Rechte Gewalt in Brandenburg: Täter immer jünger und brutaler
Opferperspektive Brandenburg legt Bilanz für 2025 vor. Neuer Höchstwert rechter Gewalttaten erreicht. Märkisch-Oderland und Cottbus sind führend.
Die Zahlen rechter Gewalttaten in Brandenburg sind nach Angaben des Vereins Opferperspektive im vergangenen Jahr auf einen Höchstwert gestiegen. 2025 seien 290 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe gezählt worden, teilte der Verein in Potsdam mit. Im Jahr zuvor waren es noch 273 Angriffe. Auch die Zahl der Betroffenen habe mit 523 einen neuen Höchstwert erreicht.
Die meisten Angriffe gab es 2025 im Kreis Märkisch-Oderland mit 46 Taten, dahinter folgen die Stadt Cottbus mit 38 und der Kreis Oberhavel mit 23 Angriffen. Die Polizei registrierte dabei nach Angaben des Innenministeriums einen Anstieg an politisch motivierten Gewaltstraftaten von rechts.
Die Geschäftsführerin der Opferperspektive, Judith Porath, sagt, die Taten rechter Gewalttäter richteten sich hauptsächlich gegen tatsächliche und vermeintliche Migranten sowie politische Gegner. „Ganz besonders besorgniserregend für uns ist die Zunahme gezielter und geplanter Angriffe“, so Porath.
Rassismus ein wachsendes Problem
In Brandenburg gab es 2025 den Zahlen der Opferperspektive zufolge 133 erfasste Angriffe mit Rassismus als Tatmotiv. Besonders erschreckend sei dabei die zunehmende „extreme“ Brutalität. Anne Brügmann, Beraterin des Vereins, erzählt von zwei Beispielen. Ende Oktober in Templin überlebte ein junger Ukrainer nur knapp, nachdem Rechte ihn am Bahnhof rassistisch beschimpft, verfolgt und „völlig enthemmt“ zusammengeschlagen hatten. Bemerkenswert sei, dass die Täter in diesem und anderen Fällen immer jünger würden. So übten bereits 13- oder 15-Jährige schwere Gewalttaten aus.
Ein weiterer Fall hatte sich im Mai ereignet. Damals wurde einem 13-jährigen Jungen palästinensischer Herkunft ins Gesicht gestochen, nachdem dieser einen Täter zur Rede gestellt hatte, der einem Mädchen das Kopftuch entreißen wollte. Später brüstete dieser sich damit in einem Messenger-Dienst. Der Junge musste infolge der Verletzungen mehrfach operiert werden.
Der Verein berichtete von weiteren Fällen rechter Gewalt im Jahr 2025. So etwa von einem Angriff mit Steinen auf einen alternativen Jugendclub in Senftenberg im März. In Stahnsdorf sollen im gleichen Monat mehrere Verdächtige eine Flüchtlingsunterkunft angegriffen haben. Im Juni attackierten rund 15 Vermummte ein Vielfaltfest in Bad Freienwalde, das unter dem Motto „Bad Freienwalde ist bunt“ gefeiert wurde. Die Polizei wurde seinerzeit kritisiert, die Veranstaltung nicht richtig abgesichert zu haben.
Die Communitys verunsichere zudem, dass Täter während ihrer Taten immer wieder „Vertreibungsfantasien“ äußerten, hieß es am Freitag bei der Pressekonferenz in Potsdam. So sollen Sätze gefallen sein wie: „Wenn die AfD erst mal an die Macht kommt, seid ihr ja alle verschwunden.“
Regierung soll mehr unterstützen
Auf Hilfe aus der Politik könnten sich Betroffene dabei nicht ausreichend verlassen. Durch gestrichene oder gekürzte Beratungsangebote entstehe für viele Menschen der Eindruck, in Deutschland nicht gewollt zu sein. In diesem Jahr musste auch die Antidiskriminierungsberatung der Opferperspektive schließen.
„Von einer offenen Gesellschaft ist für Betroffene rassistischer Gewalt im Alltag aktuell oft wenig zu spüren“, so Anne Brügmann. „Diesen Angriffen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt müssen auch staatliche Akteure mit aller Entschlossenheit entgegentreten.“
„Rassistische Gewalttäter schrecken auch vor potenziell tödlicher Gewalt nicht zurück“, ergänzt Porath. „Doch der Schutz der Betroffenen steht in der politischen Debatte kaum im Fokus.“ Auch im neuen Koalitionsvertrag von SPD und CDU zeige sich das. Angesichts der neuen Zahlen sei es ein alarmierendes Signal, dass der Begriff Rassismus in diesem nicht auftauche.
Hoffnung für Betroffene
Ungeachtet des Anstiegs der Bedrohungen zeigte sich Joschka Fröschner, Berater und Monitoringbeauftragter der Opferperspektive, bedingt zuversichtlich. Trotz rechtsextremer Angriffe erlebe der Verein immer wieder, dass viele Betroffene sich nicht einschüchtern lassen: „Sie vernetzen sich, organisieren Unterstützung und erfahren Solidarität.“ Das sende ein klares Signal gegen rechte Einschüchterung.
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