Proteste in Iran: Hinsehen, zumindest das
Die Iraner*innen wollen Licht und sie wollen Freiheit. Was kann ich am Bildschirm tun, um ihnen zu helfen?
W as ist das für ein Fenster, durch das ich schaue und nur diese Spannung sehe, die in der Luft liegt? Als könne man Spannung an etwas erkennen. An der Dunkelheit, am Feuer, an den Menschen, die rennen, an den Menschen, die zusammengeschlagen werden, an den Menschen, die in Gewehrläufe schauen. Und erschossen werden. Männer, Frauen, Kinder. Schon wieder. In Iran. Wie vor sieben Jahren 2019. Wie vor vier Jahren 2022.
Mein Fenster ist bildschirmgroß. Dahinter Leere. Dahinter Angst. Dahinter Hoffnung. Dahinter Verzweiflung, die Menschen auf die Straße treibt. In Iran, dem Land, das so wunderschön sein soll, mit einer Hochkultur, wären da nicht die klerikalen Terroristen, die die Macht an sich gerissen haben und sich daran klammern, als sei es ihr Besitz. Sie zerstören das Land und die Menschen. Kleriker, denen eine blutige Gotteshand Legitimation ist für Gier, Grausamkeit und die Unterdrückung von Frauen. Letztere wollen sie zum Schatten ihrer selbst machen. Die Kleriker hetzen ihre Schergen auf alles, was nach dem Fadenende von Lebensfreude und Freiheit greift.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Jetzt hänge ich wieder am Bildschirm, diesem Fenster, und spüre nicht nur den Mut der Leute, die Licht wollen und Freiheit, ich spüre auch die Machtlosigkeit, die sie antreibt. Ihre Machtlosigkeit spiegelt meine. Was kann ich tun? Geld spenden? Wohin? Muslime weltweit auffordern, die Mullahs zur Verantwortung zu ziehen aufgrund des Missbrauchs ihrer Religion? Wie? Der unwilligen Regierung hierzulande schreiben, sie sollen das Regime in Iran endlich als Terrorregime brandmarken und die Wirtschaftsbeziehungen kappen? Und?
Nur bruchstückhaft werden noch Videos gesendet aus Iran, die Mullahs haben das Internet abgeschaltet. Aber selbst auf den wenigen Filmen, die rauskommen, ist die Anspannung zu spüren.
Die Instagram-Nutzerin hana.parvaz braucht fünf Sätze in weißen Lettern auf einem ansonsten schwarzen Bildschirm, unterlegt mit dem Sound der Demonstrationen, um all das zu zeigen, was geschieht.
„Listen.
Can you hear them?
These are the people of Iran.
Right now, they have no connection to the world.
Be their voice.“
Man muss in die Dunkelheit hineinhören, aber wie können wir die Stimme der Iranerinnen und Iraner sein, wenn wir nichts tun können, außer aus dem Fenster zu schauen?
Wer je auf einer Demonstration war, weiß, wie gut es tut, unter Gleichgesinnten eine Straße entlangzugehen und zu zeigen: Hier sind wir. Wir stehen für die Veränderung ein, die wir erstreben. Nicht nur ich will sie, andere wollen sie auch. In Iran will es fast das ganze Volk. Die schiere Menge gibt Hoffnung.
Und wer je auf einer Demonstration war und die brutale Gewalt von Polizisten erlebt hat, die zuschlagen, bis man das Bewusstsein verliert, von oben bis unten blau, weiß, wie furchtbar es sein kann. Ich kenne die Farbe an mir.
Wenn ich die Videos aus Iran auf dem Bildschirm sehe und nicht wegschauen kann, dann, weil ich den Willen der Menge spüre. Ihre Hoffnung. Und ihre Angst.
Ich bin nicht die einzige. Viele kleben derzeit am Bildschirm. Es ist das Einzige, was wir tun können. Hinsehen. In der Hoffnung, dass die Iraner*innen es dieses Mal schaffen, das Terrorregime zu stürzen. Dieses eine Mal.
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