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Preis für lesbische* SichtbarkeitDas Sternchen wird immer größer gedruckt

Zum fünften Mal wurde der Preis für lesbische* Sichtbarkeit verliehen. Doch gerade in Außenbezirken bleibt der Alltag ein politischer Kraftakt.

Es beginnt mit einem Beben. Als die zwei Dutzend Sän­ge­r:in­nen des Chors D-Dur Dykes am Mittwochabend im Festsaal Kreuzberg die ersten Takte von Chappell Roans „Good Luck, Babe!“ anstimmen – spätestens aber als Gleichstellungssenatorin Cansel Kiziltepe mit Sonnenbrille auf die Bühne tritt –, ist die Stimmung des Abends klar. Es soll gefeiert werden. Laut.

290 Anmeldungen für den 5. Berliner Preis für lesbische* Sichtbarkeit – ein neuer Rekord, so Kiziltepe. Doch die anfängliche Euphorie im Saal kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sichtbarkeit im Jahr 2026 zwei Seiten hat. „Die Welt da draußen ist oft bedrückend und einschüchternd“, mahnt Moderatorin Lydia Malmedie zu Beginn. Es ist ein Spagat zwischen dem Schutzraum der queeren Gemeinschaft und der oft feindseligen Realität auf der Straße, der sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung ziehen wird.

Empowerment in Anzug und Krawatte

Der Moment des Abends gehört Til Fox, In­itia­to­r:in des Projekts „Butch*Walk“: eine Modenschau, bei der vor allem männlich gelesene und maskuline FLINTA*-Personen als Models auftreten und sich für ihren Style und ihre Lebensweise feiern lassen können.

5. Berliner Preis für Lesbische* Sichtbarkeit

Der Berliner Preis für Lesbische* Sichtbarkeit wird seit 2018 alle zwei Jahre von der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung verliehen. Er ehrt Frauen, Lesben, trans*, inter*und nicht-binäre Personen (FLINTA*), die durch ihr Engagement lesbisches Leben in der Hauptstadt sichtbar machen. Der diesjährige Preisträger ist Til Fox vom Projekt „Butch*Walk“.

Als Ge­win­ne­r:in des mit 5.000 Euro dotierten Hauptpreises tritt Fox ans Mikrofon. Bei dem Projekt, das in diesem Jahr ebenfalls sein fünfjähriges Jubiläum feiert, gehe es nicht um kommerziellen Druck. „Wir arbeiten bewusst mit kleinen Labels, mit queeren Designer:innen, mit nachhaltiger Mode, Vintage und Upcycling. Fernab von Mainstream und Fast Fashion.“ Der englische Begriff „Butch“ sei häufig negativ besetzt, so Fox. „Butch*Walk“ wolle ihn mit Stolz belegen und auch der jüngeren Generation näherbringen.

Laut Fotografin Deborah Moses Sanks, Laudatorin für Fox und Preisträgerin von 2024, versteht „Butch*Walk“ Kleidung nicht als Konsum, sondern als Sprache. Die online zugeschaltete US-Amerikanerin sei dort selbst auch schon als Model aufgetreten. „Der Butch*­Walk hat mir die Möglichkeit gegeben, eine Version von mir zu präsentieren, die ich nirgendwo anders hätte zeigen können.“

In diesem Jahr erhielten erstmals auch die Zweit- und Drittplatzierte Auszeichnungen. Die langjährige Aktivistin Monique King und Elodie Forget vom „Lesberlin Run & Social Club“ bekamen jeweils ein Preisgeld von 2.500 Euro überreicht. Filmemacherin Sophia Emmerich, Laudatorin für King, erinnerte in ihrer Rede daran, dass Sichtbarkeit manchmal auch bedeute, dafür zu sorgen, dass andere im Mittelpunkt stehen können.

Das Sternchen in Butch*­Walk wird auf unserem Plakat von Jahr zu Jahr immer größer gedruckt. Das ist kein Zufall, das hat politische Gründe.

