Psychische Kriegsfolgen in Syrien: Die Wunden sind noch frisch

In den meisten Teilen Syriens wird nicht mehr gekämpft. Doch viele Menschen leiden unter den psychischen Folgen von Gewalt und Vertreibung.

Zwei Männer sitzen an zwei bunten Tischen, ein weiterer Mann trägt eine organgene Weste

Im psychiatrischen Zentrum in Sarmada, Idlib Foto: Muhammad Al Hosse

IDLIB taz | Der Krieg in Syrien ist entschieden und das Regime von Präsident Baschar al-Assad herrscht wieder über die meisten Teile des Landes. Doch die Wunden, welche die Gewalt und die massenhafte Vertreibung innerhalb Syriens hinterlassen haben, sind gewaltig. Vor allem im Nordwesten, wo viele Binnenflüchtlinge bis heute Schutz vor dem Assadregime finden, warnen Hilfsorganisationen vor den psychischen Folgen des Konflikts.

Im Wartezimmer eines psychiatrischen Zentrums in Sarmada in der Region Idlib sitzt Samir al-Salim, ein Mann mit faltigem Gesicht und grauen Haaren. Angst und Depression stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Verwandten, erzählt er, hätten gedacht, die Angst sei nur vorübergehend. Doch sie hielt an, verstärkte sich sogar, bis sich Salim eines Tages vor jedem lauten Geräusch zu fürchten begann. Er zog sich zurück, isolierte sich.

Samirs Geschichte ist eine, der man im Nordwestsyrien in ähnlicher Form an jeder Straßenecke begegnen kann. Der 54-Jährige wurde vertrieben, als syrische Regimetruppen 2019 seine Heimatstadt Ma’arat al-Numan bombardierten. Er floh einige Kilometer in Richtung Norden, weg von der Front, und fand Zuflucht und Schutz vor den Bomben, inneren Frieden aber fand er nicht.

Rund zwanzig Kilogramm habe er abgenommen, erzählt Samir. Er besuchte, begleitet von seiner Familie, mehrere Ärzte, die ihm Beruhigungsmittel verschrieben. Doch sie halfen nicht. Mittlerweile aber kehre Samir ins Leben zurück, sagt der Psychiater Ahmed al-Othman. Und erklärt: „Samir leidet an einem schweren Anfall als Folge der Bombardierung und Vertreibung in der jüngsten Kampagne der Regimekräfte und Russlands, die die Vertreibung von mehr als anderthalb Millionen Menschen zur Folge hatte.“

Stigmatisierung und Suizide

In einer Studie der Hilfsorganisation Syria Relief von vergangenem März heißt es, 99 Prozent der Binnenflüchtlinge in Idlib wiesen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Fast jeder bräuchte also Unterstützung, doch in vielen Fällen bleiben die Probleme untherapiert, was nicht nur mit dem Gesundheitswesen in Nordwestsyrien zu tun hat, sondern auch mit dem sozialen Stigma, das psychischen Erkrankungen in Syrien anhängt.

„Die Angst vor sozialer Stigmatisierung führt zur Vernachlässigung der psychischen Gesundheit“, erklärt Psychiater al-Othman. „Wer eine psychiatrische Klinik besucht“, sagt Samir, „wird als verrückt und erbkrank verspottet.“ Die Töchter hätten oftmals Probleme, einen Heiratspartner zu finden, Söhne würden in der Schule schikaniert. „Meine Ängste vor diesen Problemen sind jedoch nach Beginn der Behandlung verschwunden“, sagt Samir.

Auch Sarah al-Abdullah*, Psychologin in einer Einrichtung der Hilfsorganisation UOSSM in Idlib, kennt die Probleme, die mit der Stigmatisierung zusammenhängen. Sie erzählt von einer Patientin, die zu ihr gekommen sei, aber ihren Namen nicht nennen wollte. Selbst ihre eigene Familie hatte sie getäuscht, indem sie vorgab, eine Hebamme zu besuchen.

„Viele Familien sind sich des Zustands ihrer Kinder nicht bewusst und denken nicht einmal daran, dass psychische Erkrankungen behandelt werden müssen, bis sie auf einmal von deren Selbstmord überrascht werden“, sagt al-Abdullah. Es sei daher unerlässlich, die syrische Gemeinschaft über die Notwendigkeit von psychologischen und psychiatrischen Behandlungen aufzuklären und sich um die Überlebenden des Kriegs zu kümmern.

Häusliche Gewalt

Wie viele Menschen sich in Syrien tatsächlich suizidieren, ist schwer zu beziffern. Save the Children berichtet von 246 Suiziden und mehr als 1.700 Versuchen in Nordwestsyrien, wo rund vier Millionen Menschen leben, im vergangenen Jahr – knapp ein Viertel davon Menschen unter zwanzig Jahren. Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher liegen.

Die Organisation International Rescue Committee, die eine Umfrage in Idlib durchgeführt hat unter psychologischen Fachkräften, Ge­mein­de­ver­tre­te­r*in­nen und Bekannten von Menschen, die einen Selbstmordversuch unternommen haben, teilte der taz mit: „77 Prozent der Personen, mit denen wir gesprochen haben, gaben an, dass der Selbstmordversuch auf schwere Depressionen und psychische Probleme zurückzuführen ist; 67 Prozent gaben an, dass er auf häusliche Gewalt zurückzuführen ist.“

(Mitarbeit: Jannis Hagmann)

* Name geändert

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de