Projekt für geflüchtete Menschen: Ein zweites Leben in Regensburg

Mit Spenden renovierte der Verein Second Life ein Haus in Regensburg, um Geflüchteten ein Zuhause zu schaffen. Im März zogen die Ersten ein.

Karim, seine Frau und zwei Kinder auf dem Schoss

Karim und seine Familie haben endlich ein richtiges Zuhause Foto: Daniel Kempf-Seifried

REGENSBURG taz | Ein graues Haus am Regensburger Stadtrand, fast schon auffällig unscheinbare 60er-Jahre-Architektur. Anfang Februar stand es noch leer. Entmietet, damit das stadteigene Unternehmen Stadtbau es sozialverträglich sanieren könne. „Dann gab es genehmigungsrechtliche Probleme“, sagt Michael Buschheuer am Telefon. „Und das war unser großes Glück.“

Buschheuer ist Vorsitzender und Gründer der Vereine Sea Eye und Space Eye, die sich um Seenotrettung und Geflüchtetenhilfe kümmern. Es ist dem Einsatz von Space Eye zu verdanken, dass 22 Menschen, Familien aus Syrien und Afghanistan, aus den griechischen Elendslagern in die Regensburger Vitusstraße ziehen konnten. Ein Netzwerk aus rund 100 Re­gens­bur­ge­r*in­nen hat das auf seinen Abriss wartende Haus auf Vordermann gebracht.

Ruth Aigner ist eine von ihnen. Sie führt durch das Haus. Buschheuer sagt, Aigner sei die entscheidende Person gewesen, die den Impuls für das Projekt Second Life gab. Aigner selbst spricht lieber im Plural: „Als Seehofer groß angekündigt hat, Deutschland werde 50 Kinder aufnehmen, mussten wir schmunzeln: 50 schafft eine Stadt allein.“ Das ist das Versprechen, das Space Eye abgegeben hat. Von Anfang an habe man in der Sache ausschließlich Unterstützung erfahren, von der Regensburger Zivilgesellschaft und von allen Stadtratsparteien mit Ausnahme der AfD.

„In der Anfangsphase dachten einige, das scheitert doch eh“, erinnert sich Aigner. Aber warum sollte es? Hier ist der Platz, dort leben die Menschen im Dreck. Es könnte doch so einfach sein. Der Verein macht sich auf die Suche nach Wohnraum. WGs, die ein Zimmer übrig haben, kleine Apartments sind leicht zu finden. Aber wenig, wo eine ganze Familie unterkommen könnte.

Renovierung „von der Socke bis zum Löffel“

In dieser Phase kommt Space Eye das Netzwerk zugute. Auch der neue Chef der Stadtbau, Götz Keßler, findet Second Life unterstützenswert – und hat eine Immobilie, die wahrscheinlich noch ein bis zwei Jahre leer stehen würde.

Im Oktober bekommt der Verein die Zusage für die Vitusstraße. Das Haus ist zu diesem Zeitpunkt nicht in einem bezugsfertigen Zustand. „Das Einzige, was gut funktioniert hat, war die Heizung“, sagt Aigner, „aber das ist ja schon mal viel wert.“ Das Haus muss ehrenamtlich renoviert werden: Streichen, neue Böden, neue Wasserleitungen, dann Küchen und Möbel organisieren und acht Wohnungen einrichten: „Von der Socke bis zum Löffel“, wie Buschheuer sagt.

Parallel wendet sich die Stadt an das Bundesinnenministerium, um die Bereitschaft zu signalisieren. Noch ist gar nicht klar, ob die Bürokratie zulässt, dass hier tatsächlich Menschen einziehen.

Man kann sich die Haushalte vorstellen, aus denen die Möbel kommen. Ein Sofa aus enzianblauem Leder, der massive Couchtisch aus dunklem Holz: Nach all den Jahren hat sich in Regensburg irgendjemand gesagt: Weg mit dem ollen Zeug. Anstatt die Möbel zum Wertstoffhof zu fahren, hat man sie in die Vitusstraße gebracht.

Die Deko fehlt noch

Gerade flirrte noch Musik durch die Räume. Jetzt sitzt Karim (Name geändert) auf dem zur Couch passenden, ebenso blauen Sessel. Im Hochsitz gegenüber: seine fröhlich strampelnde, acht Monate alte Tochter. Vor einer Woche ist die Familie hier angekommen. Die Wohnung ist mit den Resten anderer Leute eingerichtet, halbwegs spärlich, noch nicht dekoriert – und es ist der Familie anzusehen, wie glücklich sie sind, hier sein zu dürfen. „Es ist genau das, was wir gebraucht haben“, sagt er und strahlt.

Der 30-Jährige will gerne erzählen, doch sein Englisch ist bruchstückhaft. Ruth Aigner ruft schnell einen Bekannten in Berlin an, ebenfalls ein Syrer. Mit dem Dolmetscher funktioniert es halbwegs, die Geschichte von Karim und seiner Familie zusammenzusetzen.

Karim stammt aus Deir al-Sor, einer Stadt im Osten des Landes. Drei Jahre lang hat er Tiermedizin studiert, bis der Krieg losging. Um sich der Einberufung in Assads Armee zu entziehen, flieht er aufs Land. Deir al-Sor ist ab 2014 unter der Kon­trolle des IS, der vom Irak her ins Land einfällt. Terrormilizen, Regierungstruppen und die Freie Syrische Armee treffen hier aufeinander, eine Bombe trifft Karims Fakultät.

„Wir haben gesehen, wie unsere Heimat vor unseren Augen zerstört wurde, wie Menschen vor unseren Augen getötet wurden“, erzählt er. Es werde lange dauern, bis Syrien wieder zu einer Normalität zurückkehren könne. Mindestens 40 Jahre, glaubt er.