Til Fox, Preis­trä­ge­r:in des 5. Berliner Preises für Lesbische* Sichtbarkeit

Fox erzählt: „Das Sternchen in Butch*­Walk wird auf unserem Plakat von Jahr zu Jahr immer größer gedruckt. Das ist kein Zufall, das hat politische Gründe.“ Denn Sichtbarkeit in Berlin besteht nicht nur aus Kreuzberger Festakten. Das wurde in den vergangenen Aktionstagen anlässlich des Tags der lesbischen* Sichtbarkeit am 26. April deutlich. Dort wurde der Blick bewusst in ganz verschiedene Kieze gelenkt – auch in die Außenbezirke. In Treptow-Köpenick, Lichtenberg oder Marzahn-Hellersdorf bedeutet queeres Leben oft noch Pionierarbeit.

Zehn Kilometer entfernt vom Festsaal, südöstlich der Stadtmitte, liegt das Casablanca. An einem Laternenmast direkt vor dem Eingang in das kleine Studiokino hängt ein AfD-Plakat: eine Einladung zum Bürgerdialog mit Politikern, die queerem Leben entschieden entgegenstehen. Dort haben sich am Freitagabend etwa 30 Menschen versammelt, die meisten von ihnen FLINTA*. Unter anderem auf Initiative der Organisation LesLeFam e. V. wurde gezielt zu einem lesbischen* Filmabend geladen.

In dem Kino in Adlershof flimmert der queere Film „Die jüngste Tochter“ über die Leinwand. Die Kinowerbung davor: Eine lokale Pfarrerin spricht über den Verlust von Begegnungsorten im Kiez. An diesem Abend ist das Casablanca ein solcher Begegnungsort. Die jüngste Besucherin ist 20 Jahre alt, in den Reihen finden sich aber auch viele graue Schöpfe. Doch einige von ihnen sind aus anderen Bezirken angereist: Kreuzberg, Moabit, Mitte. Gerade in Außenbezirken ist es schwer, lesbische Personen vor Ort zu erreichen. Veranstaltungen wie das „Queere Herbstfest“, das 2026 zum fünften Mal geplant ist, sind teilweise Erfolge, aber keine Selbstläufer.

In Lichtenberg wird derzeit an einem Bezirksaktionsplan gearbeitet, eine halbe Stelle für eine queer-beauftragte Person soll geschaffen werden. Doch bis diese Strukturen greifen, soll es noch mindestens sechs bis neun Monate dauern. „Es wäre alles so viel leichter, wenn alle zwölf Bezirke Queer-Beauftragte hätten“, sagt eine Frau beim Sektempfang.

In Marzahn-Hellersdorf gibt es seit 2015 eine Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte: Maja Loeffler hat gemeinsam mit anderen bezirklichen Queer- und Gleichstellungsbeauftragten ein Programm in Gang gebracht, das nicht nur queeres Leid, sondern bewusst die schönen Seiten queeren Lebens in den Vordergrund rückt. So auch der Kinoabend in Hellersdorf, bei dem einer ähnlich großen Gruppe an Be­su­che­r:in­nen „15 Liebesbeweise“ gezeigt wird: ein französischer Film, in dessen Mittelpunkt ein lesbisches Paar steht, das ein Kind erwartet. Die rechtlichen Problematiken der Adoption, verletzende Familiendynamiken und Unsicherheiten der Protagonistinnen werden zwar thematisiert, doch der Film zeigt auch das Glück eines neuen Lebens.

Sicherheit statt Symbole

Queeres Familienleben ist auch im Festsaal Thema: Kiziltepe verkündet auf der Bühne die Veröffentlichung einer juristischen Expertise, die sich mit dem historischen Unrecht von Sorgerechtsentziehungen bei lesbischen und bisexuellen Müttern beschäftigt. Sie verweist zudem auf die bundesweit erste Berliner Landesstrategie für queere Sicherheit. Eine, die nötig scheint: Im Mai soll eine Studie zu häuslicher Gewalt in queeren Beziehungen vorgestellt werden – ein Thema, das in der Community lange tabuisiert wurde.

Die Preisverleihung endet, wie sie begonnen hat, mit den D-Dur Dykes, die Ebows Hymne „Lesbisch“ singen. In den Sitzreihen liegen sich Paare in den Armen, küssen sich, schließen die Augen und schwingen im Rhythmus mit. Die Botschaft des Abends und der vergangenen Tage bleibt. Sichtbarkeit ist kein Zustand, sondern ein fortdauernder Kraftakt. Den kann man nicht nur in Kreuzberg feiern, sondern muss ihn in jeden Bezirk tragen.

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