Protest gegen Kühne + Nagel-Neubau

„Peinlich und respektlos“

Die Logistikfirma Kühne + Nagel feiert Richtfest am Neubau des Bremer Stammsitzes an der Domsheide. AktivistInnen protestierten mit einem 30-Meter-Transparent.

An einem Neubau hängt ein Transparent mit der Aufschrift "Auf Raub gebaut".

Vorwurf der Mittäterschaft an NS-Verbrechen: Transparent am Neubau von Kühne + Nagel Foto: privat

taz: Frau Schmidt, was erwarten Sie von Kühne + Nagel?

Melanie Schmidt*: Das Unternehmen erkennt bis heute nicht seine Verantwortung an: Kühne + Nagel war während der NS-Zeit Hauptakteur und Hauptprofiteur der sogenannten „Arisierung“ jüdischen Eigentums. Es geht darum, dass das Unternehmen diese Rolle nicht mehr leugnet und seine Firmenarchive öffnet – auch damit die Gesellschaft analysieren kann, was stattgefunden hat, und damit verhindert werden kann, dass so etwas jemals wieder passiert.

Sie habe am Sonntag mit anderen Aktivist*innen ein Banner am Neubau der Firma an der Domsheide angebracht, mit den Worten: „Auf Raub gebaut“. Wie meinen Sie das?

Anlass ist das heutige Richtfest des Neubaus. Wir wollten das nicht unkommentiert lassen. Kühne + Nagel ist der drittgrößte Logistikkonzern der Welt, macht Umsatz in Milliardenhöhe und Gewinnen im dreistelligen Millionenbereich. All das basiert auf der Mittäterschaft an NS-Verbrechen. Die Firma hat maßgeblich zur „M-Aktion“ beigetragen, bei der jüdisches Eigentum abtransportiert und verwertet wurde. Sie wurde mehrfach als NS-Musterbetrieb ausgezeichnet.

Der Konzern hat lange Zeit erklärt, es sei „unklar“, ob die Durchführung von Möbeltransporten wissentlich und willentlich geschah.

Eine Ausrede! Im April 1933 wurde Adolf Maass als jüdischer Miteigentümer aus dem Unternehmen gedrängt, wenige Tage später trat Alfred Kühne, der Vater von Klaus-Michael Kühne, in die NSDAP ein. Das war auch schon früher klar. Aber diese Aufarbeitung ist zivilgesellschaftlichen Akteuren, unermüdlich recherchierenden Wissenschaftler*innen und Journalist*innen zu verdanken. Das Unternehmen hat das kein bisschen unterstützt.

Wie viele Leute stehen hinter Ihrer Aktion?

Zumindest so viel ist klar: Mit einer Person kann man kein 30 Meter großes Transparent aufhängen.

Im Oktober 2018 hat die Bremer Kulturdeputation Geld für ein „Arisierungs“-Mahnmal bewilligt.

An der Schlachte, unweit des Stammsitzes von Kühne + Nagel, soll es entstehen – nicht aber am ursprünglich geplanten Ort, direkt am Firmenneubau.

Das Mahnmal geht auf eine Initiative der taz zurück, deren LeserInnen und GenossInnen seit 2015 über 27.000 Euro dafür spendeten. Mehr Infos unter: www.taz.de/denkmal

Zuletzt wurden im alten Kühne + Nagel-Gebäude die Fenster mit Zahlen von „Arisierungs“-Transporten bemalt. Stecken Sie auch da dahinter?

Das ist nicht relevant. Wichtig ist, dass wir nicht die einzigen sind und es weder die erste noch die letzte Aktion ist, die das Unternehmen an seine Verantwortung erinnert. Das Engagement der Zivilgesellschaft ist in Bremen groß.

Zwar nicht direkt bei Kühne + Nagel, aber doch in der Nähe des Neubaus an der Schlachte soll nun das Mahnmal entstehen, das an die „Arisierungs“-Gewinne erinnert. Was halten Sie von diesem Kompromiss?

Der richtige Standort wäre direkt bei Kühne + Nagel.

Der Platz ist jetzt zugebaut.

Dort wäre immer noch Platz. Das Problem ist: Man will es nicht.

Sie meinen, es ist politisch nicht durchzusetzen, Kühne + Nagel ein Mahnmal vors Haus zu setzten?

Es ist ganz klar, dass es nur auf Druck von Kühne + Nagel nicht direkt am Neubau entstehen soll. Und das ist ein Unding.

*heißt eigentlich anders. Sie war am Sonntag bei einer Aktion am Neubau des Stammsitzes der Logistikfirma Kühne + Nagel beteiligt. Mit dem Transparent mit den Worten „Auf Raub gebaut“ wurde dabei an die NS-Profite der Firma erinnert. Die Polizei nahm Personalien auf, ermittelt derzeit aber nicht.

Unter anderem der Verband der Bremer Spediteure – in dem auch Kühne + Nagel ist – will sich ja nun an den Kosten des Mahnmals beteiligen.

Das behaupten sie. Aber es braucht eine feste Zusage – auch von Kühne + Nagel. Es ist peinlich und respektlos, dass das bis heute noch nicht passiert ist. Aber es darf auch kein Rauskaufen sein, sondern ist nur ein Bestandteil der Verantwortungsübernahme.

Meinen Sie, Ihre Transpi-Aktion hilft da weiter?

Ja. Ich glaube, es ist wichtig, immer wieder daran zu erinnern. Was ist die Alternative? Dass sie sich mit ihrem Neubau ablichten lassen können, ohne Erinnerung daran, auf was der Erfolg basiert? Das kann es nicht sein. Wenn es nicht vom Unternehmen kommt, muss die Zivilgesellschaft die Verantwortung übernehmen.

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