Racial Profiling bei der Polizei: Ein Gefühl der Ohnmacht

Die Hautfarbe kann darüber entscheiden, ob die Polizei einen kontrolliert oder festnimmt. Es mangelt an einer Fehlerkultur bei der Polizei.

Ein leerer Bahnstieg am Berliner Haupthanhof

Der Zug kam, ich ließ meinen Blick schweifen. Das Gleis leerte sich. Jose war nicht da Foto: STPP/imago-images

Dieser Text ist Teil einer innerredaktionellen Debattenreihe der taz, ausgelöst durch die Kolumne „All cops are berufsunfähig“. Als pluralistisches Haus verschweigen wir diese Kontroverse um die Arbeit der Polizei und unsere unterschiedlichen Blickwinkel auf diese nicht. Es werden weitere, konträre Texte folgen. Die Beiträge lesen Sie auf unserer Webseite: taz.de/kolumnendebatte.

Es gibt eine Situation, die mein Verhältnis zur Polizei radikal verändert hat. Sie hat nur am Rande mit der deutschen Polizei zu tun, aber das ist egal, denn irgendwie ist das auch Teil der Geschichte. Ich wollte 2013 eine mir sehr nahestehende Person vom Berliner Hauptbahnhof abholen. Die Person will anonym bleiben, ich nenne sie hier jetzt Jose. Ich wartete am Bahnsteig, der Zug kam, ich ließ meinen Blick schweifen. Das Gleis leerte sich. Jose war nicht da.

Ich versuchte anzurufen, das Handy war aus. Hatte Jose den Zug verpasst? War er in den falschen Zug gestiegen? Oder eingeschlafen? Wurde sein Handy geklaut? Ich fragte bei der Bahn nach, ob es einen medizinischen Notfall auf der Strecke gab. Das, was so harmlos anfing, wurde zum Albtraum. Jose blieb verschwunden. Über Nacht entwickelte ich die abstrusesten Theorien.

Am nächsten Tag ging ich zur Berliner Polizei. Der Beamte auf der Wache war sehr verständnisvoll, aber für eine Vermisstenanzeige war ich zu früh dran. Er versuchte, mich zu beruhigen: Erfahrungsgemäß tauchten die meisten Menschen nach einiger Zeit wieder auf, sagte er.

Er sollte Recht behalten. Ich bekam noch am gleichen Tag einen Anruf, anonyme Nummer, Jose, kurz angebunden: „Mach dir keine Sorgen, ich werde morgen nach Berlin kommen, holst du mich ab? Ich erklär’ es dir später.“ Ich hörte eine ausländische Sprache im Hintergrund, die ich nicht zuordnen konnte, das Gespräch war beendet.

Nacht im Knast

Als ich wieder am Bahnsteig stand und Jose ausstieg, lächelte er mich an. Das machte mich wütend. Ich fand überhaupt nichts zum Lachen. Erst mit der Umarmung kam die Erleichterung. Ich fragte: „Wo warst du?“

Jose hatte auf dem Weg von Wien nach Berlin mit einer Gruppe Männer of Color zusammen in einem Abteil gesessen. In Tschechien kontrollierte die Polizei diese Gruppe, die offenbar Drogen geschmuggelt hatte, und nahm sie fest – und Jose gleich mit. Nicht weil er Drogen geschmuggelt hatte. Einfach nur, weil er daneben saß und wie die anderen auch braune Haut hatte.

Er landete in U-Haft in einem tschechischen Knast. Er durfte keinen anrufen. Sie ließen ihn erst gehen, als er ein Papier unterschrieb, das ihm drei Jahre die Einreise untersagte. Ansonsten hätten sie ihm den Prozess gemacht. Jose sagte, er will nie wieder darüber sprechen.

In diesem Moment fühlte ich nur Ohnmacht. Eine geliebte Person war plötzlich einfach so im Knast gelandet. Klar, das waren tschechische Grenzpolizisten, aber die paar Kilometer Distanz machten für mich keinen Unterschied. Es kam vieles zusammen in diesem Jahr. Der NSU-Prozess hatte damals begonnen. Fragen, die schon immer da waren, wurden lauter: Wen schützt die Polizei, wen nicht? Wen sieht sie als Opfer, wen als Täter*in?

