Premiere in der Berliner Staatsoper

Die Verschwörung in den Noten

Shakespeare im Reihenhaus: David Bösch hat „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Otto Nicolai an der Staatsoper in Berlin neu inszeniert.

Zwei Männer in Bademänteln auf einer vollgerümpelten Bühne

Große Opernkunst: René Pape mit hängendem Theaterwanst ist Falstaff, Michael Volle ist Herr Fluth Foto: Monika Rittershaus

BERLIN taz | Vor nunmehr 170 Jahren schien Otto Nicolai am Ziel seiner Wünsche zu sein. Er dirigierte Unter den Linden in Berlin die erste vollständige Aufführung seiner Oper, die er in Wien zu schreiben begonnen hatte. Als Dirigent von Beethovens Symphonien war er dort hoch angesehen. Man verzieh ihm dafür sogar seine offenkundige Liebe zum verpönten italienischen Belcanto, aber Nicolais eigene neue Oper wollte der Intendant der Wiener Hofoper nun doch nicht haben. Nicolai kündigte umgehend als Kapellmeister und kehrte nach Berlin zurück.

Die Märzrevolution von 1848 hatte zwar auch hier um sich gegriffen, aber der kunstsinnige Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. wollte den Musiker unbedingt an seiner Hofoper haben. 1849 war die alte Ordnung wieder so weit hergestellt, dass die Uraufführung einer deutschen Komödie nach der Vorlage von Shakespeares „The Merry Wives of Windsor“ stattfinden konnte.

Sie war ein Erfolg. Zwei Monate danach erlitt Nicolai einen Schlaganfall und verstarb. Er ist nur 39 Jahre alt geworden und überlebt hat ihn nur dieses eine Werk, das er „komisch-phantastische Oper“ nannte.

Rache der Hausfrauen

„Die lustigen Weiber von Windsor“ wieder 5./9./11./13. und 19. 10. in der Staatsoper

Am Donnerstag, 3. Oktober, hat ihm in Berlin die Staatsoper, wie der Ort der Uraufführung heute heißt, ein Denkmal gesetzt. Das ist dringend nötig. Allgemein bekannt sind Nicolais „Lustige Weiber“ zwar dem Namen nach, Aufführungen jedoch sind selten. Daniel Barenboim und David Bösch haben den Staub weggefegt und stellen ein absolutes Meisterwerk vor, dem das Alter nichts anhaben kann. Nicolai übersetzt Shakespeare so vollendet in seine musikalische Sprache, dass die Komödie um den einsamen Säufer Falstaff und die Rache der Hausfrauen ihre ganze, melancholische Tiefe entfalten kann.

Es beginnt schon mit der Ouvertüre – Barenboim lässt seine Staatskapelle sanft hineingleiten in eine Zauberwelt musikalischer Vielfalt. Traditionen verschränken sich, Haydn, Beethoven klingen nach, Bellini auch, mal verträumt, dann dramatisch. Alles glaubt man schon gehört zu haben, nur noch nie so und noch nie so elegant und leicht.

Verdienter Applaus im Saal, der Vorhang geht hoch und jetzt ist wirklich alles genau so, wie wir es bis zum Überdruss kennen. Zwei einstöckige Fertighäuser aus dem billigsten Baumarkt stehen auf der Bühne, Wäschespinnen und Grillrost im Vorgarten. Mandy Fredrich (aus Rädigke im Fläming) hat im Morgenmantel die Post aus dem Briefkasten geholt: ein Liebesbrief von Sir John Falstaff an Frau Fluth. Sie singt ihn vor, auf einem einzigen Ton.

Dann legt sie los, singendes Schauspiel einer ganz gewöhnlichen Hausfrau in der Vorstadt, der es jetzt einfach mal reicht mit diesen Männern, den eigenen eingeschlossen. Michaela Schuster (aus Fürth), die Nachbarin, hat auch einen Brief bekommen. Von Sir John Falstaff an Frau Reich. Sie steckt sich eine Zigarette an. Nicolai hat Shakes­peares Verschwörung den beiden so lebendig und realistisch in die Noten geschrieben, dass sie mit ihrer ganzen Kunst nicht nur singen, sondern auch herzlich lachend spielen können.

Plumps in den Plastikpool

Damit ist schon alles gewonnen. Zum Glück hat Bösch darauf verzichtet, die drastische Aktualisierung seines Bühnenbildners Patrick Bannwart mit Didaktik zu überfrachten. Er hat zwar die gesprochenen Passagen umgeschrieben, aber nur, um alltagstaugliche Zitate unterzubringen. Grönemeyers „Männer“ zum Beispiel. Gemeint ist René Pape mit langem Rockerhaar und überhängendem Theaterwanst. Sein Falstaff kommt aus der Suffkneipe nebenan und landet hinter den Reihenhäusern im vermüllten Plastikpool. Bei Shakespeare war es die Themse.

„Die lustigen Weiber von Windsor“ wieder 5./9./11./13. und 19. 10. in der Staatsoper in Berlin

Nicolai hat ihm ein Strophenlied über das Trinken geschenkt – wenn Pape es singt, wird es zur Klage über ein gescheitertes Leben. Nicht ergreifend, aber glaubwürdig wie immer bei Pape. Dann kommt auch noch Michael Volle dazu, der Herr Fluth, ein mordlustiger Wutbürger, der vor Eifersucht rast.

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Auch an der Staatsoper hat Volle letztes Jahr den Falstaff von Verdi gesungen. Er könnte mit Pape die Rollen tauschen und so wird Nicolais Duett der beiden Männer, die einander betrügen, zum Inbegriff all dessen, was man „große Oper“ nennen möchte. Das ist sie wirklich und vielleicht sogar näher bei Shakes­peare als in der Version von Arrigo Boito, die Verdi vertont hat. Verdi liebte den Fettsack als Rebellen, Nicolai nicht. Die Frauen sind es, die das Stück zu Ende bringen.

Auflösung ins Unwirkliche

Sie locken den Falstaff zu ihrem dritten Streich in den Wald. Die Fertighäuser weichen zur Seite für das teleskopische Bild des Mondes, der riesengroß mit seinen Kratern und Wüsten in die schwarze Nacht aufsteigt. Hier, im Anblick des Weltraums, finden vor allem Fenton und Anna, Shakespeares junges Paar, endlich zueinander. Pavol Breslik und Anna Prohaska hatten zuvor Mühe, mit Luftgitarre und Drogenbesteck ihre zum Klischee reduzierten Rollen zu füllen. Jetzt aber löst sich alles auf ins Überirdische und Unwirkliche. Alle tragen Masken. Ein Elfenchor singt die Sage eines mythischen Jägers.

Im Orchester flirrende und zirpende, auf der Bühne tanzende Mücken und Wespen piesacken den Falstaff, der hier gar nicht sein darf. Dann ist der Spuk vorbei, die Reihenhäuser kehren zurück. Aber auch sie sind keine Heimat mehr, jetzt sind sie nur noch trostlos. Die Frauen verzeihen den Männern, der Kampf gegen sie lohnt sich nicht mehr. Pape sitzt alleine auf dem Rand des Pools im Hinterhof. Es ist traurig. Es ist Shakes­peare. Und es ist Otto Nicolai. Wer hätte das gedacht? Die große Oper eines Meisters, der viel zu früh gestorben ist.

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