piwik no script img

Rechte Anschlagsserie in Berlin-NeuköllnDatenschützerin kritisiert Polizei

In der Neuköllner Anschlagsserie haben Polizisten offenbar unerlaubt Daten von Opfern abgegriffen. Berlins Datenschützerin fehlt die Transparenz.

Gareth Joswig

Aus Berlin

Gareth Joswig

Die Polizei mauert weiter in Bezug auf die rechtsextreme Anschlagsserie in Neukölln. Die Datenschutzbeauftragte des Landes Berlin, Maja Smoltczyk, hat in einer ungewöhnlich deutlichen Pressemitteilung am Donnerstag kritisiert, dass die Polizei die Aufklärung von fragwürdigen Abfragen in Polizeidatenbanken verweigere. Es handele sich dabei um Abfragen von zwei Opfern im Neukölln-Komplex, an deren Wohnhäuser mutmaßlich Neonazis „9mm für (…) Kopfschuss“ geschrieben hatte (taz berichtete). Eine der Personen hatte sich bei der Datenschutzbeauftragten beschwert.

Smoltczyk sagte: „Die Berliner Polizeibehörde offenbart durch die hartnäckige Verweigerung ihrer Mitwirkung ein bedenkliches Rechtsverständnis.“ Die lückenlose Aufklärung liege im Interesse der Polizei, die derzeit aufgrund der sich häufenden Fälle von unrechtmäßigen Datenabfragen und Kontakten zum rechtsextremen Spektrum im Fokus der Öffentlichkeit steht.

Die Datenschützerin sagte das wohl auch mit Blick auf die jüngsten Verwicklungen im Neukölln-Komplex sagte, aber auch die hessischen NSU 2.0-Drohbriefe. Dort wurden Abfragen auf Polizeicomputern offenbar dazu genutzt, persönliche Daten und Anschriften von später bedrohten meist Frauen abzufischen.

Zu den Berliner Abfragen sagte Smoltczyk, dass die Polizei auf Nachfrage nur einen Teil der kritischen Zugriffe nachvollziehbar erklären konnte. Mehrere Mahnschreiben und sogar ein direkter Brief an Polizeipräsidentin Barbara Slowik blieben laut Smoltczyk unbeantwortet.

Polizei verstoße gegen feste Verpflichtungen

Die Polizei hat laut Datenschutzbehörde nur pauschal behauptet, dass keine Anhaltspunkte für dienstlich nicht begründbare Anfragen vorlägen. Weitere Anfragen seien abgeblockt worden mit dem Hinweis auf „Verfahrensrechte der betroffenen Polizeibeamten“. Zudem habe die Polizei eine hinreichende Stichhaltigkeit der bei der Datenschutzbehörde eingegangenen Beschwerde angezweifelt.

Aus Sicht der Datenschutzbeauftragten sind deswegen „die in Rede stehenden Datenabfragen durch Berliner Polizeibedienstete ungeklärt“. Die Einwendungen der Polizei spielten bei einer datenschutzrechtlichen Prüfung keine Rolle.

Es ginge darum, mögliche strukturelle Probleme zu ermitteln und in Zukunft Missbrauch zu verhindern. Die Polizei verstoße mit ihrem Verhalten gegen die gesetzlichen festgelegten Verpflichtungen zur Kooperation mit der Datenschutzaufsichtsbehörde.

Im Laufe der Neuköllner Anschlagsserie ist es seit Ende 2016 zu über 70 Anschläge auf überwiegend gegen Neonazis engagierte Personen gekommen. Neben Brandanschlägen und Sachbeschädigungen kam es auch zu zahlreichen Drohungen gegen Personen.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Obwohl eine große Sonderkommission ermittelt, gibt es es kaum Fortschritte in der Aufklärung. Zuletzt wurden sogar zwei zuständige Staatsanwälte wegen mutmaßlicher Befangenheit und AfD-Nähe versetzt – die Ermittlungen führt nun die Generalstaatsanwaltschaft in Berlin.

Smoltczyk nannte das Verhalten der Polizei „äußerst irritierend“. Sollte die Polizei auf die öffentliche Kritik nicht reagieren, werde sie den Vorgang dem Abgeordnetenhaus vorlegen und dort Bericht erstatten.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

1 Kommentar

 / 
  • Thomas Brunst

    taz-Zitat: “(…) Die lückenlose Aufklärung liege im Interesse der Polizei, die derzeit aufgrund der sich häufenden Fälle von unrechtmäßigen Datenabfragen und Kontakten zum rechtsextremen Spektrum im Fokus der Öffentlichkeit steht. (…)“



    Wer hätte das gedacht? Hessische (Polizei-)Verhältnisse nun auch in der Bundeshauptstadt.