Preisträger Leipziger Buchmesse

Im Schwebezustand des Magischen

Ein schönes Signal: Der Lyriker Jan Wagner gewinnt den Belletristik-Preis in Leipzig. Philipp Ther siegt bei den Sachbüchern und Mirjam Pressler bei Übersetzungen.

Wertschätzung für Jan Wagner, der sich achtsam und mit Genuss unserer Sprache bemächtigt. Bild: dpa

Belletristik: Jan Wagner für „Regentonnenvariationen“

Es war eine Überraschung, dass der Lyriker Jan Wagner nominiert wurde. Dass er nun mit seinem Gedichtband „Regentonnenvariationen“ gewonnen hat, ist ein schönes Signal.

Die Dichter sind die Schamanen unter den Schriftstellern. Im Gedicht werden die Resonanzen der Worte ausgelotet, ihre Bedeutungen vermessen. Die Lyrik ist eine Orchidee, die umso fremder duftet, je schneller und mehr geschrieben, gedruckt und auf den Markt geworfen wird.

So war es schon eine Überraschung, dass Jan Wagner mit einem Lyrikband in die Liste der für den Preis der Leipziger Buchmesse Nominierten aufgenommen wurde. Dass er nun, als einer von fünf in der Kategorie Belletristik, den Preis erhalten hat, ist ein schönes Signal. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung für einen Autor, der sich achtsam und mit Genuss unserer Sprache bemächtigt.

Die Auszeichnung: Der Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 in den Kategorien „Belletristik“, „Sachbuch/Essayistik“ sowie „Übersetzung“ vergeben. Er ist mit je 15.000 Euro dotiert.

Die Jury: Hubert Winkels (DIE ZEIT / Deutschlandfunk), René Aguigah (Deutschlandradio Kultur), Dirk Knipphals (taz), Sandra Kegel (FAZ), Meike Feßmann (Freie Literaturkritikerin), Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung) und Daniela Strigl (Freie Literaturkritikerin).

Jan Wagner, 1971 in Hamburg geboren, hat acht Gedichtbände veröffentlicht. Die frühen sind beim Berlin Verlag erschienen, die späteren bei Hanser Berlin. Für sein Werk wurde er bereits 27-mal ausgezeichnet. Die Jury des Leipziger Buchpreises hat also nicht einen Außenseiter erwählt, um auch mal der Lyrik Aufmerksamkeit zu verschaffen. Jan Wagner wird geschätzt für seine „Lyrik voller Geistesgegenwart“, in der die Lust am Spiel mit der Sprache vor den strengen Formen nicht haltmache, wie es die Jury formulierte.

Das erste Gedicht der „Regentonnenvariationen“ widmet sich dem Giersch. Wird wohl eine Pflanze sein, mit „blüten, die so schwebend weiß sind, keusch wie ein tyrannentraum“.

Lyrik in Zeiten von Google bedeutet, dass kaum ein Wort, kaum ein Name lange in jenem Schwebezustand des Magischen verbleibt, der sich einstellt, wenn sich der Unwissende einem reinen Signifikanten aus Zeichen und Klang gegenübersieht. Der Giersch, sagt Wikipedia, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Ziegenfüßler. „schickt seine kassiber / durchs dunkel unterm rasen, unterm feld“, schreibt Jan Wagner über die untergründige Aktivität des Zipperleinskrauts, aus dem man auch Salat machen kann.

Die „Regentonnenvariationen“ erzählen vom Giersch, von Maulbeeren und Silberdisteln. Von Pferden, Eseln und Koalas, von Jaffa, Krynica Morska und Zanigrad, vom toten Großvater, von jungen Trinkern und von Kindern im Baum. Spannend wird es, wenn Pflanzen, Tiere, Menschen auf unerwartete Weise zusammentreffen wie das Weidenkätzchen in der Nase von Tante Mia, als sie noch ein Mädchen war. Auch über die Regentonne selbst wird gesprochen: „eine art ofen / im negativ; qualmte nicht, / schluckte die wolken.“

Jan Wagner ist ein Reisender in der Tradition der Romantiker, ein Wanderer, der die „kleinen“ Dinge vor sich sieht: „da war ein jetzt, und da war ein hier.“ Wagner betrachtet die Welt im Bewusstsein desjenigen, der nicht nur weiß, sondern sich darüber freut, dass diese Welt auch ohne ihn da ist und da sein wird.

