Rätselhafte Katastrophe in Russland: Tote Tiere auf Kamtschatka

An der Küste der russischen Halbinsel sind massenweise verendete Krabben, Fische und Robben angeschwemmt worden. Unklar ist, warum.

Eine tote Robbe am Chalaktyrsky-Strand

Eine tote Robbe am Strand Foto: Alexandr Piragis/dpa

MOSKAU taz | Als Jekaterina Dyba vor drei Wochen nach dem Surfen aus dem Wasser stieg, an der rauen Küste der Halbinsel Kamtschatka, ganz im Osten Russlands, sah sie fast nichts. „Ein weißer Schleier bedeckte meine Augen, Augentropfen halfen nicht“, berichtet sie schriftlich.

Die Geografin, die in einer Surfschule am Chalaktyrski-Strand unweit der Regionalhauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski arbeitet, dachte zunächst, sie sei zu viel an der Sonne gewesen. Die Augenprobleme wiederholten sich aber auch bei bedecktem Wetter. Nicht nur bei ihr, auch bei anderen Besuchern der Awa­tscha-Bucht, einem exotischen Ausflugsziel mit schwarzem Vulkansand. Halsweh kam hinzu, Übelkeit, Fieber. Die Sur­fe­r*in­nen schlugen Alarm, zumal sich das sonst glasklare Wasser gelb verfärbt hatte.

Wenig später füllte sich der Strand mit toten Tieren: Krabben, Seeigel, Fische, Oktopusse, Robben. Fast 40 Kilometer weit. Von einer „ökologischen Katas­trophe“ spricht die Umweltorganisation Greenpeace, bis zu 90 Prozent aller Meeresorganismen in der Bucht seien zerstört. Die Behörden beschwichtigten.

Es habe zwar „eine sieben- bis neunfache Überschreitung einer maximal zulässigen Konzentration von Ölprodukten gegeben“, sagte der Gouverneur Wladimir Solodow noch am Wochenende. Doch der Ozean habe eine „einzigartige Selbstreinigungsfähigkeit“. Dmitri Kabylkin, Chef des russischen Naturschutzministeriums, gab sich gelassen: „Es ist niemand getötet, niemand verletzt worden.“ Eine Bemerkung, die einige Bewohner*innen der Halbinsel zynisch fanden.

„Konsistenz ähnelt Industrieölen“

Die ersten Proben hätten einen „Schadstoff, dessen Konsistenz Industrieölen ähnelt“ ausgewiesen, teilte das Ermittlerkomitee am Mittwoch mit – und eröffnete ein Strafverfahren. Woher die schädlichen Komponenten kommen, weiß allerdings niemand. Zuvor waren die Behörden von drei möglichen Szenarien ausgegangen: einer von Menschen verursachten Verschmutzung, Beben oder Algen, die während eines Sturms angeschwemmt worden sein könnten. Vulkane und Algen hatten Wissenschaftler aber schnell ausgeschlossen.

Tagelang hatten die Behörden Warnungen ignoriert. Dann wurden auch nahegelegene Militärgelände untersucht. „Auf der Koselski-Deponie sind keine schwerwiegenden Verstöße sichtbar“, sagte der Gouverneur am Dienstag. Das Gelände sei allerdings herrenlos, man könne also niemanden zur Verantwortung ziehen.

Dort lagern mindestens 20 Tonnen Arsen. Bereits vor Jahren hatten Landwirte der Region gewarnt, damit ließe sich der gesamte nördliche Pazifik vergiften. Auch das Testgelände von Radygino, nur zehn Kilometer vom Strand entfernt, habe „keinerlei Anzeichen von Verschmutzung“, hieß es am Mittwoch. Surferin Dyba ist skeptisch, was die „Objektivität“ der Behörden angeht. „Wir brauchen unabhängige Untersuchungen“.

30 Tonnen Raketentreibstoff

Auf dem Testgelände von Radygino sollen 30 Tonnen Raketentreibstoff gelagert sein. Mitte August war hier laut Lokalmedien Munition zerstört worden. Anfang September gab es auf der Halbinsel einen großen Sturm. „Zwischen Radygino und der Ozeanküste fließen mehrere Bäche. Die Strömung im Ozean an diesem Ort bewegt sich von Nord nach Süd, also direkt dorthin, wo die Surfer*in­nen von Augenproblemen sprachen.

Die wahrscheinlichste Version für mich ist, dass die hochgiftigen Stoffe aus verrosteten Containern von Radygino mit dem Regen direkt in den Ozean geschwemmt wurden“, sagt Dmitri Lissizyn von der Umweltschutzorganisation Ökowacht. Sein Büro befindet sich zwar auf Sachalin, der Insel südlich von Kamtschatka, er beobachtet aber den Pazifik seit Jahren genau.

Das Ausmaß der Katastrophe werde zunehmen, da die Nahrungskette für noch lebende Tierarten zerstört worden sei, sagt Lissizyn: „Es ist ernster, als wir noch vor einigen Tagen gedacht hatten.“ Das fürchtet auch Jekaterina Dyba. Ihr Surfbrett fasst sie seit Wochen nicht mehr an. „Ich gehe nicht mal mehr in Richtung Ozean.“

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