Ready für den zweiten Shutdown: Bastelsachen und Monstertorte

Backen, basteln und das Kind beruhigen: Unsere Autorin hat als Soloselbstständige wegen Corona wieder Zeit, um die sie nicht gebeten hat.

Foto von Pinseln und Farbeimern

Mit Bastelmaterial durch den Shutdown Foto: imago

An dem Mittwoch, an dem die Bundesregierung die neuen Coronamaßnahmen diskutiert, soll ich für meine Arbeit den Newsletter mit den November-Events fertigstellen. Während meine Chefin davon ausgeht, dass das abgenommene Sicherheitskonzept das Haus vor einer erneuten Schließung bewahren wird und auf meine Texte wartet, sitze ich vor einem leeren Word-Dokument und aktualisiere fortlaufend die Online-Berichterstattung über das MinisterpräsidentInnenntreffen, statt zu schreiben.

In allen Medien wird spekuliert. In einem heißt es, nicht systemrelevante Geschäfte würden geschlossen. In anderen sickert durch, es werde Gastronomie und Kultur treffen. Klar ist nur: Es ist ernst. Von jetzt an heißt es, wieder zu Hause bleiben. Ich beginne wie eine Wahnsinnige zu putzen. Wenn schon erneut eingesperrt, dann wenigstens in einer aufgeräumten Wohnung.

Als nach Stunden selbst der Bereich hinterm Herd glänzt, ist immer noch kein Ergebnis da. Ich beeile mich, meine sechsjährige Tochter von der Schule abzuholen, um mit ihr Bastelsachen zu kaufen, ehe der Bastelladen womöglich wieder dichtmachen muss. Wenn schon eingesperrt, denke ich, dann wenigstens mit Bastelmaterial, um meiner Tochter die Zeit zu vertreiben.

Die reagiert erschreckend erwachsen: „Besser nicht. Sonst geht am Ende deine Geldkarte aus, und wir haben viel zu basteln und nichts zu essen.“ Ich zucke zusammen: Daran, dass an einem erneuten Lockdown womöglich meine Honorarstelle als Pressetexterin einer Freizeiteinrichtung hängt, habe ich gar nicht gedacht. Ich googele erneut die Beschlüsse und erstarre. Meine Tochter sieht mich an. Ich erkläre so gelassen wie möglich: „Theater, Kinos und Freizeiteinrichtungen müssen echt wieder schließen.“

Riesenparty zu zweit

Meine Tochter strahlt und meint in einem Ton, in dem ich mit ihr rede, wenn ich sie beruhigen will: „Das ist doch kein Grund, traurig zu sein. Dann mache ich eben jeden Tag Theater für dich zu Hause. Und Konzerte. Und Fußballshows!“ Sie hüpft motiviert auf und ab und rennt dann Richtung Bus: „Komm, lass die Nachrichten. Wir bereiten alles vor!“

Plötzlich bleibt sie stehen und fragt: „Aber Halloween feiern wir schon, oder?“ Ich will ihr nicht die Laune verderben und meine: „Natürlich. Das wird das beste Halloween überhaupt. Wir machen zu Hause eine Riesenparty.“ Am 31. aber ist meine Laune am Tiefpunkt: Mein Arbeitgeber hat angeboten, dass ich die Stunden, die ich im November und Dezember eigentlich zu arbeiten hätte, ausbezahlt bekomme, sie dafür aber im Januar und Februar unbezahlt nacharbeite.

Die neuen Soforthilfen für Soloselbstständige sind noch nicht beschlossen und die Steuerberater*innen, über die die Anträge mittlerweile laufen müssen, sind ausgelastet. Um mich abzulenken, plane ich eine viel größere Party als geplant: Ich kaufe Süßigkeiten, die für zehn Kinder reichen würden, backe eine Monstertorte, dekoriere die Wohnung, koche Kürbissuppe und erkläre ihr, dass sie sich zehn Verkleidungen raussuchen und in jedem Kostüm einmal klingeln und etwas vorführen soll.

Als zehn verschiedene Menschen öffne ich ihr die Tür, begrüße das immer verwirrtere Kind mal auf Deutsch, mal auf Spanisch, auf Englisch und Französisch und lasse sie immer neue Sprüche aufsagen. Am Ende ist sie erschöpft, aber glücklich. Und ich habe neue Zuversicht, dass wir es mit etwas Kreativität auch durch diesen Lockdown schaffen.

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Jahrgang 1983, studierte nach Auslandsaufenthalten in Oxford, Montpellier, Glasgow und Buenos Aires in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Schreibt seit 2012 für die taz. Hauptsächlich Berliner Szenen, aber auch Reportagen, Hausbesuche und Kolumnen für Berlin Viral.

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