Propaganda in russischen Schulen: Schwere Kost
In der Doku „Ein Nobody gegen Putin“ filmt ein Pädagoge den Alltag in einer russischen Schule. Er zeichnet ein düsteres Bild der Propaganda-Maschine.
„Kriege werden nicht von Feldherren gewonnen, sondern von Lehrern an den Schulen.“ Das sagt Russlands Präsident Wladimir Putin im hauseigenen Staatsfernsehen. Zu diesem Zeitpunkt tobt sein vollumfänglicher Angriffskrieg gegen die Ukraine, der „spezielle Militäroperation“ (SWO) heißt, schon mehrere Monate: Angriffe mit Raketen und Drohnen, bevorzugt auch auf Wohnviertel, wehrlose Zivilist*innen und die kritische Infrastruktur, um das Nachbarland zu „denazifizieren“, wie das Narrativ des Kreml lautet. Denn dort treibt angeblich „eine faschistische Junta“ ihr Unwesen.
Einer, der ganz genau weiß, was die sogenannte SWO bedeutet und was sie mit ihm und seinen Schüler*innen macht, ist Pasha Talankin. Der junge Mann arbeitet als pädagogischer Projektleiter und Videograf an der Schule Nr. 1 in Karabasch, an der auch er einst seinen Abschluss gemacht hat.
Die 10.000-Einwohner*innen-Stadt im Uralgebirge gilt laut Unesco als „giftigster Ort der Welt“ – offizielle Zahlen von Erkrankten und Krebstoten zeugen davon. Den Alltag an dieser Schule, pars pro toto für Bildungseinrichtungen heutzutage in Russland, hält Talankin akribisch über Monate mit seiner Kamera fest. Das Ergebnis ist der Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“, den der Sender Arte am 20. Januar ausstrahlt. Der Beitrag ist, um es gleich vorwegzunehmen, schwere Kost.
„Ein Nobody gegen Putin“
90 Min, TV-Ausstrahlung am Dienstag, 20. Januar um 21:55 Uhr
Talankin ist ein Freigeist. Schon als Kind fühlt er sich als Außenseiter, oft einsam und irgendwie anders. In der Schule hat der Pädagoge seinen eigenen Klassenraum, ein „Pfeiler der Demokratie“, wie er ihn nennt. Dort sind alle jederzeit willkommen, um frei zu diskutieren, sich zu entfalten oder einfach nur Spaß zu haben.
Ein Anruf aus dem Ausland
Doch nach dem 24. Februar 2022 wird alles anders. Talankins Videos müssen an das Bildungsministerium geschickt werden, es gibt neue Pflichtstunden, seine Schützlinge müssen zu Fahnenappellen antreten und Schüler*innen der 11. Klasse den „Helden der SWO“ huldigen.
Talankin fühlt sich vom Regime für Propagandazwecke missbraucht und in einem System gefangen, das er glaubt, nicht ändern zu können. Ende 2022 reicht er seine Kündigung ein. Diese nimmt er wieder zurück – nach einem Anruf aus dem Ausland mit der Bitte um mehr Material, um dieses öffentlich zu machen. Fortan filmt er auch Pro-Kriegsdemonstrationen in seiner Stadt, die er liebt, aber sich ihr zusehends entfremdet.
In den Klassenzimmern werden Filme gezeigt, in einem sagt jemand: „Wir dürfen sie (die Ukrainer*innen, Anm. d. Red.) nicht aus Hass töten. Wir müssen sie aus Liebe zu unseren Kindern töten.“ Ein Geschichtslehrer namens Pawel Abdulmanow, der für seine pädagogischen „Höchstleistungen“ ausgezeichnet wird, diktiert den Schüler*innen in ihre Hefte: „Eine Nation, die ihre Geschichte vergisst, wird keine Zukunft haben.“
Talankins Kommentar dazu lautet: „Vielleicht liebe ich Russland mehr als er. Vaterlandsliebe bedeutet nicht, eine Flagge zu hissen oder die Hymne zu singen. Sie bedeutet zu sagen, dass es Probleme gibt und man darüber spricht.“
Handgranaten-Weitwurf im Trainingslager
Von wegen. Die Luft zum Atmen wird für Talankin immer dünner. Ehemalige Schüler von ihm werden mobilisiert, einige kommen als Leichen zurück. Auch sein ehemaliger Klassenkamerad Artem fällt im „heldenhaften Kampf gegen die faschistische Ukraine“. Von der Beerdigung im Mai 2024 macht Talankin nur Tonaufnahmen – aus Sicherheitsgründen.
Diese Sequenz mit den verzweifelten Schreien von Artems Mutter ist eine der eindrücklichsten des Dokumentarfilms. Derweil unterweisen Angehörige der Wagner-Truppe Schüler*innen in Trainingslagern im Handgranaten-Weitwurf.
Zu diesem Zeitpunkt ist Talankins Zeit in Karabasch schon abgelaufen. Seine Mutter, die in der Bibliothek der Schule Nr. 1 arbeitet, ahnt, was kommen wird. Als letzte „Amtshandlung“ verpflanzt er seinen Lieblingsbaum – als „Symbol für einen neuen Anfang“. Im Sommer 2024 verlässt Talankin Russland – schweren Herzens. Ach, gäbe es dort doch mehr Menschen wie ihn …
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