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Proteste im IranIraner trotzen Repression

Auch nach zwei Wochen und massiver Gewalt gehen Iraner in Massen gegen das Mullah-Regime auf die Straße. Viele umgehen auch die Internetsperre.

Unklare Verhältnisse: Aufnahmen aus den sozialen Medien von Protesten am Samstag in Teheran Foto: Uncredited/UGC/ap/dpa

Obwohl Irans Regime alle verfügbaren Mittel eingesetzt hat, um die Proteste im Land zu unterdrücken, ist es ihr nicht gelungen, die Demonstrationen zu stoppen. Am Montag, 12. Januar, gehen die Menschen im ganzen Iran zum sechzehnten Mal in Folge gemeinsam auf die Straße und fordern den Rücktritt der Islamischen Republik, viele auch die Rückkehr von Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schah.

Offizielle Vertreter der Islamischen Republik, allen voran Oberster Führer Ali Chamenei und Präsident Massud Peseschkian, haben die Protestierenden als Feinde und Terroristen gebrandmarkt und gewarnt, dass die Demonstranten mit Konsequenzen zu rechnen hätten. Sie drohten den Protestierenden mit Mordanklagen und dem Tod, schalteten das Internet ab, störten sämtliche Kommunikationswege wie Telefonverbindungen und griffen Menschen auf den Straßen mit scharfer Munition sowie Blend- und Reizgasgranaten an. Viele wurden getötet.

Dennoch verbreiten die wenigen Personen im Iran, die Zugang zu Empfängern für Starlink haben, dem Satellitennetzwerk von Elon Musk, weiterhin zahlreiche Bilder, die große Menschenmengen auf den Straßen zeigen.

Es kursieren widersprüchliche Angaben zur Zahl der Todesopfer und zur Art der Gewalt. In einem Exklusivbericht beziffert BBC Persian die Zahl der Toten allein in zwei Krankenhäusern in Teheran und Rascht auf 110. Laut der Organisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo wurden mindestens 192 Menschen getötet. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer könnte höher liegen.

Mahtab Gholizadeh

Die Autorin war 2024 Stipendiatin des Refugium-Programms, das die taz Panter Stiftung seit 2015 ausrichtet.

„Nachts gehen immer mehr Menschen auf die Straße“

Dennoch weigern sich die iranischen Bürger, die Straßen zu verlassen. Auf den über das Internet geteilten Bildern sind ganze Familien zu sehen, Frauen und Männer, die gemeinsam mit ihren Kindern und älteren Angehörigen protestieren.

Die taz konnte mit mehreren Starlink-Nutzern sprechen. Obwohl diese Gespräche im Laufe der letzten 24 Stunden immer wieder unterbrochen und von massiven Verbindungsproblemen beeinträchtigt wurden, erfuhren wir, dass die Menschen über persischsprachige Satellitenfernsehsender wie Iran International, BBC Persian und Manoto schnell Nachrichten erhalten.

Es gebe ihnen Hoffnung, die Unterstützungsbekundungen des US-Präsidenten Donald Trump zu hören, sie erhielten regelmäßig Botschaften von Reza Pahlavi und beobachten die Lage in verschiedenen iranischen Städten aufmerksam.

Eine 20-jährige Iranerin berichtete der taz in einem Telegram-Chat: „Nachts gehen immer mehr Menschen auf die Straße – und die Hoffnung und Freude über die Proteste der Bewegung ‚Frau, Leben, Freiheit‘ ist viel stärker spürbar.“ Raha (ein Pseudonym) erklärte: „Morgens bleiben die Menschen zu Hause und gehen erst am späten Nachmittag auf die Straße.“

Sie lebt im Zentrum Teherans und betonte: „Ich selbst habe noch keine Schüsse mit scharfer Munition gesehen, aber ich weiß, dass die Islamische Republik nicht zögert, auf Demonstranten zu schießen. Angesichts der großen Menschenmengen ist diese Option den Behörden jedoch praktisch genommen.“

Sanam ist das Pseudonym einer weiteren jungen Demonstrantin. Die 37-Jährige hat über Instagram Kontakt zu uns aufgenommen. Sie sagt: „Wir hoffen auf internationale Hilfe. Wenn die Vereinigten Staaten nicht bald eingreifen, werden wir verlieren – und diesmal werden wir die Verzweiflung nach einem gescheiterten Protest nicht verkraften.“

Sie hat persönlich Schüsse und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften miterlebt: „Ich sah, wie ein Basij-Mitglied seine Waffe direkt auf uns richtete. Die Kugel traf den Mann neben mir. Ich sah, wie Blut aus seinem Mund strömte. Keiner von uns wusste, was wir tun sollten. Wir hatten Steine – und wir wussten nicht einmal, wie man sie richtig wirft. Sie hatten Gewehre – und keine Hemmungen, abzudrücken.“

Sanam sagte gegenüber taz: „Als wir das Blut auf der Straße sahen, verstummten wir keineswegs. Wir begannen zu skandieren und schafften es, die Basij-Truppen zu vertreiben.“

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Berichts veröffentlichte das unabhängige Online-Medium Vahid Online ein siebenminütiges Video, das zahlreiche Leichen im gerichtsmedizinischen Zentrum Kahrizak nahe Teheran zeigt. Die Aufnahmen dokumentieren die Opfer des 8. Januar, deren Leichen in die Einrichtung gebracht wurden.

Zu Beginn des Videos sind Fotos zahlreicher Leichen auf einem Monitor zu sehen, während Angehörige versuchen, sich die Identifikationsnummern ihrer Verwandten einzuprägen, um diese wiederzufinden. Ein weiterer Teil des Videos zeigt unzählige Leichen, die im Hof des gerichtsmedizinischen Zentrums liegen. Jede Familie steht neben ihrem Angehörigen und trauert. Der Absender des Videos sagte: „Sie bringen die Leichen auf Pick-ups und fordern die Leute auf, unter ihnen nach ihren Angehörigen zu suchen.“ Dieses extrem verstörende Video verbreitete sich rasend schnell auf Twitter.

Die Autorin war 2024 Stipendiatin des Auszeit-Programms Rest and Resilience, das die taz Panter Stiftung jährlich ausrichtet.

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