Ein pragmatischer Ansatz

Als die Familie Syrien verlässt, ist Karims erste Tochter wenige Monate alt. Er habe sein Land verlassen müssen, um sie an einen sicheren Ort zu bringen. Die Familie kommt zuerst nach Moria. Im Lager teilen sie das Zelt mit vier weiteren Familien. Die Zustände dort seien chaotisch, sagt er, ständig geraten Menschen aneinander. Essen für ein Kleinkind gebe es nicht. „Niemand von uns hätte gedacht, dass Griechenland so schlimm sein würde.“

Nach zwei Monaten wird die Familie aufs Festland verlegt. Das zweite Camp, Malakasa, nahe Athen, sei „slightly better“ gewesen. Sie haben einen privaten Raum für sich, ein Zimmer in einem Container, wenn auch nur 12 m² groß, immerhin. Hier sollen sie ausharren. Karim will weiter, nach Deutschland. Er versteht nicht, warum die griechischen Behörden das verhindern, warum sie ihm sagen, sie müssten bleiben, obwohl ihre Lager offensichtlich überfüllt sind.

Durch die Verlegung ist die Familie auch dem Feuer entgangen, das im September 2020 in Moria wütet. Sie erfahren über die sozialen Medien davon. Space Eye in Regensburg ruft die Menschen sofort zum Spenden auf. Geld, ja, aber auch: Hilfsgüter aller Art, vom Schlafsack bis zu Hygieneartikeln. Der Transport von Dingen, die gebraucht werden, gehört zu den wichtigsten Instrumenten der NGO. Es ist der pragmatischste denkbare Ansatz: Kofferraum voll und da hinfahren. Wobei Kofferräume längst nicht mehr ausreichen, an die 400 Tonnen Güter seien von Space Eye inzwischen transportiert worden.

Der pragmatische Ansatz charakterisiert Space Eye und Sea Eye von Anfang an. Als Buschheuer 2015 von ertrinkenden Menschen im Mittelmeer liest, kann er es nicht glauben. Es passt nicht in sein Weltbild. Er hat Maler und Lackierer gelernt und führt ein Unternehmen für Korrosionsschutz, solidester Oberpfälzer Mittelstand. Ein Migrationsexperte sei er nicht gewesen, nur ein Handwerker. Und: ein Segler. Buschheuer besitzt ein kleines, wie er sagt, „gammliges“ Boot. „Ich musste mir eingestehen“, sagt er, „dass ich in der Lage wäre, etwas zu tun. Dass ich keinen Deut besser wäre, wenn ich jetzt nichts tue.“

Zermürbendes Warten

Während Buschheuer bereits in dem kleinen Segelboot sitzt und die italienische Adria gen Süden fährt, laufen in Deutschland die bürokratischen Prozesse der Vereinsgründung. Und Buschheuer ist im Nachhinein froh, sagt er, dass sich in dem Verein Menschen engagiert hätten, die weitaus erfahrener seien als er. „Die haben gesagt: Das wird ein Desaster. Entweder haben wir ein Schiff oder das wird nix. Also habe ich ein Schiff besorgt.“ Der Verein läuft in dieser Zeit auf seine Kosten. „Die Werft konnten wir noch bezahlen, zum Tanken hat’s nicht mehr gereicht.“

Inzwischen hat die NGO nach eigenen Angaben mit diversen Schiffen über 12.000 Menschen aus Seenot gerettet. „Was wir anpacken“, sagt Buschheuer, „wird durchgezogen. Wenn wir sagen, wir schicken ein Schiff zur See, dann fährt das Schiff.“ Menschen, die so reden, können den Eindruck erwecken, ein bisschen zu überzeugt zu sein von der eigenen Kraft. Er will das Gegenteil: glaubhaft machen, dass es nicht um ihn geht, sondern um die Menschen an Europas Grenzen. Er ist überzeugt: Die breite Masse will einfach helfen.

Als Buschheuer das Haus in der Vitusstraße das erste Mal betrat, wusste er: Das ist nahezu perfekt. Gerade auch weil es nicht im Villenviertel steht und keine Stuckdecken aufweist. „Niemand muss hier gleich wie ein Kaiser leben“, sagt er. Das sei wichtig für die gesellschaftliche Akzeptanz. Hürden habe er ab dem Moment keine mehr gesehen – nur das monatelange Warten auf die Menschen sei zermürbend gewesen. „Und man weiß genau, irgendwo bei Athen lebt eine Familie im Dreck wie die Ratten. Und hier gibt es eine Wohnung und Menschen, die auf sie warten.“

Die Zusage kommt letztlich aus dem Büro der Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD). Dann dauert es noch einmal Wochen und Monate, bis die ersten Geflüchteten tatsächlich in Frankfurt landen. „Hinter die Kulissen können wir nicht gucken“, sagt Buschheuer. „Wir bekommen eine Ansage, und drei Tage später sind die Menschen hier.“

Die Ersten erreichen Regensburg am 1. März, Karim und seine Familie kommen am 11. März. Karim habe die Hoffnung, in Deutschland sein Studium fortsetzen zu können. Wenn er die Sprache gut genug beherrsche. Wenn nicht, sei er ja noch jung: „Mache ich eine Ausbildung“. Ausbildung, das Wort sagt er auf Deutsch.

Im Haus in der Vitusstraße ist noch Platz. Kurzer Blick in die oberste Wohnung: Die Farb­eimer stehen schon bereit, es muss noch gestrichen werden. „Wir lassen jetzt die 22 ihre ersten Schritte machen“, sagt Michael Buschheuer. „Dann schauen wir weiter. Das Versprechen der 50 gilt. Uns ist vor den nächsten 28 nicht bange.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de