Die Rhythmen seiner Gedichte sind vielfältig. Mal klassisch getaktet wie griechische Verse, mal improvisierend, aber nie ohne Form. Ruhig und stetig fließen die Sätze. Nachts und im Garten klingen sie am besten. ULRICH GUTMAIR

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Sachbuch: Philipp Ther „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“

Philipp Thers Buch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ ist eine Mischung aus Reportage und Analyse: über Europa seit 1989

Philipp Ther gewinnt in der Kategorie-Sachbuch. Bild: dpa

Abgesehen davon, dass keine einzige Autorin in der Kategorie Sachbuch nominiert war, gab es in diesem Jahr wenig bis nichts zu mäkeln an der Liste der nominierten Bücher.

Tatsächlich jedes der fünf Bücher hat ein Alleinstellungsmerkmal. Bei Philipp Thers Buch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ (Suhrkamp) aus dem letzten Herbst, dem der 11. Preis der Leipziger Buchmesse zugesprochen wurde, ist das die explizit gesamteuropäische Perspektive auf die Umbrüche seit 1989. Die Jury unter der Leitung von Hubert Winkels lobte das Buch des Wiener Professors für Osteuropäische Geschichte als ein Geschichtsbuch, das jeder, der die jüngsten Konflikte in Europa verstehen will, lesen sollte.

Das Buch ist eine Mischung aus Reportage und Analyse. Ther kommt immer wieder auf den konkreten Alltag der Leute zu sprechen und zeigt so, wovon die abstrakte Rede von Reformen und Umbrüche tatsächlich handelt. Zum Beispiel von sogenannten Eurowaisen, Kindern in Polen, deren Eltern zu Arbeitsmigranten im Westen wurden. Ther, der in Tschechien, Polen und der Ukraine gelebt hat, geht es auch um die Frage der „Selbst-Transformation“ der Leute, die, wie er betont, nicht nur Anpassung, sondern auch Widerstand beinhaltet.

Seine leicht geschriebene Analyse ist eine vorläufige Bilanz der neoliberalen Reformen. Nicht die Fundamentalkritik am Neoliberalismus ist Thers Sache, sondern dessen Anwendung und die konkreten sozialen Folgen. Darin erweisen sich die sogenannten Reformländer des Ostens als Experimentierfeld neoliberaler Politik. Ther spannt den Bogen bis in die unmittelbare Gegenwart und kann nachweisen: „Seit der 2010 ausgebrochenen Eurokrise gibt es einen neuen und gewollten Zusammenhang zwischen dem Osten und dem Süden Europas. Die Griechenland, Italien, Spanien und Portugal verordneten Reformen weisen Ähnlichkeiten mit den neoliberalen Einschnitten im postkommunistischen Europa auf.“

Diese gesamteuropäischen Zusammenhänge herauszuarbeiten, ohne in Ideologiekritik zu verharren, ist ein großes Verdienst des Buches. 2011 erschien von Philipp Ther „Die dunkle Seite der Nationalstaaten. Ethnische Säuberungen im modernen Europa“. Ein viel gelobtes Buch, um das sich die lustige Geschichte eines gescheiterten Verhinderungsversuchs seitens der ehemaligen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach rankt. Ther hatte den Vertriebenenverbände vorgeworfen, auch noch nach 1990 in der Ostpolitik den Kalten Krieg forgeführt zu haben. Steinbach versuchte daraufhin 2008 den Verlag Vandenhoeck & Ruprecht von seinem Publikationsvorhaben abzubringen.

