsliste zu entwenden. Der Vorfall habe gezeigt, „in was für einer gesellschaftlichen Situation wir uns inzwischen befinden und welche Gefahr von der extremen Rechten auch für Engagierte vor Ort ausgeht“. Es sei daher wichtig, „sich von solchen Inszenierungen nicht einschüchtern zu lassen“ und „als demokratische Zivilgesellschaft zusammenzustehen“.

Schon im Vorfeld hatte der Hannoveraner Anwalt Marcus Bartscht versucht, die Veranstaltung gerichtlich zu verhindern. In einem Schreiben forderte er die Ver­an­stal­te­r*in­nen auf, seinen Mandanten Alexander S. nicht als Neonazi oder Teil einer Neonazizelle zu bezeichnen. Bartscht behauptete, beim „Nordbund“ habe es sich „zu keiner Zeit um eine politisch motivierte Gruppierung gehandelt“ und die Gruppe existiere seit sechs Jahren nicht mehr.

Polizei wusste von nichts

Auch auf dem Grundstück von Alexander S., der mittlerweile in Hummersen bei Lügde wohnt, fanden im September polizeiliche Durchsuchungen statt. Sein Anwalt Bartscht hatte vorher versucht, den Vortrag von Andrea Röpke per einstweiliger Verfügung zu verhindern. Das zuständige Landgericht Hannover lehnte den Eilantrag mit der Begründung ab, es sei nicht ersichtlich, dass Alexander S. im Rahmen der Veranstaltung namentlich genannt werde. Die Niederlage vor Gericht wollte S. offenbar nicht auf sich sitzen lassen und kam selbst zum Vortrag.

Jan Orbach, Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Hannover-Heide-Weser, sagt der taz nach der Veranstaltung: „Wer uns und unsere Mitglieder mit anwaltlichen Schreiben oder auch durch Gruppen von Nazi-Schlägern vor unserer Abendveranstaltung bedrohen oder einschüchtern will, der legt sich mit der gesamten Gewerkschaft an.“ Zwar lebe eine demokratische Gesellschaft auch durch Unterschiede und Widersprüche, Nazis seien jedoch weiterhin weder auf Veranstaltungen von Verdi noch in der Gewerkschaft willkommen.

Die zuständige Polizeidirektion Hannover bestätigte der taz den Einsatz an der Grundschule in Springe. Die Be­am­t*in­nen seien zur Durchsetzung des Hausrechts hinzugezogen worden und „erteilten den betroffenen Personen Platzverweise“, denen die Gruppe nachkam. Im Vorfeld hätten keine Hinweise auf eine Störung der Veranstaltung erlangt werden können.

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