: Radikal zusammenbleiben
Emotionale Verbundenheit zahlt sich aus: Ein Jahr nach Druckschluss der Werktagsausgabe sind uns mehr als 86 Prozent der Leser:innen treu geblieben
Foto: Jens Gyarmaty
Von Sunny Riedel
„Die taz macht endlich wieder mal was Radikales“, schrieb der Spiegel vor gut zwei Jahren, als das Projekt Seitenwende vom taz-Verlag offiziell verkündet wurde. Ein Jahr darauf meldeten wir Vollzug und stellten am 17. Oktober 2025, als erste überregionale Tageszeitung in Deutschland, den Druck unserer werktäglichen Ausgabe nach 46 Jahren ein – zugunsten einer reinen E-Paper-Ausgabe.
Zwischen angespannt und neugierig beobachtet die deutsche Medienlandschaft seither, was passiert. Denn: „Über kurz oder lang werden sich auch andere Verlage von der gedruckten Tageszeitung verabschieden“, prognostiziert Kommunikationswissenschaftler Bernd Blöbaum von der Universität Münster gegenüber der taz. Der Branchenverband BDZV rechnet sogar damit, dass es bis 2040 keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben wird.
Die taz vollzog den radikalen Schritt in wirtschaftlich guten Zeiten. Gleichzeitig behielten wir mit der wochentaz ein Printprodukt bei und stärkten unseren Onlineauftritt. Die E-Paper-App, die es schon zuvor gab, wurde generalüberholt und in ihrer Handhabung vereinfacht.
Doch viele taz-Leser:innen waren trotzdem skeptisch. Leute schrieben uns, dass sie sich ein Leben ohne Zeitungsrascheln am Frühstückstisch nicht vorstellen könnten. Wir antworteten, es seien doch die inneren Werte, die zählten, also: der taz-Journalismus selbst.
Überwartungen noch übertroffen
Das bestätigten in einer schon 2023 durchgeführten Befragung auch 81,4 Prozent der Abonnent:innen, die angaben, nach dem Druckschluss bei uns bleiben zu wollen. Geschäftsführer Andreas Marggraf sagt, man sei dennoch lieber vorsichtig von im besten Fall 70 Prozent Treuequote ausgegangen. „Wir hatten aber auch einen worst case von 40 Prozent, der auf Zahlen von Regionalzeitungen basierte, die schon auf rein digital umgestellt hatten“, sagt Marggraf.
Damit es dazu nicht kommen würde, beteiligte sich nahezu das gesamte Haus Monate vor dem Stichtag an Beziehungspflege zu den Leser:innen: Als Seitenwendetour tingelten taz-Teams durchs ganze Land, eine Telefonhotline wurde eingerichtet. Die Botschaft war: Wir wollen, dass ihr bleibt, damit wir bleiben können.
Die Care-Arbeit hat sich gelohnt: Ein Jahr nach der Umstellung haben die Zahlen unsere Erwartungen weit übertroffen. Mehr als 86 Prozent der taz-Abonnent:innen sind ihrer Zeitung treu geblieben – ob als Leser:innen der digitalen Ausgabe oder in Kombi mit der wochentaz, die weiterhin samstags auf Papier erscheint.
Dass so viele dabeigeblieben sind, „überrascht mich überhaupt nicht“, sagt Bernd Blöbaum, der die taz seit den 1990er Jahren beforscht und von einer extrem soliden Beziehung zwischen ihr und ihrem Publikum berichtet. „Diese Wertschätzung ist nicht an die Form, sei es Papier oder sei es digital, gebunden. Sondern an die journalistischen Inhalte und die genossenschaftliche Organisation, die Unabhängigkeit von partikularen wirtschaftlichen Einflüssen sichert.“
Radikaler Unterschied
Das Hauptziel der Seitenwende sieht Geschäftsführer Marggraf als erreicht an: Die taz schreibt auch im ersten Jahr nach Druckschluss keine roten Zahlen, wie es ohne die Einstellung des werktäglichen Drucks gewesen wäre. Im Gegenteil: Die Ertragslage hat sich wesentlich verbessert. Doch die Umstellung hat das Haus viel Kraft gekostet. Vor allem die Aboabteilung litt zwischenzeitlich unter einer extremen Belastung, weil zeitgleich zur Seitenwende ein neues System eingeführt wurde. Auch das Ziel, Produktion und Layout zu entlasten, sei noch nicht ausreichend erreicht, so Marggraf. „Dieser Prozess war aufwendiger als gedacht und benötigt auch noch eine Nachjustierung“.
Und: Um notwendige neue Abonnent:innen längerfristig zu halten, müsse man „mehr Bindungsmaßnahmen“ aufwenden.
Empirisch gesehen dürfte das der richtige Weg sein. Die „emotionale Verbundenheit“, so Medienforscher Blöbaum, „unterscheidet die taz von vielen anderen Medien hierzulande“. Und zwar radikal. Sunny Riedel
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