Prozessauftakt gegen Turonen: Wenn Nazis mit Drogen handeln

Einst organisierten die Turonen Rechtsrockkonzerte, dann stiegen sie ins Drogengeschäft ein. Nun stehen sie vor Gericht, unter ihnen ein Szeneanwalt.

Ein Angeklagter (M) wird von der Polizei in den Verhandlungssaal geführt

Die rechtsextremen „Turonen“, benannt nach einem germanischen Stamm, machen es der Justiz leicht Foto: Bodo Schackow/dpa

ERFURT taz | Da also sitzt Thomas W. wieder. Am Mittwoch wird der Hüne mit acht anderen Angeklagten in einen Saal der Messehalle Erfurt geführt, den das Landgericht wegen des Großprozesses eigens organisierte. Schon vor einem Jahr wurde der 46-Jährige hier mit acht anderen Rechts­extremen wegen eines brutalen Angriffs auf eine Kirmesgesellschaft in Ballstädt verurteilt, bei der es damals zehn teils Schwerverletzte gab. Nun ist er wieder angeklagt. Diesmal als Chef der „Turonen“, einer Thüringer Neonazibande, die sich zuletzt ein neues Spielfeld suchte: das Drogengeschäft.

In Handschellen betreten Thomas W. und die meisten anderen Angeklagten den Saal. Sechs Männer und drei Frauen sind es, eine davon die Lebensgefährtin von Thomas W., eine andere die Cousine. Thomas W. hat eine kleine 20 ins Gesicht tätowiert, für den 20. Buchstaben im Alphabet, das T. für „Turonen“. Er wirkt gelassen.

Andere Mitangeklagte dagegen verbergen ihre Gesichter, wirken angespannt. Zu Letzteren gehört ein besonderer Angeklagter: der Szene­anwalt Dirk Waldschmidt, der für die Geldwäsche zuständig gewesen sein soll. Der Hesse wurde als NPD-Funktionär bekannt und weil er kurzzeitig den Lübcke-Mörder Stephan Ernst vertrat.

Kopf der Turonen aber war Thomas W. Seit seiner Jugend gehört er zur rechtsextremen Szene, wurde mehrfach verurteilt. 2015 gründete er die Turonen, mit Clubhaus im Dorf Ballstädt, wo er selbst wohnte. Wie Rocker traten sie in schwarzen Kutten auf, mit Pflichttreffen, Schweigekodex und der „Garde 20“ als Unterstützertrupp. Zunächst organisierten sie Rechtsrockkonzerte, darunter das bislang größte auf deutschem Boden mit 6.000 Neonazis 2017 in Themar.

Drogen bei der Oma versteckt

Laut Anklage sollen sich die Turonen ab Herbst 2019 dann auch dem Drogenhandel gewidmet haben, abermals organisiert von Thomas W. Die Drogen – Kokain, Crystal, Ecstasy, Cannabis – soll er vom ebenfalls angeklagten Aachener Peter-Timm M. erworben und in Thüringen an Kuriere verteilt haben. Kommuniziert wurde über Kryptohandys. Thomas W.s Cousine soll die Drogen gelagert haben, auch bei ihrer Mutter oder Großmutter. Seine Lebensgefährtin soll die Gelder eingetrieben haben, auch mit der Androhung von Schlägern. In 198 Fällen soll die Gruppe so Drogen verkauft und einen Gewinn von gut 800.000 Euro gemacht haben.

Und es blieb nicht dabei. In Gotha betrieben die Turonen ein zweites Clubhaus, in dem Ermittler Hakenkreuze und eine Hitlerbüste fanden. Auch ein Bordell, „Die blaue Lagune“, wurde eröffnet, für ein zweites war bereits eine Immobilie erworben. Laut Anklage wurde in einem Fall eine Frau auch zur Zwangsprostitution wegen angeblicher Schulden gezwungen – die Cousine von Thomas W. hütete derweil deren Kleinkind.

Geldwäschevorwürfe gegen Szeneanwalt

Eine besondere Rolle kam offenbar Szeneanwalt Waldschmidt zu. Er soll als „Ehren-Turone“ die Drogengelder über eine eigens auf den Namen seiner Frau gegründeten Immobilienfirma „gewaschen“ haben. Dafür ließ er laut Anklage Drogengelder unter anderem auf das Konto seines minderjährigen Sohnes überwiesen. In der Immobilienfirma stellte der 57-Jährige dann mehrere Turonen als angebliche Facility-Manager oder Büromitarbeiter ein und zahlte ihnen monatliche Gehälter – ohne dass diese dafür laut Anklage je gearbeitet hätten. Zudem soll Waldschmidt für die Gruppe Immobilien erworben und Festgenommene gedrängt haben, keine Aussagen gegen die Turonen zu machen. In einem Fall soll er auch ein Schweigegeld angeboten haben.

Über eine zufällig abgefangene Drogenfahrt und abgehörte Telefonate gelang es Ermittlern schließlich, die Gruppe im Februar 2021 hochzunehmen. Bei der Verhaftung von Thomas W. fanden sie damals eine Schrotflinte, bei Waldschmidt einen Taser, bei anderen Schreckschusswaffen, Messer oder Drogen.

Im Erfurter Prozess listet die Staatsanwaltschaft am Mittwoch über Stunden diese Vorwürfe auf. Und sie betont: Die Einnahmen hätten auch politischen Zwicken gedient, um die Existenz der Turonen zu „verfestigen“. Zudem wurde auch der Thüringer NSU-Waffenbeschaffer Ralf Wohlleben unterstützt. Auch er war bei Waldschmidts Firma scheinangestellt, erhielt zehn Monate lang je 450 Euro.

Die Angeklagten schweigen

Der Fall Turonen zeigt, wie sehr Teile der Szene heute mit der organisierten Kriminalität verquickt sind. Verhandelt werden soll darüber noch bis Dezember. Die Beweisaufnahme könnte zäh werden: Alle neun Angeklagten erklärten am Mittwoch, keine Aussage machen zu wollen – ganz im Sinne der Schweigepflicht der Turonen.

Die nicht festgenommenen Turonen machten derweil zuletzt offenbar weiter. Erst vor zwei Wochen rückte die Polizei erneut zu einem Großeinsatz aus, um sieben weitere Beschuldigte festzunehmen. Die Vorwürfe auch hier: Drogengeschäfte und Geldwäsche. Und gefunden wurden erneut scharfe Waffen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de