piwik no script img

Rassismus in FrankreichMit Taser und Schlägen gegen Cannabiskonsum?

In Paris stirbt ein Mauretanier nach einer Festnahme im Kommissariat. Die Todesumstände sind ungeklärt, Zeugen sprechen von Polizeigewalt.

Tod nach Festnahme in Paris. Das Opfer stammt aus Mauretanien und wurde festgenommen, weil er einen Joint drehte Foto: action press/sipa
Rudolf Balmer

Aus Paris

Rudolf Balmer

Was genau geschah in der Nacht vom letzten Mittwoch auf den Donnerstag vor einem Wohnheim für ausländische Arbeiter in Paris? Was bekannt ist, ist dies: Der 35-jährige Mauretanier Hacen Diarra wurde von einer Polizeistreife wegen des Verdachts auf Cannabiskonsum festgenommen, wenig später starb er im Kommissariat des 20. Stadtbezirks an Herzversagen. Die genaue Todesursache soll nun laut Polizeibehörden von der Gerichtsmedizin untersucht werden.

Die Polizei rechtfertigt ihr Vorgehen. Diarra sei dabei gewesen, sich einen Joint zu rollen. Er sei deswegen auf Besitz von Cannabis „kontrolliert“ worden. Ob die Polizisten dabei tatsächlich fündig wurden, ist nicht bekannt. Außerdem habe der Mauretanier keine gültigen Aufenthaltspapiere gehabt, sondern „gefälschte Dokumente“.

Weil er sich einer Durchsuchung widersetzte, habe ein Beamter eine Taser-Elektroschockwaffe gegen sein Bein eingesetzt. Der wegen „Widerstands“ Festgenommene sei sodann zum nächsten Kommissariat gebracht worden. Dort konstatierte ein Polizeioffizier, dass er aus einer Augenbraue blutete. Kurz vor Mitternacht sei er dort auf einer Sitzbank zusammengesunken. Den gerufenen Rettungsmannschaften gelang es nicht, ihn zu reanimieren.

„Grundlose brutale Intervention“

Von einer vermutlich grundlosen brutalen Intervention spricht, unter Berufung auf Zeugen und Videos, die Antirassismusaktivistin Assa Traore. Noch bevor der Taser eingesetzt wurde, sei Diarra am Boden liegend geschlagen worden. Sie führt einen Kampf gegen Gewalt in Frankreich, seit nach dem suspekten Tod ihres Bruders nach einer Festnahme die Strafuntersuchung gegen die beteiligten Polizisten eingestellt worden ist. Sie sieht Parallelen zum Fall Diarra.

Ladji Sako ist Mitglied der Bezirksbehörde. Er kannte den verstorbenen Mauretanier, der ihm zufolge „sichtlich geistig behindert“ war und niemanden störte. Häufig sei er vor dem Heim gewesen, um einen Kaffee zu trinken und zu rauchen. „Nie habe ich ihn Cannabis konsumieren sehen. Er hatte ja nicht mal Geld, um Tabak zu kaufen, er sammelte Kippen auf der Straße ein.“

Laut Zeugen sei Diarra bei seiner Festnahme geschlagen worden. Er habe geblutet, zitiert die Zeitung L’Humanité einen Zeugen. Sie fügt hinzu, dass allein im Jahr 2024 acht Menschen unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam gestorben sein.

Erinnerungen an George Floyd

Bei einer Kundgebung, an der sich mehrere Hundert Personen beteiligten, fordern Familienangehörige, Bekannte und Nachbarn eine gerichtliche Untersuchung. Der Bezirksbürgermeister Eric Pliez hat sich in einem Brief direkt an die Staatsanwaltschaft gewandt: „Mehrere Zeugenberichte und Videos, die auf den Netzwerken zirkulieren, lassen vermuten, dass Monsieur Diarra bei seiner Festnahme Opfer von Polizeigewalt wurde.“

Eine Untersuchung mit einer allfälligen Ermittlung zu den Umständen seiner Festnahme ist bisher vorgesehen. Dies, obschon die involvierten Polizeibeamten eine wesentlich andere Version liefern als Zeugen und Bekannte des verstorbenen Mauretaniers. Was diese berichten, erweckt den Verdacht von Willkür oder tödlicher Polizeigewalt mit rassistischem Hintergrund wie im Fall von George Floyd in Minneapolis.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare