Präsidentschaftswahl in Tunesien

Außenseiter in der Stichwahl

Die etablierten Kandidaten wurden abgewählt. Ein inhaftiertes Unternehmer und ein Verfassungsrechtler gehen in die Stichwahl.

Feiernde Menschen um ein Plakat herum

Tanzende Fans feiern den zweitplatzierten Kandidaten Nabil Karoui Foto: afp

TUNIS taz | Im Büro des Kampagnenteams von Kaïs Saïed lässt am Sonntagabend nichts darauf schließen, dass hier der womöglich zukünftige Präsident Tunesiens seinen Wahlkampf organisiert hat. Sein leerer Schreibtisch hat die besten Jahre hinter sich, ein Dutzend Freiwillige sitzen im Nebenraum auf alten Plastikstühlen und starren auf die ersten Hochrechnungen auf dem TV-Bildschirm.

„Ich weiß gar nicht, wie groß mein Unterstützerteam ist, da wir mit Aktivisten im ganzen Land lose organisiert arbeiten und das seit zehn Jahren, also bevor es überhaupt freie Wahlen gab“, sagt der auf sozialen Medien „Roboter“ genannte Professor für öffentliches Recht. Saïed spricht langsam und überlegt, ohne jegliche Mimik und auf Hocharabisch. Nach der ersten TV-Debatte waren seine sowieso schon guten Umfragewerte zur Verwunderung aller Experten weiter in die Höhe geschnellt. Anders als die von PR-Beratern betreuten anderen Kandidaten erreicht der schlanke ältere Herr mit seiner Art die Stimmung der Tunesier.

Seine Botschaft war immer klar und ohne Hass „auf die anderen“, betont Saïed. „Die Tunesier wollen endlich eine ganz andere Form von Politik, weg von Korruption, hin zu einem Rechtsstaat. Schon seit Jahrzehnten erhalten die Bürger doch keine Antworten auf ihre alltäglichen Nöte.“

Da ertönt aus dem Nebenraum plötzlich ein Jubelschrei: In den ersten Ergebnissen liegt Kaïs Saïed auf Platz eins. Eine Mitarbeiterin stürmt in sein Büro und umarmt ihn weinend, andere folgen. Der Professor bleibt gefasst. „Hätten die Wahlen jetzt nicht stattgefunden, wären wir weiter auf Tour in den Provinz“, sagt jemand.

Saïed küsst die tunesische Fahne, als die ersten tunesischen Journalisten zu ihm in die Rue Ibn Khaldoun kommen, eine heruntergekommene Nebenstraße im Zentrum von Tunis. Am Montag stellt sich heraus: Nach vorläufigen Ergebnissen der Wahlkommission ISIE liegt der konservative Verfassungsrechtler mit 19 Prozent tatsächlich auf Platz eins.

Zweiter ist demnach der bekannte Medienmogul Nabil Karoui, der aus dem Gefängnis heraus kandidiert hat. Knapp dahinter rangiert Ennahda-Kandidat Mourou. Der amtierende Premierminister Youssef Chahed landet nur auf Platz 5.

Hungerstreik in Haft

Völlig anders als bei Professor Saïed wird beim Kampagnenteam von Nabil Karoui gefeiert. Vor der Straße tanzen Kinder und Jugendliche zu lauter Musik aus Autoradios. Überall liegen Flyer mit Bildern von ihm, junge Frauen betreuen die Gäste, die Karouis Frau persönlich empfängt. Der Besitzer des Senders Nessma TV ist vor der Wahl in den Hungerstreik getreten und sieht sich als politischer Häftling. Auch internationale Diplomaten fragen sich, warum der „Berlusconi von Tunesien“ nach dreijähriger Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung ausgerechnet wenige Wochen vor den Wahlen von einer Antiterroreinheit verhaftet wurde. Nach der Stichwahl im Oktober könnte er direkt aus der Gefängniszelle in den Präsidentenpalast einziehen.

Mit einer französischen PR-Firma will Karoui dann den „Krieg gegen die Armut“ beginnen. Er verspricht staatliche Investitionen und private Start-ups vor allem in Sidi Bouzid, Kasserine und anderen Orten des vernachlässigten Südens.

Nach ersten Umfragen haben vor allem schlecht ausgebildete Tunesier auf dem Lande den 56-jährigen Unternehmer Karoui gewählt. Aber junge Gebildete haben lieber für den 59-jährigen Professor Saïed gestimmt. „150.000 Studenten machen jedes Jahr ihren Abschluss, aber sie bekommen nur einen Job, wenn ihre Eltern die richtigen Beziehungen haben“, erklärt diesen Erfolg Elfkah Komel, der an Saïeds Programm arbeitet. „Kaïs Saïed steht für den Neuaufbau des Verhältnisses von Bürgern und Institutionen, basierend auf Gesetzen und nicht auf Beziehungen. In Tunesien sitzen viele Leute unschuldig im Gefängnis. Wir wollen einen neuen Sozialvertrag.“

Am 23. Oktober werden also zwei Außenseiter gegeneinander um den Einzug in Tunesiens Präsidentenpalast antreten. Zwar haben mit 45 Prozent der 7 Millionen registrierten Wähler weniger Menschen als erwartet bei der Wahl um die Nachfolge des vor sechs Wochen verstorbenen 92-jährigen Caid Essebsi abgestimmt, bei Tunesiens dritter freier Wahl nach dem Sturz von Diktator Ben Ali vor acht Jahren. Ihre Botschaft ist ähnlich klar wie damals: gegen den Status quo, gegen die Eliten in Tunis.

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