Ein Lehrstück in Sachen autoritärer Charakter. Auch rein habituell, so der Eindruck, dürfte das nicht Thers Sache sein. TANIA MARTINI

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Übersetzung: Mirjam Pressler für „Judas“ von Amos Oz

Mirjam Pressler erhält den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Übersetzung von Amos Oz Roman „Judas“ über die Anfangszeit Israels

Der Einstieg: „Dies ist die Geschichte der Wintertage Ende des Jahres 1959, Anfang 1960.“ So einen schnörkellos-lapidaren ersten Satz muss man sich erst einmal trauen. Amos Oz findet von diesem unvermittelten Anfang zu einem fast zeitlos spröden Ton für seine Geschichte aus den frühen Jahren Israels mit dem abgründigen Titel „Judas“.

Für die Übersetzung von „Judas“ von Amos Oz gewinnt Mirjam Pressler den Leipziger Buchpreis. Bild: dpa

Oz erzählt vom asthmatischen Studenten Schmuel Asch, der aus plötzlicher finanzieller Not zum Vorleser für den bettlägrigen alten Gelehrten Gerschom Wald wird und schon bald beginnt, mit diesem angeregt über Zionismus oder den Konflikt zwischen Juden und Arabern zu sprechen. Und Oz erzählt von Schmuels Liebe zu Atalja Abrabanel, der Betreuerin von Gerschom Wald.

Der Roman ist zugleich eine Erinnerung an die Anfangszeit Israels - und eine Reflexion über theologische Fragen: So bricht Schmuel Asch sein Studium ab, als er an seiner Magisterarbeit mit dem Titel „Jesus in den Augen der Juden“ verzweifelt. Die Fragen des jungen Mannes aber bleiben.

Dass das karg-elegante Hebräisch von Oz sich auch im Deutschen nachvollziehen lässt, ist das Verdienst von Mirjam Pressler. Als Übersetzerin hat sie unter anderem Zeruya Shalev, Aharon Appelfeld und Lizzie Doron übertragen. Pressler selbst vergleicht ihre Arbeit gern mit der eines Musikers, der eine fremde Komposition interpretiert. Und musikalisch ist ihre Fassung von „Judas“ allemal geraten.

Womöglich verdankt sich ihre Sensibilität für die selbstverständliche Klarheit eines Romans wie „Judas“ zudem ihrem eigenen literarischen Schaffen als Autorin von Jugend- und Kinderbüchern, für die sie schon mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, 2013 etwa mit der Buber-Rosenzweig-Medaille.

Auch in Leipzig bekam sie schon zweimal eine Ehrung - den Deutschen Buchpreis, wie er damals hieß -, 2002 für ihren Jugendroman „Malka Mai“ und 2004 für ihr Lebenswerk. Jetzt erhielt sie für ihre virtuose Vermittlungsarbeit an „Judas“ den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung.

Die siebenköpfige Jury, bestehend aus Journalisten und Literaturkritikern, gab Pressler damit den Vorzug vor Moshe Kahns zwölfjähriger Mammutarbeit an Stefano DArrigos monumentalem, in einem künstlichen sizilianischen Dialekt verfassten Roman „Horcynus Orca“, Klaus Binders Prosafassung von Lukrez „Die Ordnung der Dinge“, Elisabeth Edls Übertragung von „Gräser der Nacht“ des Nobelpreisträgers Patrick Modiano und Thomas Steinfelds Neuübersetzung von Selma Lagerlöfs Kinderbuchklassiker „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“.

Gemeinsam mit Amos Oz kam Mirjam Pressler auf die Bühne, um sich zu bedanken, weil er „ein wunderbares Buch“ geschrieben habe. Oz erwiderte: Ein literarisches Werk zu übersetzen sei so, als würde man ein Violinkonzert auf einem Klavier spielen. Und Pressler sei eine große Pianistin. taz-Literaturredakteur Dirk Knipphals hob in seiner Laudatio den Ton Presslers hervor: „Hier kling nichts nach Übersetzung.“ Nicht zuletzt ist die Auszeichnung eine schöne Fügung für das Gastland Israel. TIM CASPAR BOEHME

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