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Queerfeindliche GewaltPfefferspray und Schläge

Der Überfall auf Quaang Paasch in Neukölln war brutal. Doch die selbsternannten Alphas kriegen uns nicht klein.

Auch das ist Neukölln: Regenbogenfahne in Neukölln Foto: Rolf Kremming/imago

B in ich an diesem Ort sicher? Das frage ich mich immer öfter. In Cafés und Bars oder wenn ich mit dem Zug in eine andere Stadt fahre. Meistens habe ich Wechselkleidung dabei, große, lange Hoodies, die meinen Körper verschwinden lassen. Wenn es darauf ankommt, möchte ich nicht auf den ersten Blick als queere Person erkennbar sein.

In Berlin ist der queere Influencer Quang Paasch mit Pfefferspray angegriffen und zusammengeschlagen worden. Das Ergebnis: ein Schädel-Hirn-Trauma und schwere Prellungen. Er hatte sich auf ein Date verabredet und wurde am Treffpunkt von einer Gruppe Männer überfallen, die den Angriff auf ihn wohl geplant hatten. Als ich das Video sah, in dem Paasch von dem Angriff erzählt, war ich schockiert. Ich bin selbst oft in Neukölln unterwegs. Hätte das auch mir passieren können?

Wie oft wurdest du schon zusammengeschlagen? Das fragen Jour­na­lis­t*in­nen mich regelmäßig. Die Videos zu meinen Songs drehe ich schließlich oft an öffentlichen Orten. Die Antwort ist: noch kein Mal. Aber es war manchmal mehr als knapp. Bei einem Fotoshooting am Alexanderplatz verfolgte mich ein Mann bis in den Aufzug und wollte mich schlagen. In der U-Bahn in Frankfurt zeigten mir zwei Jugendliche symbolisch eine durchgeschnittene Kehle mit der Hand. Als ich mit einer Freundin im Bauhaus in Mainz war, spuckte mir ein Mitarbeiter ins Gesicht.

Der Hass auf queere Menschen, gerade die, die in sozialen Medien präsent sind, hat zugenommen. Fast jede Woche werde ich in Direktnachrichten bedroht. Im Oktober schrieb mir ein Nutzer sehr detailreich, wie er mich erst vergewaltigen und anschließend mein Gesicht entstellen werde. Wahrscheinlich wollte er mich einschüchtern.

Wie vor hundert Jahren verbreitet sich Gewalt, weil Menschen es geschehen lassen

Wenn wir queere Menschen uns aus Angst kleinmachen, haben diese Typen gewonnen. Und ja, es sind wirklich immer Männer. Hass und Gewalt gegenüber queeren Menschen ist Ausdruck einer toxischen Männlichkeit, die trotz allen feministischen Diskursen den Mainstream erobert. Selbsternannte „Alphas“ erklären, dass Feministinnen und Queers schuld seien an Einsamkeit und anderen Problemen, die viele junge Männer haben. In diesem Umfeld wächst der Hass, der Quang Paasch nun in Form von physischer Gewalt getroffen hat.

Derzeit versagen wir dabei, marginalisierte Menschen zu schützen. Sowohl auf der Straße als auch im Internet. Ich will keinen übergriffigen Staat, der die kleinsten Onlineäußerungen verfolgt. Aber gerade ist Social Media ein Raum, in dem a) Hass durch Algorithmen belohnt wird und b) die Verfolgung von Drohungen und grenzüberschreitenden Inhalten kaum möglich ist. Das muss sich ändern. Es kann nicht sein, dass Opfer von digitaler Gewalt sich fadenscheinige Begründungen von Polizei und Staatsanwaltschaft anhören müssen, wieso Straftaten nicht verfolgt werden können.

Gleichzeitig werden Plattformen kaum in Haftung genommen, wenn sie rechtswidrige Inhalte weiterverbreiten und damit auch kommerziell von ihnen profitieren. Damit signalisieren sie Männern, dass sie queere Menschen straflos bedrohen können. Aber den Plattformen allein die Schuld zu geben, greift zu kurz. Denn heute wie vor hundert Jahren verbreitet sich Gewalt weiter, weil Menschen es geschehen lassen. Fast immer profitieren die Täter davon, dass genug Menschen wegsehen.

Ich hoffe, dass Quang sich von dem Angriff, der nicht nur ihm, sondern allen queeren Menschen galt, nicht einschüchtern lässt. Dass wir als Queers trotz Rechtsruck sichtbar bleiben. Die Kraft dafür müssen wir uns gegenseitig geben.

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