Prozess in New York nach US-Angriff: Nicolás Maduro beteuert seine Unschuld
Der entführte Präsident Venezuelas wies die Anklage der USA vor Gericht zurück. Vor dem Gebäude tummelten sich Unterstützer und Kritiker Maduros.
Ariana Torres hat feuchte Augen und ein Beben in der Stimme, als sie zum Sprechen anhebt. „Endlich, endlich bekommen wir Gerechtigkeit“, sagt sie, fast brüllend, um die Sprechchöre um sie herum zu übertönen. Hinter ihr steht auf der kleinen Anhöhe eines Spielplatzes an der Worth Street im südlichen Manhattan eine gute Hundertschaft Venezolaner, teils in ihre Landesfahne gehüllt, und skandiert „Jodete Maduro“ – Fick Dich Maduro.
Die Worth Street führt am Eingang des US-Bundesgerichts von New York vorbei, durch den eine Stunde zuvor der entführte venezolanische Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores zu ihrer Anklageverkündung geführt wurden. Sie trugen einen khakifarbenen US-Gefängnisanzug, darüber ein blaues amerikanisches Militär-T-Shirt. Wie auf allen Fotos seit seiner Verhaftung zeigte der Diktator der Menge ein selbstgewisses Grinsen.
Ebenso trotzig gab sich Maduro im Gerichtssaal, während Richter Alvin Hellerstein die Anklagepunkte gegen ihn verlas: Verschwörung zur illegalen Einführung von Kokain sowie Besitz von Maschinengewehren und „zerstörerischen Gerätschaften“. Maduro plädierte auf „unschuldig“ und bekräftigte, er sei noch immer der Staatschef von Venezuela sowie ein „anständiger Mensch“, bevor der Richter ihm das Wort entzog.
Draußen auf der Worth Street versammelten sich derweil immer mehr Venezolaner, um die Befreiung ihres Landes von Maduro zu feiern. Auf ihren Schildern standen Dinge wie „Gutes Neues Jahr Maduro“ und „Gerechtigkeit für Venezuela“. Auf einem großen Plakat waren Dutzende von Opfern von Maduros Regime abgebildet.
Pro- und Anti-Maduro-Proteste
„Sie müssen verstehen, was dieser Moment für uns bedeutet“, sagt Ariana Torres. „Wir haben seit mehr als 25 Jahren gelitten, seit Chávez an die Macht kam.“ Sie habe nicht für Trump gestimmt, sagt Torres, die aus Caracas stammt, aber mittlerweile die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. „Aber es geht hier nicht um Republikaner oder Demokraten. Dies ist ein freudiger Tag für die Menschheit.“
Das venezolanische Freudenfest bestimmt an diesem grauen Januartag die Szene vor dem New Yorker Gericht. Die Gruppen, die gegen Trumps Intervention angetreten sind, sind um die laut feiernden Venezolaner herum versprengt. Ein Banner ist zu sehen mit der Aufschrift „Das faschistische Trump-Regime muss weg.“ Doch es geht in einem Meer von gelb-blau-roten Fahnen unter.
Pro-Maduro-Demonstrant in New York
Keine zwei Meter von Ariana entfernt steht der langbärtige Forrest Happel, der ein kleines Schild mit „Freiheit für Maduro“ mitgebracht hat. „Das ist eine faschistische Attacke auf ein souveränes Land“, sagt er. „Das ist der Beginn des Zusammenbruchs der Weltordnung und des internationalen Rechts.“
Sein Nebenmann, ein junger Afroamerikaner, der zufällig hier vorbeilief und im Gedränge stecken blieb, wagt es jedoch, die moralische Klarheit von Happel zu trüben. „Ich weiß nicht, Mann, Maduro war ein Tyrann. Natürlich sind die Anklagepunkte Bullshit. Aber er hätte es durchaus verdient, für Menschenrechtsverletzungen vor ein internationales Gericht gestellt zu werden.“
König Donald
Etwas abseits von dem Getümmel unmittelbar gegenüber des Gerichtseingangs stehen drei einsame Trump-Anhänger. Sie haben ein Banner mitgebracht, auf dem Donald Trump mit einer Krone abgebildet ist. „Wir sind neidisch auf Venezuela“, sagt George Hergis, ein leutseliger Mittfünfziger mit einer roten MAGA-Kappe. „Sie haben jetzt Trump als König, so wie es hier auch sein sollte. Wir wollen wieder frei sein, wie unter George V“ – dem englischen König zur Zeit der amerikanischen Revolution 1776.
„Aber ganz im Ernst“, fährt er fort. „Es geht doch gar nicht um Venezuela.“ Hergis ist sich ganz sicher, dass es längst einen Deal zwischen Maduro und Trump gibt, um an die wahren Hintermänner des massiven Drogenimports in die USA zu kommen. Und die sitzen seiner Meinung nach in Mexiko. „Und dann können wir endlich den lange fälligen Krieg gegen Mexiko erklären.“
Ein paar Schritte weiter, an der Kreuzung zur Centre Street, steht an jeder Ecke ein fliegender Straßenhändler, der venezolanische Schals und Fahnen verkauft. Für sie hat sich der Tag jetzt schon gelohnt. Gegenüber, am Foley Square, sind eine Handvoll TV-Kameras aufgebaut, dahinter verläuft sich der Rummel. Es scheint ein ganz normaler Tag auf den Straßen von Manhattan zu sein. Auch, wenn sich möglicherweise gerade die Weltordnung ändert.
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