Ich habe mir über die Zeit viel angelesen, über das Polizeiversagen in Lichtenhagen, Verstrickungen der Polizei in rechtsextremistische Kreise. Es gibt die krassen Fälle wie den von Oury Jalloh. Aber wie ordnet man dieses Wissen in sein eigenes Leben ein? Wo ist der Maßstab? Plötzlich konnte ich eine Linie der Eskalation erkennen: Von einer alltäglichen rassistischen Kontrolle bis hin zum Tod in einer Zelle.

Ich kann kaum zählen, wie oft ich in Deutschland anlasslos kontrolliert wurde. In EU-Grenzbereichen, am Bahnhof, im Auto, mitten auf der Straße. Nur ein einziges Mal verlor ich die Fassung: als ich mit meinem Bruder einfach so am Berliner Hauptbahnhof kontrolliert wurde.

Ich sagte den zwei Beamten, dass sie rassistisch seien, dass das, was sie machen, nicht okay sei. Sie reagierten ruhig. Es geht aber nicht darum, ob Polizist*innen nett sind oder nicht. Es geht um Gesetze, die es ihnen erlauben, verdachtsunabhängige Kontrollen durchzuführen.

Reflexangst vor der Polizei

Ich selbst habe nie körperliche Gewalt vonseiten der Polizei erfahren. Manche Polizist*innen haben mich abfällig behandelt, die meisten waren höflich. Trotzdem: Nur wegen der Hautfarbe immer wieder kontrolliert zu werden, hat etwas mit mir gemacht. Der Comedian Benaissa Lamroubal hat das in einem Interview mal als „Reflexangst vor der Polizei“ beschrieben.

Die verwundbarsten Menschen dieser Gesellschaft sind auch die verwundbarsten Menschen vor der Polizei

Rassistische Kontrollen stellen Minderheiten unter Generalverdacht, sie nähren das Bild des „kriminellen Ausländers“, sie führen dazu, dass Teile der Bevölkerung das Vertrauen in die Polizei verlieren. Auch Polizist*innen sollten nicht unter Generalverdacht stehen. Aber sie haben sehr viel mehr Macht: Es ist schwer, sich juristisch gegen sie zu wehren. Korpsgeist, Aussage gegen Aussage, wenn man Pech hat: Anzeige wegen Beleidigung oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Es gibt eine mangelnde Fehlerkultur in der Polizei.

Manche behaupten, dass es in der Polizei nur so viel Rassismus gibt wie im Rest der Gesellschaft. Selbst wenn, wen soll das zufriedenstellen? Ein Schwarzer Freund wurde vier Mal auf einer Strecke durch die Stadt kontrolliert, das war sein Rekord. Immer wieder wird er für einen Dealer gehalten. Und es gibt weitere Fälle in meinem Freundeskreis.

Wir erleben nicht alle den gleichen Rassismus. Das Geschlecht, das Alter, der Ort, die Kleidung, der soziale Status, die Sprachkompetenz, die angenommene Ethnie, die vermeintliche Religionszugehörigkeit, der Aufenthaltsstatus, all das kann Situationen mit der Polizei beeinflussen.

Ist es denn überall schlimm, nur nicht hier?

Die verwundbarsten Menschen dieser Gesellschaft sind auch die verwundbarsten Menschen vor der Polizei. Doch wir müssen nicht die gleichen Schlüsse aus sich ähnelnden Erlebnissen ziehen. Es gibt eine Schnittstelle, wo das Kollektive das Individuelle berührt. Wenn ich meine Eltern frage, wie sie zur deutschen Polizei stehen, sagen sie: „Die deutsche Polizei ist sehr nett.“

Als Vergleichswert haben sie: die indische Polizei. Es erinnert mich daran, dass nach dem Mord an George Floyd viele Menschen nicht müde wurden zu betonen, hier sei es nicht so schlimm wie in den USA. Manche sagen jetzt vielleicht, in Deutschland ist es nicht so schlimm wie in Tschechien. Ist es denn überall schlimm, nur nicht hier?

Jasmin Kalarickal, 35, ist taz.eins-Redakteurin. Sie wurde als Kind indischer Einwanderer in Krefeld geboren.

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